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Kai-Olaf Maiwald
Foto (Ausschnitt): Kai-Olaf Maiwald

„Mit dem ersten Kind nimmt die Ungleichheit zu“

28. Mai 2024

Teil 3: Interview – Soziologe Kai-Olaf Maiwald über Ehe, Familie und Geschlechterverhältnisse

trailer: Herr Maiwald, gerade im konservativen und rechten Spektrum wird die Kleinfamilie mit klarer Rollenverteilung als quasi natürliche Lebensform idealisiert. Ist eine Kleinfamilie „natürlich“?

Kai-Olaf Maiwald: Die Frage, was biologisch bestimmt ist, ist ziemlich schwierig. Man kann sicherlich sagen, dass es in diesem Komplex von Paarbeziehungen und Familie Dinge gibt, die auch biologische Fundamente haben – zum Beispiel, dass menschliche Nachkommen lange Aufzuchtzeiten benötigen und menschliche Gesellschaften ihnen diese zur Verfügung stellen müssen. Was man sagen kann, ist, dass es im kulturellen, historischen und ethnologisch-anthropologischen Vergleich eine doch ganz erhebliche Bandbreite von Familienformen und Formen des Verhältnisses von Familie und Gesellschaft gibt. Was schon mal darauf verweist, dass die biologisch bedingten Anteile eher begrenzt sind. Die Kleinfamilie, wie wir sie heute kennen, ist im Wesentlichen ein Produkt des 19. Jahrhunderts. Dazu gehört zum Beispiel die Etablierung der Liebesheirat, bei der die Frage „Wer mit Wem?“ keine Frage mehr ist, bei der familiäre Vererbungslinien oder Besitzstandswahrung eine Rolle spielen – die können natürlich im Einzelfall immer noch eine Rolle spielen, aber primär ist diese Frage seit damals eine Angelegenheit zwischen dem Paar selbst, womit im 19. Jahrhundert natürlich ein heterosexuelles Paar gemeint war. Man muss auch berücksichtigen, dass diese Kleinfamilie als Kernfamilie von den Herkunftsfamilien getrennt gesehen wird – nicht nur rein räumlich, sondern auch vom rechtlichen Status her. Das heißt, auch Unterstützungsleistungen sind nicht mehr einklagbar, es gibt keine Eingriffsrechte mehr. Diese Kleinfamilien besitzen relative Autonomie, das ist durchaus wichtig und das ist auch geblieben. 

„Immer noch Ungleichheiten in der Verteilung der Arbeit“

Was sich erheblich verändert hat, das ist die Arbeitsteilung zwischen den Ehegatten, zwischen Männern und Frauen. Die entwickelte sich tatsächlich im 19. Jahrhundert stärker als vorher in die Richtung, die wir jetzt als Stereotyp kennen: Der Mann ist für die Außenbeziehungen zuständig, vor allem für Gesellschaftskontakte in Form der Erwerbsarbeit, die Frau als Mutter für den Binnenraum der Familie, für Haushalt und Kinderfürsorge. Das ist etwas, das auch in der wirtschaftlichen Entwicklung begründet liegt: die industrielle Revolution, der Rückgang der Landwirtschaft als Lebensform, die Trennung von Arbeitsplatz und dem Lebensmittelpunkt Haus. Im 19. Jahrhundert hatte sich dies vor allem in der Schicht des Bürgertums herausgebildet und wurde damals auch schon mit Verweis auf die Biologie ideologisch abgesichert, was vorher interessanterweise nicht so war. Das kann man als eine Reaktion auf die mit den Revolutionen am Ende des 18. Jahrhunderts entstandene Idee der Gleichheit deuten: Gewissermaßen wurde das Gegenmodell der biologisch bestimmten Geschlechtscharaktere im Laufe des 19. Jahrhunderts erfunden, um diese Arbeitsteilung ideologisch abzusichern. Die Kernfamilie, dieses relativ isolierte Gattenpaar, das in Ehe zusammenlebt, die Etablierung einer Paarbeziehung, die Gründung eines Haushalts, das war in dieser Zeit als zeitliche Einheit gedacht. Das etablierte sich dann auch in den unteren Schichten als normatives Modell, spätestens in den 1950er und 60er Jahren – in der Soziologie spricht man da vom „Golden Age of Marriage and Family“ [Goldenes Zeitalter der Heirat und Familie; d. Red.]. Dieses Modell ist von den 1960er bis in die 1990er Jahre in die Kritik geraten und hat sich in verschiedenen Hinsichten auch aufgelöst.

