Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30

12.569 Beiträge zu
3.795 Filmen im Forum

Hennes Bender
Foto: Marvin Ruppert

„Wir Ruhrgebietsmenschen sind kleine Gallier“

01. August 2022

Hennes Bender über seine Asterix-Bände und den Charme des Potts – Über Tage 08/22

trailer: Hennes Bender, zum Kabarett des Ruhrdeutschen gehören Namen wie Wilhelm Herbert Koch, Herbert Knebel oder Adolf Tegtmeier. Wie wichtig ist diese Tradition für dein eigenes Schaffen?

Erst mal finde ich es wichtig, seine Herkunft nicht zu verneinen. Aber ich sehe mich nicht als Ruhrpott-Komiker. Das kam später hinzu und ist auch kein Alleinstellungsmerkmal von mir. Es hat vielmehr eine Selbstverständlichkeit: Ich komme daher und spreche einfach so, ohne es künstlich zu kultivieren.

Diese Sprache des Potts kultivierten eben zunächst Koch, von Manger oder Knebel.

Als Kind wollte ich immer Platten von Otto Waalkes, Mike Krüger oder Didi Hallervorden haben. Das ganze Ruhrgebietszeug hat mich nicht so interessiert. Mein Vater schenkte mir damals eine Tegtmeier-Platte, aber das fand ich ziemlich doof damals. Irgendwann kam Hape Kerkeling, der zwar kein ausgewiesener Ruhrpott-Komiker ist, aber einen gewissen Ton getroffen hat, den der normalen Menschen. Denn wenn man sich Jürgen von Manger genau anhört, spürt man eine künstliche Überhöhung, das kommt nicht wirklich aus der Region. Es wurde oft gesagt, Herbert Knebel wäre der Erbe von Tegtmeier. Tatsächlich gibt es keinen, der den „homosruhrgebieticon“ erst so authentisch verkörperte wie Herbert Knebel, vor allem durch seine Sprache. Darum ging es mir auch in den Asterix-Comics: dass ich schreibe, wie gesprochen wird. Das möchte ich in der ganzen grammatikalischen Inkorrektheit verschriftlichen. Weil dieser Dialekt bedeutet nicht nur "fehlende Bildung", er ist auch Kultur: als eine direkte und knappe Sprache, die aus der Arbeitswelt stammt, vor allem aus dem Bergbau. Zwar gibt es diese Arbeitswelt nicht mehr, aber sie blieb Teil unserer Kultur.

​Hennes Bender
Foto: Marvin Ruppert
Hennes Bender (geb. 1968 in Bochum) ist Komiker, Schauspieler und Synchronsprecher. Er ist bekannt aus TV-Shows wie „Quatsch Comedy Club“ oder „7 Tage, 7 Köpfe“. 2004 erhielt er den Deutschen Comedypreis als bester Newcomer. Zuletzt erschienen von ihm die Bände der Reihe „Asterix auf Ruhrdeutsch“.

Du hast schon die erfolgreichen Asterix-Bände erwähnt. Dabei erschien das Ruhrdeutsche im Gegensatz zum Berlinerischen als eher provinziell. Woher rührt dieser Boom?

Das Ruhrgebiet wird immer unterschätzt, selbst nach dem Kulturhauptstadtjahr. Zugleich nehmen wir uns hier auch nicht allzu wichtig. Das müssen wir ein bisschen lernen. Das Asterix-Projekt passt daher wie „Arsch auf Eimer“: Wir sind dieses aufmüpfige Dorf, das besetzt und von allen Seiten umlagert wird. Wir Ruhrgebietsmenschen sind kleine Gallier, die aus Düsseldorf, Münster und Arnsberg regiert werden. Regierungsbezirksmäßig haben wir wenig Selbstbestimmung, aber wir wehren uns die ganze Zeit. Wir sind aufmüpfig, frech und einfallsreich. Ich war bei diesen Asterix-Comics jedoch nur der Sprechblasenfüller, die Vorlage kam von René Goscinny. Er schrieb diese Weltliteratur. Für mich ist es eine glückliche Fügung, dass diese Vorlage zum Ruhrgebiet passt.

Ist der Humor in „Dingenskirchen“ auch Verarbeitung von Arbeitsplatzverlusten?

Richtig. Humor ist immer wichtig als Traumabewältigung – auch, um sich wieder zu erden und zu verorten, wo man nun steht.

