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Ben Redelings
Foto: Sascha Kreklau

„Im Fußball fanden die Menschen den Halt“

28. Dezember 2022

Ben Redelings über die Bedeutung des Ballsports im Ruhrgebiet – Über Tage 01/23

Der Autor und Filmemacher Ben Redelings beschäftigt sich seit Jahren mit dem Fußball. Mit trailer-ruhr sprach er über die umstrittene Katar-WM, die Zechenvergangenheit der Vereine und Trost für das Ruhrgebiet.

trailer: Ben, ich habe vor ein paar Wochen festgestellt, dass in einer Fußballstadt wie Dortmund nur wenige Kneipen die WM in Katar übertragen. Woher rührt das geringe Interesse für das Turnier?

Ben Redelings: Es fehlte nicht unbedingt das Interesse an dem Turnier. Aber die WM wurde im wahrsten Sinne des Wortes madig gemacht. Ich bin kein großer Fan davon, ein sportliches Ereignis nicht als solches zu würdigen. Schließlich hatte man zwölf Jahre lang Zeit, sich mit der speziellen Thematik auseinanderzusetzen. Und es gab genug Menschen, die ein Bewusstsein dafür schaffen wollten, was für eine komische Weltmeisterschaft das da in Katar sein wird. Doch sie wurden leider nicht gehört. Die ganze Erregung fand schließlich zu einer Unzeit statt. Wenn ich mir die emotionalen Bilder der Zuschauer aus aller Welt anschaue, hätte ich meinen beiden Söhnen eine schöne WM gegönnt. Die Zeit der Kindheit ist eng bemessen – und meine Erinnerungen an diese Turniere prägen mich noch heute.

Du hast vor ein paar Jahren einen Film über die WM gemacht. Der Titel thematisierte bereits die Entwicklung: „Wem gehört das Spiel? Über FIFA, VIPs und Fußballfans“. Angesichts einer jahrelangen Kommerzialisierung stellt sich diese Frage auch für so manche Ruhrgebietsvereine.

Der erwähnte Film ist bereits 17 Jahre alt. Und damals gehörte der Fußball schon lange nicht mehr den Fans. Das hat sich in der vergangenen Zeit sicherlich noch einmal verschärft. Der letzte Satz im Film stammte damals von Yves Eigenrauch, dem bekannten Schalke-Spieler. Er sagte: „Irgendwann macht es im Fußballgeschäft Bumm und dann ist alles kaputt.“ Seitdem denke ich an Eigenrauchs Satz und warte darauf, wann es zu diesem Knall kommt. Aber mittlerweile weiß ich: Der Bumm bleibt aus und es wird immer weitergehen. Man kann sich auch im Ruhrgebiet entweder mit gewissen Entwicklungen abfinden. Oder man versucht wie der VfL Bochum, ein anderer Verein zu sein. Aber auch im Ruhrgebiet gehört der Fußball sicherlich nicht den Fans.

Der Fanzuspruch zieht sich trotzdem in dieser Region bis in die Viertklassigkeit, wo Vereine wie Rot Weiss Essen tausende Zuschauer anlockten. Woher rührt diese ungebrochene Begeisterung der Menschen im Ruhrgebiet dafür?

Diese Identifikation hat viel mit Tradition zu tun und den gemeinsamen Geschichten, die man erlebt hat. Viele Väter etwa pflegen einen großen Teil ihrer Beziehung zu ihren Kindern über den Fußball. Und diese Verbundenheit trägt sich in den Vereinen fort. Es ist ein unsichtbares Band, das den Klub und die Menschen verbindet. Das gilt insbesondere auch für Orte, in denen sich die Bewohner sonst mit wenig identifizieren können. Dadurch entsteht oft eine starke Bindung zum Verein.

Parallelen finden sich auch in ähnlich strukturschwachen Regionen wie Kaiserlauten, wo die Massen weiterhin zum Betzenberg pilgern. Spendet der Fußball damit auch im Ruhrgebiet angesichts mangelnder Lebensattraktivität und zunehmender Armut ein wenig Trost?

Da ist was Wahres dran. Wo die Strukturen im Wandel sind oder gar fehlen, ist der Fußball sozial wahnsinnig wichtig. Wenn man mit den Leuten in diesen Regionen spricht, erwähnen sie ja auch, dass es sonst nicht allzu viel vor Ort gibt. Gerade Orte wie der Betzenberg sind dann auch Fixpunkte, die die Leute anziehen. Im Ruhrgebiet war das ebenso stark ausgeprägt – vor allem auch vor dem Hintergrund der harten Arbeit. Im Fußball fanden die Menschen den Halt, den sie sonst so häufig im Leben vermissen.

Lange Zeit gab es gerade im Ruhrgebiet eine direkte Verbindung zwischen der Industrie, den Vereinen und den Menschen. Kam es mit dem Ende von Stahl und Kohle zum Bruch?

Mein jüngster Sohn spielte neulich gegen die Spielvereinigung Erkenschwick, ein Verein, der einmal sehr groß war im Ruhrgebiet und dann mit dem Zechensterben quasi unterging. Damals gab es eine starke Verbindung zwischen Arbeit und den Vereinen, die mit dem Ende von Kohle und Stahl dann starb. Schließlich lebten viele Vereine vom Geld, das die Zechen zu Verfügung stellten.

Damit lässt sich zugleich die These aufstellen, dass der Fußball im Ruhrgebiet schon immer kommerziell war. Schließlich waren die Zechen auch Unternehmen, die als Investoren agierten…

Absolut. Die Kommerzialisierung ist für mich auch kein Thema mehr. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, dass Wirtschaft und Fußball zusammengehören. Westfalia Herne wäre z.B. damals nie in die Zweite Bundesliga aufgestiegen, wenn der Unternehmer Erhard Goldbach nicht seine steuerlich verheimlichten Millionen in den Verein hineinsteckte. Eine abenteuerliche Geschichte übrigens mit herrlichen Anekdoten.

Interview: Benjamin Trilling

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