Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 29 1 2 3

12.549 Beiträge zu
3.783 Filmen im Forum

Brigitte Sonnenthal-Walbersdorf
Foto: Benjamin Trilling

„Dieser Arbeitskampf bestimmte unser Leben“

25. Oktober 2022

Brigitte Sonnenthal-Walbersdorf über den Streik der Hoesch-Frauen – Über Tage 11/22

trailer: Brigitte, du hast dich an vielen Protestformen der Hoesch-Frauen beteiligt – vom wilden Streik 1969 bis zum Hungerstreik 1980. Warum ist es für euch wichtig, an diese Arbeitskämpfe zu erinnern?

Brigitte Sonnenthal-Walbersdorf: Dieser Arbeitskampf bestimmte unser Leben und so sehr unseren Alltag, dass mir erst später klar wurde, wie stark wir täglich darin involviert waren – allein schon, weil unsere Männer dort im Dreischichtbetrieb arbeiteten. Ich selbst hatte als Grundschullehrerin eigene Dinge, um die ich mich kümmern musste. Wir beteiligten uns also auch wegen unserer Kinder am Arbeitskampf. Wir konnten uns nicht vorstellen, wie die Stadt ohne Hoesch aussehen wird. Falls wir bei den Kämpfen mal schlapp machten, war für uns von Anfang an eine Person dabei: die Liedermacherin Fasia Jansen.

Inwiefern war sie wichtig?

Wenn man zurückblickt, müsste man eine Liste all der Initiativen erstellen, bei denen sich Fasia beteiligte: von den Heinze-Frauen, über Hoesch, bis hin zu Rheinhausen – um nur einige Beispiele zu nennen. Sie kam einfach auf eigene Faust aus Oberhausen angereist und griff zu ihrer Gitarre. Sie hat einen wesentlichen Teil unseres Lebens begleitet – auch bei den Friedensmärschen, bis sie 1997 an den Spätfolgen ihres KZ-Aufenthaltes starb. Fasia Jansen war als Liedermacherin ein Motor für unseren Arbeitskampf. Es war auch ihr Vorschlag, dass wir einen Hungerstreik machen, damit die Konzernführung das Werk nicht schließt. Diese Zeitgeschichte wollten wir festzurren, bevor sich keiner mehr erinnert.

Wie reagieren denn die männlichen Kollegen auf eure Aktionen?

Es waren fast nur Männer im Werk tätig. Daher gab es eine Skepsis gegenüber uns Frauen, nach dem Motto: Was wollt ihr schon von außen erreichen, wenn selbst wir Männer es von innen nicht erkämpft haben? Denn wir konnten von außen anders agieren, indem wir Familien, junge Menschen und Leute vom Borsigplatz ansprachen. Bei unserem dreitägigen Hungerstreik gab es etwa einen Campingwagen, vor dem wir Hoesch-Frauen saßen. Dann kam die Presse, um über unseren Hungerstreik zu berichten. Dadurch kehrte sich die Stimmung um, was uns Frauen betraf: Menschen von überallher kamen schließlich vorbei, sodass es immer voll war an unserem Hungerstreikposten.

Was würdet ihr gegenwärtigem Protest mit auf den Weg geben?

Wenn etwa heute Menschen die Proteste von Fridays for Future dafür kritisieren, dass sie während ihrer Schulzeit auf die Straße gehen, ist das so, als hätte man uns früher gesagt: Geht besser wieder an die Maschinen, statt während eurer Arbeitszeit zu streiken. Das ist eine sehr kleinbürgerliche Haltung, die die Welt nicht weiterbringt. Diese Häme über den Widerstand wird immer bleiben. Es wird nie der Fall sein, dass alle Menschen am Straßenrand stehen, um den Protest zu beklatschen. Aber es ist wichtig, persönlich Präsenz zu zeigen und beim Protest andere Menschen kennenzulernen. Dadurch kann sich etwas entwickeln. Vielleicht bleiben es nicht dauerhaft tausende Menschen. Aber selbst ein kleiner Kern kann wiederum ein Antrieb für andere sein.