Dein Vater war im Opel-Werk tätig. Wie hast Du vor diesem biographischen Hintergrund den Strukturwandel erlebt?

Meine Eltern zogen aus Rüsselsheim nach Bochum, weil das hiesige Opel-Werk Arbeitskräfte benötigte. Ich wurde in Bochum geboren, wuchs dort auf und meine Eltern zogen schließlich wieder zurück nach Rüsselsheim. Aber in den Schul- und Semesterferien habe ich auch bei Opel am Band gearbeitet. Als mein Vater 1988 in Pension ging, ahnte er bereits, dass es nicht mehr lange gut geht mit Opel. Ich nahm es auch als sehr persönlich wahr, als sich die Schließung abzeichnete.

Sind diese einschneidenden Werk-Schließungen der letzten Jahre auch ein Grund für die zahlreichen Comedians aus der Region, oder hast Du eine bessere Erklärung dafür?

Es liegt daran, dass hier sehr viele Menschen wohnen. Es gibt im Ruhrgebiet auch mehr Schornsteinfeger als in Mecklenburg-Vorpommern. Wir sind ein Ballungsgebiet, was wir dabei allerdings nicht vergessen dürfen: Das Ruhrgebiet an sich existiert ja gar nicht. Es gibt zwar z.B. Menschen in Moers, die sich zum Ruhrgebiet zugehörig fühlen. Es gibt aber auch Duisburger, die sich dann wieder zum Niederrhein zählen. Wir sind ein Melting Point aus Rheinländern, Westfalen und Leuten aus dem Niederrhein oder dem Bergischen Land. Das ist also eine Identitätsfrage. Das hast Du in anderen Gegenden Deutschlands nicht in dieser Form, das ist das Geile an der Region. Dadurch entsteht eine andere Form der Kommunikation und Sprachkultur. Das zeichnet uns aus und auch deswegen gibt es bei uns so viele Komiker.

Interview: Benjamin Trilling

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

Alles steht Kopf 2

Lesen Sie dazu auch:

„Was im Ruhrgebiet passiert, steht im globalen Zusammenhang“
Die Dokumentarfilmer Ulrike Franke und Michael Loeken über den Strukturwandel – Über Tage 03/24

„Einer muss ja in Oberhausen das Licht ausmachen“
Fußballfunktionär Hajo Sommers über Missstände im Ruhrgebiet – Über Tage 02/24

„Mir sind die Schattenseiten deutlicher aufgefallen“
Nora Bossongüber ihre Tätigkeit als Metropolenschreiberin Ruhr – Über Tage 01/24

„Hip-Hop hat im Ruhrgebiet eine höhere Erreichbarkeit als Theater“
Zekai Fenerci von Pottporus über Urbane Kultur in der Region – Über Tage 12/23

„Das Ruhrgebiet erscheint mir wie ein Brennglas der deutschen Verhältnisse“
Regisseur Benjamin Reding über das Ruhrgebiet als Drehort – Über Tage 11/23

„Kaum jemand kann vom Schreiben leben“
Iuditha Balint vom Fritz-Hüser-Institut über die Literatur der Arbeitswelt – Über Tage 10/23

„Es hat mich umgehauen, so etwas Exotisches im Ruhrgebiet zu sehen“
Fotograf Henning Christoph über Erfahrungen, die seine Arbeit geprägt haben – Über Tage 09/23

„Für Start-ups sind die Chancen in Essen größer als in Berlin“
Unternehmer Reinhard Wiesemann über wirtschaftliche Chancen im Ruhrgebiet – Über Tage 06/23

„Radikale Therapien für die Innenstädte“
Christa Reicher über die mögliche Zukunft des Ruhrgebiets – Über Tage 05/23

„Das Ruhrgebiet wird nie eine Einheit werden“
Isolde Parussel über Hoesch und den Strukturwandel – Über Tage 04/23

„Gemessen am Osten verlief der Strukturwandel hier sanft“
Ingo Schulze über seine Erfahrungen als Metropolenschreiber Ruhr – Über Tage 02/23

„Im Fußball fanden die Menschen den Halt“
Ben Redelings über die Bedeutung des Ballsports im Ruhrgebiet – Über Tage 01/23

Über Tage.

Hier erscheint die Aufforderung!