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Sarah Hartmann (li.) und Melanie Hagen vom Verein Mother Hood e.V. in Bochum
Foto: Maxi Braun

Wunde der Geburt

16. Januar 2018

„Die sichere Geburt – Wozu Hebammen?“ in Kooperation mit Mother Hood e.V. im endstation.Kino am 13.1. – Foyer 01/18

Bochum, den 13.1.: Die Geburt eines Kindes ist ein überwältigendes Erlebnis, sowohl für Mütter als auch Väter. Wenn ein neuer Mensch das Licht der Welt erblickt, ist dieses Ereignis begleitet von Glücksgefühlen, die kinderlose Menschen zwar erahnen, aber schwer fassen oder beschreiben können.

Die Geburt des ersten Kindes, die drei Mütter in Carola Haucks Dokumentation „Die sichere Geburt – Wozu Hebammen?“ schildern, könnte sich nicht stärker von diesem Idealbild unterscheiden. In Interviews – gemeinsam mit ihrem Partner oder allein – berichten sie von dem Trauma dieser Geburt. Da ist wie wohl bei allen Erstgebärenden die Unsicherheit einer völlig neuen Erfahrung: Wie schlimm werden die Schmerzen sein? Wie lange wird es dauern? Und vor allem: Wird alles gut gehen, mit mir und dem Kind?

Die Frauen schildern, wie sie nach dem Blasensprung in der Klinik ankamen, alleine blieben mit unheilvoll piependen CTGs und schmerzenden Venenzugängen im Arm. Sie erzählen, wie sich anfängliche Nichtbeachtung in Ungeduld der Beleghebammen und ÄrztInnen wandelte. Sie berichten von der PDA, die sie nicht wollten und die ihren Unterkörper derart lähmte, dass sie kein Gefühl und keine Verbindung zu den Wehen und dem eigenen Körper spürten. Sie erinnern sich, wie ihre Wünsche nach einer natürlichen Geburt einfach übergangen und als unzurechnungsfähige Phantastereien abgetan wurden – ohne dass eine medizinische Indikation das nötig gemacht hätte.

Die Krankenhäuser, in denen diese Frauen ihr erstes Kind zur Welt gebracht haben, sind keine Kliniken aus einem Horrorfilm, das Personal nicht grausam oder sadistisch. Aber zwischen überarbeitetem Personal, reglementierten Abläufen und forensischen Unsicherheiten und der Ausnahmesituation der Mütter, klafft ein tiefer Graben. Hauck will nicht die medizinischen Errungenschaften wie PDA oder Kaiserschnitt verteufeln. Sie geht der Frage nach, was Geburten sicher macht, wodurch eine Geburt gestört wird und welche Folgen sogenannte Interventionen während der Geburt (Verabreichung wehenhemmender und weheneinleitender Mittel, Kaiserschnitt, Zangen- oder Saugglockengeburt) für Mutter, Kind und die Gesellschaft haben können.

Neben den eindrücklichen und sehr intimen Erlebnissen der Mütter kommen auch ExpertInnen zu Wort, die es anders machen. Darunter die mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnete, „bekannteste Hebamme der Welt“ Ina May Gaskin oder Rainhild Schäfers, Professorin für Hebammenwissenschaft an der Hochschule für Gesundheit Bochum. Dazu kommen Neonatalogen, Perinatologen und ein Ostheopath. An anatomischen Modellen und in Trickfilmanimationen wird gezeigt, welche Interventionen während der Geburt möglich und oftmals nur vermeintlich notwendig sind.

98 % aller Geburten finden in Krankenhäusern statt, Intervention inklusive

Erschreckend ist dabei für Laien, wie viele medizinische Erkenntnisse bei der Mehrzahl der Geburten, von denen 98 % in Krankenhäusern stattfinden, scheinbar ignoriert werden. Venenzugänge seien keinesfalls bei jeder Geburt nötig, könnten im Notfall schnell gelegt werden, schränken aber die Bewegungsfähigkeit der Frau ein. Die auf dem Rücken liegende Position wird in vielen Kreißsälen bevorzugt, verhindert anatomisch aber die nötige Öffnung des Beckens. Das körpereigene, auch als „Kuschelhormon“ bekannte Oxytocin spielt nicht nur eine Rolle beim weiblichen Orgasmus, sondern wirkt bei der Geburt schneller als jedes Schmerzmittel, nicht jedoch in Verbindung mit diesen. Die Kaiserschnittrate eines Krankenhauses hängt oft mit der Überzeugung von Chefarzt oder -ärztin zusammen, nicht mit der medizinischen Notwendigkeit. Dem üblichen, sofortigen Kappen der Nabelschnur liegen keine wissenschaftlichen Studien zu Grunde, es wird nur seit Jahrzehnten so gemacht, verhindert Blutverlust bei der Mutter, vermindert aber auch das Blutvolumen des Neugeborenen mit bisher noch nicht absehbaren Folgen. Dies sind nur einige Beispiele, die im Film kritisch hinterfragt werden.

