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Loikaemie in Aktion bei Punk im Pott 2013
Foto: Maxi Braun

Drei Akkorde zum Glück

02. Januar 2014

Punk im Pott-Festival 2013 in Oberhausen

Ein erfolgreich verlebtes Festival wie Punk im Pott verlassen die meisten gebeutelt, verkatert und nicht selten leicht lediert. Weil das jeder kann, komme ich in eben diesem Zustand an der Turbinenhalle an, direkt aus der Notaufnahme des Krankenhauses. Verantwortlich für diesen Zustand ist in erster Linie ein Ausrutscher in die Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkannte. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, eine saftige Schürfwunde und Prellungen für mich. Doch während vor dem Eingang erste Freundschaften geschlossen und Witze mit den erfreulich lockeren Securities gerissen werden, lässt der Schmerz allmählich nach. Im Innern umringt von ebenso beeindruckend bunten wie hoch aufragenden Iros verstaue ich meinen Krempel in den Schließfächern, die in diesem Jahr das übliche Garderobensystem ablösen. Eine praktikable Idee für solche, die noch über das nötige Augenmaß verfügen, einen Rucksack in das doch recht kleine Loch zu quetschen. Spontan bietet mir ein Punk an, mich Huckepack in die Halle zu tragen. Ich springe auf und schnell stellt sich das Gefühl ein, angekommen zu sein.

Exakt zur rechten Zeit. Von einem pogofreien Flecken aus sehe ich, wie Dritte Wahl die Bühne betreten. Zwischen dem Trio und mir grölen Hunderte von Fans Songs wie „So wie ihr seid“, „Wo ist mein Preis“ und vor allem „Fliegen“ mit. Die Rostocker sind 2013 auf Jubiläumstour zum 25-jährigen Bandbestehen unterwegs. Aus diesem Anlass haben sie ein Programm aus den besten 25 Songs, von ihren Fans gewählt, zusammengestellt. 15 davon präsentieren sie bei Punk im Pott. Dritte Wahl sind live mehr als nur eine sichere Bank, sondern wirken auch auf die lange Distanz bis in die hinteren Reihen. Einziges Manko bleibt der viel zu kurze Auftritt, vor der knappen Zugabe ertönt ein verzweifeltes „Gunnar, geh nicht!“ aus der Menge.

Die Trauer währt nicht lang, Rantanplan entern die Bühne in Hamburger Ska-Manier. Neben Songs vom aktuellen Album „Pauli“ ertönen gegen Ende auch die ersten Takte von „Unbekanntes Pferd“, sehnlich erwartet und voller Inbrunst mitgesungen. Skapunk mit Posaunen und Trompeten macht schlicht glücklich, das heftig tanzende Publikum ist der Beweis. Die Troopers bieten dem Hardcore-Liebhaber danach sicherlich eine gute Show, mir aber eine erste Möglichkeit, den Bierpegel mit Nahrung auszubalancieren. Neben Bockwurst und Nudeln gibt es für die vegan/vegetarische Fraktion Pommes und Nudeln. Die Bierpreise sind auch 2013 erschwinglich und an das umständliche Bonsystem hat man sich gewöhnt. Der Service bei Punk im Pott funktioniert gewohnt schnörkellos und nicht minder komfortabel.

Los Fastidios lösen die Troopers ab. Neben Oi erahnt man noch eine Prise Talco und Red Ska, was aber auch der italienischen Herkunft geschuldet sein mag. Nahezu jeder Song wird von einer politischen Ansage begleitet und richtet sich für oder gegen etwas. Wenn das von der Bühne skandierte Plädoyer für Tierrechte seitens des Publikums mit einer euphorisch geschwenkten Bockwurst goutiert wird, mutet das aber seltsam an.

Wo ist mein Preis?

Mit der Punkrockattitüde ist das so eine Sache. Während die Veteranen von Normahl spielen, diskutiere ich mit einem sichtlich gelangweilten 28-Jährigen über die Integrität der Szene und die Kommerzialität des Festivals. Jedes Jahr würde es mehr Merchandise-Stände geben und die Musik sei auch nicht mehr, was sie mal war. Allerdings höre er mittlerweile nur noch Stoner Rock und habe die Karte auch geschenkt gekriegt. Der Charakter einer Großveranstaltung lässt sich bei Punk im Pott zwar nicht verleugnen, aber bei welchem anderen Festival dürfen die Gäste noch unbehelligt auf dem Boden schlafen? Wo tanzen die Securities angesichts einer Meute von täglich 2.000 größtenteils stark besoffenen Punks fröhlich am Rand mit? Und welche Stonerband verfolgt eigentlich eine politische Agenda? Dies weiß besonders zu schätzen, wer kürzlich gefühlte 30 Sekunden nach dem letzten Song eines Gogol Bordello-Konzerts mit rot-weiß-gestreiftem Flatterband aus dem Kölner E-Werk getrieben wurde.