„Trotz der Asymmetrie bestanden Möglichkeiten für Gemeinsamkeit“

Aus linker Perspektive lautet die Kritik: Die klassische Paarbeziehung fördere Abhängigkeiten und ein Machtgefälle zugunsten des Mannes. Was ist da dran?

Man kann sicherlich sagen, dass die bürgerliche Kleinfamilie ein wichtiger Pfeiler der männlichen Herrschaft gewesen ist. Weil die damit verbundenen Ungleichheitsstrukturen natürlich durch die häusliche Arbeitsteilung festgeklopft werden, sich auch in den Familien selbst reproduzieren – weil die Heranwachsenden gewissermaßen in diese Rollengefüge hineinleben, die den Geschlechtern ihren Platz in der Gesellschaft zuweisen. Die faktischen Abhängigkeiten sind aber nicht so stark ausgeprägt gewesen, wie das mit Verweis auf manche in den 1950er und 60er Jahren noch bestehenden Regelungen dramatisiert wird – etwa, dass Frauen ohne die Zustimmung der Männer keine Erwerbsarbeit annehmen durften oder über kein eigenes Einkommen verfügten. Ehe und Familie waren nicht nur Herrschaftsagenturen. Trotz der klaren Asymmetrie bestanden in der Praxis doch mehr Möglichkeiten für Gemeinsamkeit. Das Haushaltsgeld etwa war in den meisten Fällen gemeinsames Geld, auch wenn es nur vom Mann erwirtschaftet wurde. Aber natürlich war die grundlegende Geschlechterungleichheit in diesem Arrangement der Arbeitsteilung durchaus festgeschrieben, das hat sich aber in den 1960er und 70er Jahren, mit der zweiten Frauenbewegung, sehr stark verändert, zumindest schon einmal auf normativer Ebene. Spätestens seit den 1990er Jahren ist Erwerbsarbeit für Frauen normativ gesetzt, dem ging natürlich eine Steigerung der Bildungsbeteiligung voraus. Tatsächlich ist es seit den 1990er Jahren für Frauen eher begründungsbedürftig geworden, wenn sie nicht erwerbstätig sind. Das ändert aber nichts daran, dass es immer noch bleibende Ungleichheiten in der Verteilung der Arbeit gibt. Es ist ja bekannt, dass eher Frauen in Teilzeit arbeiten und von den Arbeitsformen her die Anteile eher geschlechtstypisch verteilt sind: Die Männer sind für die vermeintlich schweren, technischen Dinge zuständig, die Frauen für die Wäsche und ähnliches. Das ist ein Erklärungsproblem, das uns in den Sozialwissenschaften beschäftigt. Aber auf einer normativen Ebene sind viele Dinge eigentlich weitgehend durch.

„Ein entscheidender Aspekt der Verschärfung der Ungleichheit: Familiengründung“

Untersuchungen zeigen, dass Frauen weiterhin den Löwenanteil von Haushalts- und Care-Arbeit bestreiten. Ist das eher ein Mentalitätsproblem oder gibt es strukturelle Gründe?