Inwiefern betrachtest du eure Aktionen auch als feministisch?

Arbeits- und Frauenrechte sowie ein gleicher Lohn für alle sind die Ursprünge eines Klassenkampfes, der angeblich nicht mehr existiert. Aber er ist immer noch da: Die Klassen- und Frauenfrage hängen zusammen. Wenn du als Frau den gleichen Lohn wie dein Kollege erhältst, kann du dich besser entfalten. Aber wenn du als Frau nur ein Anhängsel deines Mannes bist, kannst du abgewickelt werden. Doch vielleicht gab es diese Einheit aus Feminismus und Klassenkampf in den Köpfen vieler Männer überhaupt nicht. Etwa bei Karl Marx. Aber mit ihm kann man sagen, dass sich die Produktionsverhältnisse geändert haben. In dieser Hinsicht gibt es auch bei uns nicht mehr die traditionelle, industrielle Mannarbeit. Die Frage nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit bleibt jedoch weiterhin bestehen: etwa als ein Einkommen, das ein Leben in Würde garantiert. Also ist es erstrebenswert, einen sich immer stärker in wenigen Händen konzentrierenden Reichtum aufzuteilen.

Wie blickst du auf das Amazon-Werk, wo auf dem ehemaligen Gelände der Hoesch-Westfalenhütte Arbeitsrechte verletzt werden?

Bei uns war es Standard, dass die Hoesch-Arbeiter bereits am ersten Tag in die IG-Metall eintraten. Wenn Amazon von einer Gewerkschaftsmitgliedschaft erfährt, stellen sie einen wahrscheinlich gar nicht erst ein. Aber die dort Beschäftigten müssen selbst die Initiative ergreifen. 

Interview: Benjamin Trilling

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

Lisa Frankenstein

Lesen Sie dazu auch:

„Einer muss ja in Oberhausen das Licht ausmachen“
Fußballfunktionär Hajo Sommers über Missstände im Ruhrgebiet – Über Tage 02/24

„Mir sind die Schattenseiten deutlicher aufgefallen“
Nora Bossongüber ihre Tätigkeit als Metropolenschreiberin Ruhr – Über Tage 01/24

„Hip-Hop hat im Ruhrgebiet eine höhere Erreichbarkeit als Theater“
Zekai Fenerci von Pottporus über Urbane Kultur in der Region – Über Tage 12/23

„Das Ruhrgebiet erscheint mir wie ein Brennglas der deutschen Verhältnisse“
Regisseur Benjamin Reding über das Ruhrgebiet als Drehort – Über Tage 11/23

„Kaum jemand kann vom Schreiben leben“
Iuditha Balint vom Fritz-Hüser-Institut über die Literatur der Arbeitswelt – Über Tage 10/23

„Es hat mich umgehauen, so etwas Exotisches im Ruhrgebiet zu sehen“
Fotograf Henning Christoph über Erfahrungen, die seine Arbeit geprägt haben – Über Tage 09/23

„Für Start-ups sind die Chancen in Essen größer als in Berlin“
Unternehmer Reinhard Wiesemann über wirtschaftliche Chancen im Ruhrgebiet – Über Tage 06/23

„Radikale Therapien für die Innenstädte“
Christa Reicher über die mögliche Zukunft des Ruhrgebiets – Über Tage 05/23

„Das Ruhrgebiet wird nie eine Einheit werden“
Isolde Parussel über Hoesch und den Strukturwandel – Über Tage 04/23

„Gemessen am Osten verlief der Strukturwandel hier sanft“
Ingo Schulze über seine Erfahrungen als Metropolenschreiber Ruhr – Über Tage 02/23

„Im Fußball fanden die Menschen den Halt“
Ben Redelings über die Bedeutung des Ballsports im Ruhrgebiet – Über Tage 01/23

„Typen wie wir verewigen einen Ruhrpott-Charme“
Gerrit Starczewski über seinen Film „Glanz, Gesocks & Gloria“ – Über Tage 12/22

Über Tage.

Hier erscheint die Aufforderung!