Als kostenlose Soliveranstaltung würde Punk im Pott wohl kaum funktionieren, wäre weniger reibungslos und kaum so friedlich. Anarchie ist für solche Events der denkbar schlechteste Organisator. Aber gleichgesinnte Menschen und Bands werden hier zusammengeführt, politische Statements immerhin gemacht und es wird ausgelassen gefeiert.

Die letzten Stücke von Normahl sind für die meisten nur noch diffuse Klänge. Viele schlafen in mehr oder minder bequemen Stellungen an den unmöglichsten Orten, Torkelnde laufen Slalom um die schnarchenden Hindernisse. Trotz Qualm, Bierpfützen und Schweißgeruch mutet die Szenerie ungemein idyllisch an. Ein schwankender Schnauzbartträger murmelt mir Unverständliches ins Ohr und kippt dabei sein komplettes Pils über meine Hose. Es ist Zeit zu gehen für heute.

Feine Sahne Fischfilet bei Punk im Pott. Foto: Maxi Braun

Der zweite Tag von Punk im Pott startet später als erwartet. Während das Versäumnis der Barb Wire Dolls und deren affektierter Rockstarposen zur Mittagszeit zu verschmerzen ist, fallen auch der Glam Punk von Hotel Energieball und die Toten Crackhuren im Kofferraum der späten Ankunft zum Opfer. Massendefekt sind nett und beliebig, bleiben aber nicht im Gedächtnis. Das anschließende „Festival der Volxmusik“ wird wild gefeiert, allerdings nicht von mir. Unter diesem Motto bietet Punk im Pott mit Schliessmuskel, den Mimmis und den wiedervereinten Abstürzenden Brieftauben eine Hommage an eine Konzerttour der 1990er Jahre. Oder war es ein Sampler? Ich bin nicht dabei gewesen und warte ungeduldig auf mein persönliches Highlight des gesamten Festivals.

Wer wird denn rumstehen?

Obwohl in diesem Jahr schon mehrfach gesehen, lockt mich Egotronic trotz Hinkebein näher an die Bühne. Der Elektropunk aus dem Hamburger Hause Audiolith sticht aus dem gesamten Line-Up hervor, Sänger Torsun stimmt nur „eine einzige echte Punknummer“ an. Umso erfreulicher, dass sich die Deutschpunkmeute bei älteren und neueren Nummern wie „Lustzprinzip“, „Was soll’s?“ oder „Rannte der Sonne hinterher“ textsicher zeigt. Grund für diese Begeisterung sind nicht die deutlich mehr als fünf Bier, die die meisten hier intus haben dürften. Diese Songs und ein Klassiker wie „Raven gegen Deutschland“ funktionieren auf den elektronischen Juicy Beats genauso wie bei Punk im Pott. Neben den tanzbar-verspielten bis basslastigen Rhythmen und den poetisch-kritischen Texten liegt dies vor allem an Torsuns Attitüde. Wenn der Egotronic-Sänger zu Anti-Nazi-Demos aufruft, meint er das ernst und nimmt es persönlich, „Tolerante Nazis“ sind hier unerwünscht.

Loikaemie werden von vielen heiß geliebt, bieten mir aber die nötige Verschnaufpause, bevor Feine Sahne Fischfilet das Festival beschließen. Um kurz nach 1 Uhr nachts schwenkt der dralle Hühne Monchi sein bengalisches Feuer zu „Komplett im Arsch“ und spricht den noch erstaunlich zahlreich verbliebenen Zuhörern aus der Seele. Als Bilanz bleibt ein friedliches Festival mit einigen Highlights, das ich noch immer lediert, aber tiefenentspannt verlasse. Wie gut, dass nicht mehr allzu viel Bier die Kehlen hinunter rinnen muss, bis das Ruhrpott Rodeo zum nächsten Familientreffen lädt.

Maxi Braun

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