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Mag Zombiefilme, isst privat aber nur Gras und Steine: Maxi Braun
Foto: Marc Krauß

Fressen und gefressen werden

28. September 2017

Film und Fleisch: ein pikantes Rezept – Vorspann 10/17

Am 21.9. startete Ildikó Enyeds „Körper und Seele“ in den Kinos. Der auf der Berlinale 2017 mit dem Goldenen Bären prämierte Film entfaltet eine ungewöhnliche Liebesgeschichte vor der Kulisse eines (realen) Schlachthauses. Film und Fleisch, Kino und Schlachten, das hat schon länger Tradition und dabei ging es nicht immer nur um Rindersteak, Schweinemett und Lammlachse.

In den 1970er Jahren erfreute sich das Genre des Kannibalenfilms, artverwandt mit den Zombieschockern der Zeit, großer Beliebtheit. Auftakt war Umberto Lenzis „Mondo Cannibale“, der übrigens besonders für seine realen Tötungsszenen von Tieren kritisiert wurde. Kannibalismus konnte aber nicht nur der Exploitation-Film. 1973 erschien die Sci-Fi-Dystopie „Jahr 2022...die überleben wollen“ und zeichnete das Bild einer ausgebeuteten Welt, in der ein Konzern mit seinem Produkt „Soylent Green“ das Monopol auf Nahrung für die halbe Weltbevölkerung hält. Am Endes von Richard Fleischers (!) Film stellt sich heraus, „Soylent Green is people“ – also Menschenfleisch.

1991, lange bevor Jean-Pierre Jeunet die fabelhafte Amélie durch Paris tänzeln ließ, verfütterte er in seinem Regiedebüt „Delicatessen“ Hausmeister an hungrige MieterInnen. Im selben Jahr genoss Dr. Hannibal Lecter seine (Menschen-)Leber gerne mit ein paar Fava-Bohnen und einem ausgezeichneten Chianti. Kannibalismus ist ein solides, cineastisches Rezept, um mit subtilen bis explizit-blutigen filmsprachlichen Mitteln an einem Zivilisations-Tabu zu rühren.

Dabei prägt der Kulturkreis, was wo gegessen werden darf. Mensch steht zwar sehr selten auf der Speisekarte, aber während in Indien die Kühe heilig sind, essen sie in China Hunde. Immer wieder hinterfragen Filme auch unseren Fleischkonsum kritisch. Bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes feierte der US-amerikanisch-südkoreanische Abenteuerfilm „Okja“ Premiere und startete im Sommer zeitgleich in den US-Kinos und auf dem Streamingdienst Netflix. Tilda Swinton spielt darin die böse Chefin des multinationalen Konzerns Mirando, der genmanipulierte Superschweine als experimentelle Lösung für den Welthunger züchtet. Zehn Prototypen wachsen unter jeweils anderen klimatischen Bedingungen auf der ganzen Welt auf. Eines von ihnen heißt Okja und ist die beste Freundin der kleinen Mija. Eines Tages holt sich der Konzern sein Eigentum zurück und bringt Okja aus dem koreanischen Dorf nach New York. Zuerst soll experimentiert, dann geschlachtet werden. Gemeinsam mit der Animal Liberation Front nimmt Mija die Verfolgung auf. Die Story mag albern klingen, aber Regisseur Bong Joon-ho hat hier einen sehr berührenden Film geschaffen, der in der zweiten Hälfte brutal und ehrlich aufzeigt, was es bedeutet, Tiere zu essen. Am Ende findet Mija ihr Schwein in allerletzter Sekunde in einem Schlachthaus wieder. Eindrücklicher als die gezeigten Schlachtszenen ist das gesamte Setting: Einer einzigen Rettung stehen hunderttausende Superschweine, die hinter Stacheldraht auf ihre Tötung warten, gegenüber.

Wer danach den Appetit verloren hat, dem empfehle ich Marc Pierschels neue Doku „The End of Meat“, seit Mitte September auf Kinotour. Nach seinem Plädoyer für den Veganismus in „Live and Let Live“ geht es dem Regisseur hier um die Frage, wie eine Gesellschaft ohne die Ausbeutung von Tieren funktionieren könnte.

Maxi Braun

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