Idealbild nach einer gelungenen Entbindung, Foto: Daniel Sauerborn

Medizin im Allgemeinen und Gynäkologie im Speziellen sind keine exakten Wissenschaften. Zu jeder im Film genannten These wird es MedizinerInnen geben, die Argumente dagegen vorbringen können. Die ExpertInnen, die im Film zu Wort kommen, haben aber ebenfalls jahrelange Berufserfahrung. Kliniken hingegen sind Institutionen, die in Notfällen effektiv und schnell reagieren müssen. Eine natürliche statt einer kontrollierten Geburt, deren Dauer nicht planbar ist, passt dort nicht in die Abläufe. Die drei interviewten Mütter haben weitere Kinder bekommen. Allerdings in Geburtshäusern oder per Hausgeburt, was sie selbst zum Abschluss der Dokumentation als erhebende Erfahrung schildern.

Viele Mütter und Schwangere – Männer sind nur vereinzelt zu sehen – diskutieren im Anschluss an den Film mit Melanie Hagen und Sarah Hartmann, angehende Ärztin, von „Mother Hood e.V.“ Der Verein setzt sich für eine gesunde und stressfreie Schwangerschaft, eine selbstbestimmte und sichere Geburt und gesundes Aufwachsen des Kindes im ersten Lebensjahr ein. Das separat stehende Hood erinnert an den gleichnamigen Unrechtsbekämpfer Robin, da es dem Verein auch um einen Kampf für die Rechte von Müttern bzw. Eltern geht.

Expertin der eigenen Geburt werden

Neben dem Krankenhaus gibt es, wie im Film gezeigt, Alternativen zur klassischen Kreißsaal-Geburt. Melanie Hagen, Leiterin der Stadtgruppe Essen und Metropole Ruhr bei Mother Hood, macht aber deutlich, dass eine Geburt in einem Geburtshaus oder gar eine Hausgeburt nicht für jede Frau die beste Lösung ist. Dabei spielen nicht nur medizinische Voraussetzungen einen Rolle, sondern psychologische. Denn wer Angst um die eigene Gesundheit oder die des Kindes hat und im Notfall lieber alle Errungenschaften moderner Medizin zur Hand haben möchte, wird daheim keine entspannte Geburt erleben, denn Angst blockiert. Hier hilft es laut Melanie Hagen, sich im Vorfeld ausführlich zu informieren. Denn es gibt gute Argumente für Hausgeburten und Geburtshäuser, wenn es sich um eine komplikationslose Schwangerschaft handelt.

Was im Film zur Sprache kommt und auch im Publikum Konsens scheint, ist der Wunsch, die Geburt wieder als natürlichen Vorgang und nicht als Notfall zu begreifen. Ein Ereignis, das ohne Scham und Ekel ablaufen sollte, bei der sich eine Mutter trotz aller Belastungen wohl fühlen sollte. Als ein aktives Teamwork von Mutter und Kind, als dessen Ergebnis letzteres in den Armen seiner Mutter liegt. Dahinter steht auch die Überzeugung, dass eine Frau, wenn es keine Komplikationen gibt, ohne Intervention gebären kann. Eine versierte Hebamme sollte aber dabei sein, egal wo die Geburt letztlich stattfindet.

Der Weg dahin ist für jede einzelne Frau schwierig, es besteht aber auch Handlungsbedarf am gesellschaftlichen wie medizinischen System. Das beginnt bei der Ausbildung von ÄrztInnen und Hebammen, die nie eine Geburt ohne Intervention erlebt haben und setzt sich fort bei unsicheren GynäkologInnen, die lieber zu vorsichtig sind und eine Schwangerschaft vorschnell problematisieren. Das nimmt aber auch Mütter bzw. Eltern in die Pflicht, medizinische Routinen zu hinterfragen. Wie hoch ist die Kaiserschnittrate eines Krankenhauses, ist ein Venenzugang obligatorisch und wie viele Hebammen sind für gewöhnlich im Nachtdienst vor Ort? Die Nachfrage bestimmt auch hier das Angebot. Je mehr Frauen sich also für eine salutogenetische, sprich ganzheitliche und prozessorientierte Geburtsbetreuung interessieren, desto mehr rückt diese auch in den Fokus der MedizinerInnen und Hebammen.

Ein weiterer Faktor ist die Bezahlung und Wertschätzung, die die Gesellschaft Berufsgruppen wie Hebammen entgegenbringt. Eine Hebamme im Publikum bringt es auf den Punkt „Es heißt immer: Rettet die Hebammen. Das ist falsch gedacht. Es müsste heißen: Rettet die Frauen, die Geburt, die Kinder!“. Wieviele Hebammen es in Deutschland gibt, ist nicht genau belegt. Fest steht aber, dass es zu wenig sind.

Am Ende formuliert Melanie Hagen nochmal positiv: „Jede Frau ist die Expertin ihrer eigenen Geburt und sollte sich da auch nicht von außen reinreden lassen“. Denn auch bei sorgfältiger Planung und egal ob in der Klinik, dem Geburtshaus oder in den eigenen vier Wänden, ein Kind auf die Welt zu bringen ist kein Spaziergang. Die Chancen stehen aber bei guter Information und Wahlfreiheit gut, dass sie ein bereicherndes Erlebnis und kein traumatischer Horrortrip für Mutter und Kind wird. Im Idealfall sitzt die Hebamme dann währenddessen in einer Ecke des Zimmers und strickt.

Weitere Infos zum Thema:

www.mother-hood.de | Seite des Vereins bietet Informationsmaterial, weiterführende Adressen und Hinweise zu Aktivitäten in politischen Gremien und Veranstaltungen
www.die-sichere-geburt.de | weitere Informationen zum Film
www.quag.de | Gesellschaft für Qualität in der außerklnischen Geburtshilfe

Maxi Braun

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