Vier Jahreszeiten, vom Winter 1944 an, begleitet Maura Delpero in ihrem zweiten, autobiografisch gefärbten Spielfilm „Vermiglio“ den Lehrer Cesare, seine Frau Adele und ihre acht Kinder durch ihr entbehrungsreiches Leben in den Trentiner Alpen. Als Pietro, ein sizilianischer Deserteur, im Dorf Unterschlupf findet und sich Lucia in ihn verliebt, gerät das fragile Familiengefüge in Unordnung. Denn nach Heirat und Kriegsende fährt Pietro in die Heimat, um seine Mutter zu besuchen, lässt die schwangere Lucia zu Hause. Schließlich muss die Familie erfahren, dass Pietro bereits eine Ehefrau in Sizilien hat, was eine Folge tragischer Ereignisse auslöst. Es sind die atmosphärisch dichten, in grau-blauen Farbtönen gehaltenen Landschaftspanoramen und der emphatische Blick von Michail Kritschmans Kamera in die Gesichter, die uns die imposante Berglandschaft und die ambivalenten Gefühle der Protagonist:innen erfahrbar werden lassen. Und natürlich Maura Delperos respektvoller Umgang mit ihren liebevoll gezeichneten Figuren, die sie niemals vorführt, selbst ihren Schwächen mit Menschlichkeit begegnet. „Vermiglio“ wirkt in seiner humanistischen Grundhaltung und inszenatorischen Kraft ein wenig wie die frühen Filme des italienischen Neorealismus – nur das hier Farbe in die Bilder eingekehrt ist.
Eine der einprägsamsten Szenen des Films „Oxana – Mein Leben für die Freiheit“ zeigt Oxana Schatschko (Albina Korzh) beim Schwimmen in einem Hallenbad. Die Kamera fokussiert auf den Kopf der Schwimmerin, die sich in unsere Richtung bewegt, auf die zielstrebigen Vorwärtsbewegungen an der Wasseroberfläche. Das, was unter der Oberfläche passiert, sehen wir nur sehr verschwommen. Die Szene könnte ein Sinnbild für das Leben der Aktivistin, Künstlerin und Exilantin Oxana sein, einer Frau, bei deren offenem Aktivismus vieles unter der Oberfläche verborgen bleibt. Mit dem fließenden Wasser einer ausgiebigen Dusche beginnt auch der Film und Oxanas letzter Tag, der 23. Juli 2018. Am frühen Morgen läuft die Künstlerin durch die noch leeren Straßen von Paris zu ihrem Atelier. Dort sind letzte Arbeiten an ihrem Werk fertigzustellen. Es ist der Tag, an dem der Höhepunkt ihrer künstlerischen Laufbahn mit einer gut besuchten Vernissage gefeiert wird. Während sie sich durch diesen Tag bewegt, einen Ex-Liebhaber trifft und ein Interview mit einer Journalistin führt, spielt sich Oxanas Leben und vor allem die Femen-Zeit in Rückblenden ab. Der Film bewegt sich in einen Zeitraum von zehn Jahren, zeigt eine zielgerichtete, mutige, überzeugte und gleichzeitig zerrissene, desillusionierte junge Frau, die an ihren Forderungen für Freiheit und Selbstbestimmtheit festhält – und letztlich daran zerbricht.
2020 veröffentlicht Stephen King in seinem Sammelband „Blutige Nachrichten“ vier Kurzromane. Eine der Geschichten bildet die Vorlage zu diesem wundervollen Drama: „The Life of Chuck“. Im Zentrum steht der 39-jährige Buchhalter Chuck (Tom Hiddleston, „Loki“), um den herum die Welt untergeht. Chuck wird als Kind Waise und wächst bei seinen Großeltern auf. Die Großmutter (Mia Sara, „Ferris macht blau“) inspiriert ihren Enkel zum Tanz, der Großvater (Mark Hamill, „Star Wars“) teilt mit ihm ein Geheimnis oben hinter der verschlossenen Tür auf dem Dachboden. Chucks Leben wird früh getrübt, aber er beschließt, sein Leben zu leben in jedem Augenblick. Die Beziehung zu den Großeltern ist dabei zentral. Film und Vorlage bewegen sich freihändig durch Chucks Biographie, richten den Fokus aber auch auf Randfiguren, greifen Walt Whitmans Philosophie auf, erzählen Kurioses und räumen der Interpretation des Geschehens im besten Sinne Spielraum ein. Vor allem aber lebt der Film von Momenten. Von Spontaneität. Vom Leben im Hier und Jetzt. Vom Augenblick, der sich atemberaubend zum Highlight des Dramas verdichtet, wenn Chuck auf Geschäftsreise in der Bostoner Fußgängerzone auf die Schlagzeugerin Taylor (Taylor Gordon alias The Pocket Queen) trifft.
Außerdem neu in den Ruhr-Kinos: das Stop-Motion-Drama „Memoiren einer Schnecke“ von Adam Elliot, das Superhelden-Reboot „The Fantastic Four: First Steps“ von Matt Shakman und das Trickfilmabenteuer „Grand Prix of Europe“ von Waldemar Fast.
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