Diese Deutung, dass der Wille zur Realisierung der Gleichheit bei Männern nicht so stark ausgeprägt ist, praktisch ein Lippenbekenntnis ist, die wurde schon in den 1980er Jahren formuliert. Das glaube ich nicht mehr. Bei Befragungen zeigt sich immer wieder: Ein entscheidender Aspekt der Verschärfung der Ungleichheitsstrukturen ist die Familiengründung. Mit dem ersten Kind nimmt die Ungleichheit zu und zwar dauerhaft, nicht nur in der ersten Zeit, wie man ja denken könnte. Normativ, kann man sagen, sind Mütter für die erste Zeit nach der Geburt zuständig – aber wie lange? Da scheint es auch meiner eigenen Forschung nach Unklarheit in den Paarbeziehungen zu geben. Klar, wenn man ein Kind hat, verändert sich alles und eben auch die Arbeitsteilung. Man muss es neu justieren und da scheint es irgendwie, so nenne ich es mal, zu „passieren“, dass diese wieder in den altbekannten Ungleichheiten einrastet. Woran liegt das? Wenn man die Leute befragt, wird auf die Situation der frühkindlichen Betreuung hingewiesen, denn es gibt nur wenige Plätze, es ist teuer, was kommt dann? Typischerweise verdient der Mann mehr, also ist es auch sinnvoll, wenn er weiterhin arbeiten geht. Tatsächlich arbeiten Väter statistisch gesehen nach der Geburt sogar noch mehr als vorher. Die Frage ist aber, ob das nicht eher eine Rationalisierung ist. Eben angesichts der auch subjektiv hohen Bedeutung von Erwerbsarbeit habe ich meine Zweifel. Ich glaube, dass es eine nachträgliche Begründung ist und dass sich diese Arbeitsteilung im Zeitverlauf faktisch irgendwie eingeschlichen hat – aber was macht dieses „irgendwie“ aus? Das ist die große Frage: Was macht die Attraktivität von Geschlechter-Stereotypen aus? Es gibt nämlich eine gewisse Attraktivität, auch für die Beteiligten selbst. Zum Teil, kann man noch sagen, sind das sozialisationstypische Unterschiede – in der Kindheit sind Männer nicht so sehr mit Hausarbeit konfrontiert worden wie die Frauen, das heißt, die Standards der Frauen in Sachen häuslicher Sauberkeit sind höher, darum übernehmen sie in der Anfangszeit der Paarbeziehung auch mehr. Aber in bestimmter Weise macht der Rückzug auf das Geschlechtstypische das Leben auch einfacher: Man kann sagen, die Konflikte in der Paarbeziehung sind nicht Konflikte zwischen dir und mir, sondern zwischen Mann und Frau – und es entschärft Konflikte, wenn man sagt, Männer sind halt so, Frauen sind halt so. Das könnte auch eine Rolle in den Eltern-Kind-Beziehungen von Vätern mit Söhnen und Mütter mit Töchtern spielen, die durch den Rückzug auf Geschlechtsstereotypen in ihrem Konfliktpotential erleichtert werden. Das ist eine These die ich in Bezug auf das Verhältnis von Geschlechts-Ungleichheit und Gleichheit verfolge: Es ist wie mit Stand- und Spielbein, es wechselt. In einem Gespräch kann es von Gleichheit zum Spiel mit den Geschlechterunterschieden gehen. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass es eine Gemengelage ist von unterschiedlichen Aspekten der Paarbeziehung.

„Die Schwierigkeit in modernen Beziehungen: individuelle Projekte in ein gemeinsames zu überführen“ 

Welche Rolle spielen sozio-ökonomische Rahmenbedingungen für Partnerschaft und Familie?

Ich würde noch grundsätzlicher ansetzen, nämlich daran, wie gesellschaftliche Arbeit überhaupt organisiert ist. Denn da hängt viel dran: Eine bäuerliche Lebensweise, die bei uns mittlerweile die Ausnahme ist, ist natürlich auch eine Rahmenbedingung. Da gab es äußerlich betrachtet eine in früheren Zeiten symbolisch stark abgetrennte Arbeitsteilung. Es gab männliche und weibliche Arbeitsbereiche, an die der jeweils andere Partner gar nicht ran durfte. Das muss man sich so vorstellen: Wenn die Frau für die Küche zuständig ist, darf der Mann auch nicht an den Kühlschrank, also wenn es Streit gibt, gibt es kein Essen. Gleichzeitig gab es aber eine große Flexibilität und eine von diesen Rahmenbedingungen erzwungene Zusammenarbeit: Wenn die Ernte anstand, dann war das wichtig, nicht mehr die symbolische Arbeitsteilung, dann hat man sie eben zusammen eingefahren. Es gab eine wirtschaftlich erzwungene Kooperation, das ist mit der Entwicklung hin zum bürgerlichen Modell weggefallen. Diese von außen erzwungene Gemeinsamkeit, die gibt es nicht mehr. Heute haben wir ein stärkeres Problem, das gar nicht die äußeren Umstände betrifft, sondern die Frage, was Erwerbsarbeit für den Einzelnen bedeutet: Es ist ja nicht nur Gelderwerb, sondern Beruf und Karriere sind Dinge, die den Sinn des Lebens von Männern und Frauen ganz entscheidend prägen. Die sind aber jeweils individuelle Projekte und die Schwierigkeit in modernen Beziehungen besteht darin, diese individuellen Projekte in ein gemeinsames zu überführen. Das ist tatsächlich eine strukturelle Schwierigkeit, gerade wenn man diese Aspekte nicht nur in einem engeren Singe als Aufstieg, sondern auch als Sinnstiftung, als Weiterentwicklung begreift – darüber muss man zu einer Vereinbarung kommen. Das finde ich fast noch wichtiger als die Lebenshaltungskosten – die sind ein Faktor, der zur Zusammenarbeit zwingt, aber noch nicht per se zur Gemeinsamkeit. Wenn sich die Angleichung aber in den 90ern weitgehend normativ vollzogen hat, warum haben sich die Strukturen in den vergangenen dreißig Jahren nur sehr partiell verändert? Gerade auch im Vergleich mit der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, da ist die Ungleichheit inzwischen geringer als innerhalb der Familien- und Paarbeziehungen. Daher würde ich sagen: Obwohl natürlich die sozio-ökonomischen und auch sozialpolitischen Rahmenbedingungen wichtig sind, ist doch der Binnenbereich der Paarbeziehungen entscheidender. Da muss man nach Erklärungen suchen.

