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Loin - Weit weg

Loin - Weit weg
Frankreich/Spanien 2000, Laufzeit: 120 Min.
Regie: André Téchiné
Darsteller: Stéphane Rideau, Lubna Azabal, Mohamed Hamaïdi, Yasmina Reza, Jack Taylor, Gaël Morel, Rachida Brakni, Nabila Baraka, Faouzi Bensaïdi, Hamid Basket, Zakariya Ennail, Victor Ramos

Tanger: ein Ort, zugleich Brückenkopf und Barriere, zwischen Afrika und der arabischen Welt auf der einen Seite, Europa und den reichen Ländern auf der anderen Seite. Menschen setzen sich abends an den Strand und schauen über die Straße von Gibraltar hinüber zum wie unwirklich erscheinenden spanischen Festland. Junge Männer drücken sich im Dunkeln am bewachten, abgesperrten Hafenbezirk herum, wo die Lastwagen stehen, die auf die Überfahrt warten. Sie träumen davon, als blinder Passagier nach Europa zu kommen. Manche werden nach langer Fahrt tot unter den Sattelschleppern gefunden. Andere kommen aus Europa oder Nordamerika hierher, Kosmopoliten, die dem Lockruf Afrikas folgend die westliche Zivilisation hinter sich ließen.

Eine Nebenfigur in André Téchinés Film ist Paul Bowles nachempfunden, der Jahrzehnte hier lebte. Alles, was sie im Film sagt, ist einem Interview mit dem Schriftsteller entnommen. Im Vordergrund stehen jedoch die Schicksale von Serge, dem LKW-Fahrer, seiner Geliebten Sarah, die eine kleine Pension führt, und Saïd, der vom Lande kommt und als Dienstbote für Sarah arbeitet. Drei Tage beschreibt Téchinés Film, in denen sich das Schicksal der Drei entscheiden muss. Serge ist, wie es jedem Fahrer auf dieser Transferstrecke unweigerlich passiert, mit dem gefährlichen Angebot konfrontiert, Rauschgift zu schmuggeln. Mit dem Geld könnte er mit Sarah ein neues Leben in Frankreich beginnen. Sie jedoch hat die Möglichkeit, zu ihrem Onkel nach Kanada zu gehen, die unstete Beziehung mit Serge zu beenden. Immer wieder hat sie sich von ihm getrennt und ist trotzdem, sobald er nach Wochen wieder einige Tage in der Stadt ist, für wenige leidenschaftliche Stunden mit ihm zusammen. Saïd lässt sich diesmal von Serge das Versprechen geben, dass er ihn mit nach Europa nimmt, wenn er die Versöhnung der beiden ermöglicht. Denn Sarah will Serge endgültig nicht mehr sehen. Drei Tage, in denen der Regisseur diesen Menschen folgt, ihren Fahrten durch die Stadt, ihren Gesprächen, in denen die Bilder und Dialoge den Sorgen, Hoffnungen, Gefühlen Ausdruck verleihen. Menschen, innerlich bewegt durch den sich ankündigenden Umbruch in ihrem Leben, und dauernd in Bewegung: Serge mit seinem riesigen Lastwagen, Saïd mit dem Fahrrad, das sein wichtigster Besitz ist, Sarah mit dem Mofa.

Mit großer Authentizität hat Téchiné den Schauplatz seines Dramas zum wichtigen Angelpunkt der ineinander spielenden Geschichten gemacht. "Ich wollte die Atmosphäre der Drehorte möglichst unverfälscht einfangen, sowohl im Bild als auch im Ton." Mit einer leichten Digitalkamera gedreht, hat der Regisseur allerdings trotzdem nichts der Improvisation überlassen. Er wollte unbedingt vermeiden, dass sein Film infolge der reduzierten technischen Voraussetzungen "schroff und experimentell" wirkt. Im Gegenteil: sein Werk spielt eher in die Ästhetik eines Abenteuerfilms hinüber. Ein Film aus einem Guss, von großer innerer Spannung, ungemein intensiv und von bewunderswerter Virtuosität im Umgang mit den filmsichen Mitteln. Der Film untermauert die Tatsache, dass André Téchiné ("Meine liebste Jahreszeit", "Alice und Martin") zwar als einer der "stillen", aber eben auch als einer der bedeutendsten zeitgenössischen französischen Regisseure gelten kann.

(Heinz Holzapfel)

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