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Claus Leggewie
Foto: Lukas/KWI

„Jetzt sollten wir den Sprung wagen“

05. August 2020

Politikwissenschaftler Claus Leggewie über Multikulturalität im Ruhrgebiet – Über Tage 08/20

trailer: Herr Leggewie, tausende Menschen protestieren gegen rassistische Polizeigewalt. Fühlen Sie sich an die rebellische Zeit erinnert, als Sie 1972 in Paris studierten?

Claus Leggewie: Da war ich Maoist.

Wirklich?

Sagen wir: Salon-Maiost, der Godard-Filme sah. Ich habe da weder auf den Straßen mitgemacht, noch konnte ich Maos Diktatur ernsthaft gut finden. Aber damals wurde ein Student erschossen und dann folgte in Paris ein riesiger Demonstrationszug zu dessen Beerdigung. Das war für einen 22-Jährigen schon beeindruckend.

Aber sehen Sie Parallelen zu den heutigen Demonstrationen?

Was mich in den 1960er Jahren wirklich stark beeindruckte, war die afro-amerikanische, aber auch weiße Bürgerrechtsbewegung. Daran erinnern mich die aktuellen Proteste. Vieles hat sich natürlich verändert, aber manche strukturelle Benachteiligung ist so katastrophal wie damals. Ich habe ja in den 1990er Jahren in New York an der Uni unterrichtet und mitgekriegt, welche Power schwarze, vor allem weibliche Studierende hatten, die auf der Wiedergutmachung der Sklaverei insistierten. Ich denke, der 25.5.2020 könnte ein echter Wendepunkt gewesen sein, der die Ära Trump zu Ende bringt.

Das Ruhrgebiet ist ohne Migration historisch gesehen gar nicht vorstellbar. Nimmt es als Schmelztiegel in dieser Hinsicht ausnahmsweise eine Vorreiterrolle ein?

Meine ersten multikulturellen Erfahrungen machte ich im Ruhrgebiet. Ich war oft bei meiner Familie in Wanne-Eickel. Dort, im Herzen des Reviers, habe ich eine entspannte und assimilierte polnische Bevölkerung kennengelernt. Der Rassismus, den ich im Ruhrgebiet zuvor mitbekommen hatte, richtete sich eher gegen die deutschen Vertriebenen, die aus Pommern oder Schlesien kamen und tatsächlich „Polacken“ gerufen wurden. Aber generell habe ich im Ruhrgebiet doch gelebte Multikulturalität gespürt. In dieser Hinsicht ist das Ruhrgebiet tatsächlich ein Vorbild.

Das war's dann aber auch schon an Vorbildlichkeit, oder?

Nein, das Ruhrgebiet ist in vielerlei Hinsicht ein Vorbild. Das haben wir versucht, in unserer Arbeit beim KWI deutlich zu machen. Wir haben gemeinsam mit der Stadtplanerin Christa Reicher von der TU Dortmund das Modell der polyzentrischen Stadt hervorgehoben. Für Megacities – woran das Ruhrgebiet mit fünf Millionen Einwohnern ja herankommt – ist dieser Typus von Stadt, die nicht nur ein Zentrum wie Paris oder London, sondern viele Zentren hat, geradezu vorbildlich für globale Urbanisierungsprozesse. Was leider nicht vorbildlich läuft, aber hätte modellhaft sein können, ist der zweite Strukturwandel: Nach dem ersten mit dem Rückgang des Steinkohlebergbaus sowie der Montanindustrie in der Hinwendung zum Dienstleistungssektor oder der Kultur hätte man im zweiten Schritt die industrielle Potenz des Ruhrgebiets retten müssen – also das große Knowhow, das sich über 150 Jahre akkumuliert hatte, nutzen müssen für das, was wir die Große Transformation nennen: die Umwandlung in eine nachhaltige, klimafreundliche Gesellschaft. Das ist bisher leider nicht gelungen.

Woran liegt dieses Scheitern?

Der Fehler ist politisch. Dass das Ruhrgebiet immer noch von drei externen Provinzstädten regiert wird, ist ein Symbol und dass es kein Zusammenwachsen der 53 Städte und Gemeinden gibt, ist ein schweres Versäumnis. In diesem Kirchturmdenken kann kein gemeinsamer politischer Wille entstehen. Dann waren da die „Ruhrbarone“, die Industriellen, die Middelhoffs, die Besitzer der WAZ, die allesamt die Zeichen der Zeit verkannt und Belegschaften, die hochqualifiziert und motiviert waren, aufs Spiel gesetzt haben. Und die Landesregierung in Düsseldorf setzte lieber auf die Rhein-, nicht auf die Ruhr-Schiene.

Ist die Wahl eines Ruhr-Parlaments im September die Chance für einen solchen Sprung?

Eine symbolische Inszenierung reicht nicht. Das Ruhr-Parlament bräuchte mehr Kompetenzen, damit tatsächlich die Einzelinteressen der Kommunen mehrheitlich übersprungen und Pläne für das ganze Ruhrgebiet umgesetzt werden können. Wenn ich nicht falsch liege, fahren doch immer noch keine Straßenbahnen von Oberhausen nach Essen, oder?

Die Linie 105 endet noch immer in Essen-Frintrop. Aber ab und zu fährt ein Bus ...

Der Durchbruch zu einem multimodalen Mobilitätssystem ist das ja wohl nicht. Unser Slogan „Von der Kultur- zur Klimahauptstadt“ klang sicher utopisch. Es gäbe nichts Schlimmeres für das Ruhrgebiet, als nach der Pandemie einfach zur Normalität zurückzukehren. Jetzt sollten wir den Sprung wagen. Das alte Wachstumsmodell ist doch am Ende.

Interview: Benjamin Trilling

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