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Das Wichern: Suppenküche und Kleinkunstbühne
Foto: Lutz Bahrmüller, Teamdesign Schwerte

„Zum Kichern ins Wichern“

26. Juli 2012

Heike Dahlheimer über soziales, kulturelles und kirchliches Engagement im Dortmunder Norden – Über Tage 08/12

trailer: Frau Dahlheimer, im Dortmunder Norden engagieren sich das Diakonische Werk und die Evangelische Kirche sowohl sozial, kulturell wie auch spirituell. Funktioniert das so wie in dem Film „Sister Act“?
Heike Dahlheimer: Es gibt da schon deutliche Unterschiede. Wir sind nicht katholisch. Deshalb gibt es im Kultur- und Tagungszentrum Wichern auch keine Nonnen und Mönche. Unser Umfeld ist vielleicht ähnlich bunt wie das des Klosters in dem Hollywood-Film. Der Dortmunder Norden hat durch Negativschlagzeilen in den letzten Jahren für Aufmerksamkeit gesorgt.

Der Dortmunder Norden, so liest man, ist geprägt von bulgarischen Prostituierten und Alkoholikern. Stimmt das?
Nein, die Realität entspricht nicht dem Bild, das die Medien zeichnen. Wenn Sie hier durch die Straßen gehen, dann merken Sie, wie grün der Dortmunder Norden ist. Es gibt den Fredenbaumpark, den Hoeschpark, den Stollenpark. Auch stehen hier viele restaurierte alte Häuser. Die Nordstadt ist das größte zusammenhängende Altbaugebiet der Stadt. Hier leben ganz viele unterschiedliche Ethnien. Die Menschen, die für die negativen Schlagzeilen sorgen, sind in der absoluten Minderheit. Ganz viele Künstler sind hierhin gezogen. Ich möchte die bestehenden Probleme nicht verharmlosen, aber ich finde das Leben hier sehr bunt, lebendig und auch friedlich.

Aber die Kirche wurde stillgelegt?

Heike Dahlheimer
Foto: Jonas Martinetz
Heike Dahlheimer ist Programmplanerin im Wichern.

Gerade in Stadtteilen, die zunehmend multikulturell geprägt sind, werden die evangelischen Gemeinden immer kleiner. Viele Standorte wurden deswegen schon von der Kirche aufgegeben. Das Wichernhaus hätte auch geschlossen werden sollen. So ist vor zehn Jahren die Idee entstanden, hier ein Kulturzentrum zu etablieren und dieses Haus für den Stadtteil zu bewahren. So verbinden wir Kultur mit Stadtteilarbeit. Viele Organisationen treffen sich hier. Und wir bieten an jedem Mittwoch mit Hilfe von 18 Ehrenamtlichen eine Suppenküche für 250 bedürftige Menschen aus dem Stadtteil an.

Sie verbarrikadieren sich also nicht hinter dicken Kirchenmauern?
Nein, die Kirche hat den Anspruch, auch die Rechte der Schwächeren zu vertreten. Und sie will fröhlich sein. Da gibt es in der Tat Parallelen zu der Handlung von „Sister Act“.

Protestanten können fröhlich sein? Ich dachte, die gehen zum Kichern in den Keller.
Bei uns gehen die Protestanten und auch andere Menschen zum Kichern ins Wichern.

Ich muss nicht getauft sein, um zu Ihnen kommen zu dürfen?
Nein, sie müssen auch nicht evangelisch sein, um zu uns zu kommen. Es ist natürlich bei uns auch nicht verboten, evangelisch zu sein. Für mich ist es völlig selbstverständlich, dass diakonische Angebote uneingeschränkt allen Menschen zugänglich sind.

Der junge Mann, auf den Sie sich beziehen, hat ja vor 2000 Jahren auch allen Menschen geholfen …
Ja, natürlich. Und dann gibt es ja noch eine zweite Persönlichkeit, auf die wir uns im Wichern beziehen. Besucher aus Berlin fragten mich mal, warum das Haus „Wichern“ heißt. Die dachten, dass das vielleicht der Stadtteil hier ist. Johann Hinrich Wichern war Begründer der Diakonie und auch Erfinder des Adventskranzes. Er setzte sich für mittellose Kinder und Jugendliche ein, gründete vor 180 Jahren das „Rauhe Haus“ in Hamburg. Unser Haus hieß übrigens immer schon Wichern-Haus. Als wir vor 10 Jahren unser Kultur- und Tagungszentrum eröffneten, haben wir diesen Namen übernommen, weil er sehr deutlich macht, woher wir kommen. Auch wir engagieren uns für die, die sonst keine Lobby haben.

Mal ganz provokant gefragt: Könnten die Leute, die Ihre Suppenküche besuchen, nicht einfach arbeiten gehen?
Dieses Totschlagargument höre ich Gott sei Dank nicht so oft. Jeder, der Dortmund und das Ruhrgebiet kennt, weiß, dass das so nicht stimmt. Für die 34.000 Menschen, die früher hier in der Montanindustrie gearbeitet haben, gibt es einfach keine adäquaten Arbeitsplätze mehr. Manche versuchen natürlich, gesellschaftliche Probleme zu individualisieren. So was regt mich auf.

Apropos aufregen. Sie bieten in Wichern Kultur an. Hat die immer einen Gottesbezug? Sonst wäre das am Ende, zumindest nach der Definition von Erzbischof Meisner aus Köln, entartete Kunst.
Diese Äußerung disqualifizierte diesen Mann so sehr, dass ich mich damit gar nicht auseinandersetzen mag.

Also ist Ihre Kultur nicht mit Gottesbezug ausgestattet?
Zunächst sehe ich Wichern als ganz normalen Kulturanbieter. Vielleicht ist es bei uns etwas familiärer als woanders. Wir präsentieren Musik, Theater und Kabarett sowohl hier aus dem Stadtteil wie auch bekanntere Künstler. Hier finden Nachwuchswettbewerbe, Schultheaterprojekte und auch Gastspiele von hochkarätigen Leuten statt. Mit dem Theater 36 haben wir ein hauseigenes Ensemble, das sich jedes Jahr eine neue Produktion erarbeitet. Einmal im Jahr findet hier ein Kirchenkabarett-Festival statt. So viel dazu, dass Protestanten zum Lachen in den Keller gehen würden.

Wichern ist jetzt 10 Jahre alt geworden. Was wünscht sich das Geburtstagskind?
Wir wünschen uns Geld, immer viele Besucher, und dass dieser Standort lange erhalten bleibt.

INTERVIEW: LUTZ DEBUS

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