„Eine Stärkung der unverheirateten Eltern“

Um Ehe und Familie hat sich viel getan: Die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare wurde eingeführt, der klassische Familienbegriff erweitert, etwa unter dem Label „Patchwork“. Was bedeutet das für Rechte und Pflichten?

Es gibt bei heterosexuellen Paaren etwa die Stärkung der rechtlichen Position der Unverheirateten. Im Scheidungsrecht haben wir Anpassungen in Richtung Gleichheit, das betrifft etwa die Fürsorgeverpflichtung: Statt wie früher einen klaren Schnitt zu favorisieren und die Kinder primär einem Elternteil zugeschlagen, in aller Regel der Mutter, haben wir nun die Tendenz zu der Verpflichtung auch über Trennung und Scheidung hinaus ein Elternpaar zu bilden. Beide Partner sind im Prinzip zur Fürsorge verpflichtet. Es gibt die Erwerbsobliegenheit für Frauen: Frauen sind also angehalten, selbst wenn sie in der Ehe eine andere Vereinbarung hatten, zwei oder drei Jahre nach der Scheidung selbst erwerbstätig zu sein – die Verpflichtung ihrer Ex-Partner zum Unterhalt fällt dann weg. Wir haben eine Stärkung der unverheirateten Eltern, was die Fürsorge angeht. Bei homosexuellen Beziehungen ist ein wichtiger Punkt die Adoption: Zumindest verheiratetet Paare können nun ein gemeinsam ein fremdes Kind adoptieren. Was geblieben ist, ist, dass ein leibliches Kind vom anderen Partner nach der Geburt adoptiert werden muss, was natürlich das Einverständnis des anderen, des weiblichen Partners erfordert.

Gleichgeschlechtliche Ehen sind weitgehend akzeptiert, Kinderziehung durch gleichgeschlechtliche Paare wird hingegen immer noch misstrauisch beäugt. Warum?

Es kann sein, dass sich darin der generelle Grad an Akzeptanz von Homosexualität ausdrückt. Allgemein ist diese weitgehend gegeben, das sieht man etwa auch daran, dass prominente Personen ihre Homosexualität nicht mehr verstecken müssen und diese nichts an ihrer Prominenz und öffentlichen Wertschätzung ändert. Wobei man das auch einschränken muss, denn in bestimmten Bereichen ist es immer noch ein Problem, etwa im Fußball. Homosexuelle Paare in der Nachbarschaft sind kein Problem, aber stimmt das auch bei öffentlich zur Schau gestellten Zärtlichkeiten? Ein homosexuelles Paar, das sich in der Öffentlichkeit küsst? Da würde ich vermuten, dass es schon etwas anders aussieht. Bei Familiengründungen spielt sicher mit hinein, dass immer noch eine mindestens diffuse Verbindung von Familie und Heterosexualität hergestellt wird: Diese Vorstellung, dass ein Kind beide Geschlechter als Elternteile braucht, um sich in der Welt zurechtfinden zu können, die ist sicherlich noch ein Überrest dieses bürgerlichen Modells, denn entsprechende Erhebungen zeigen keine Unterschiede – bestenfalls zeigen sie, dass Kinder die mit homosexuellen Eltern aufwachsen, typischerweise kein so rigides, kein so stereotypisches Verhältnis zu ihrer Geschlechteridentität haben. Da kommen wir jetzt in das weite Feld: Wie sieht Sozialisation eigentlich aus? Man lernt ja nicht nur aus Nachahmung von Vorbildern und auch in homosexuellen Familien ist das jeweils andere Geschlecht zumindest symbolisch präsent, auch wenn das Personal vielleicht nicht vertreten ist.

„Es wird eine diffuse Verbindung von Familie und Heterosexualität hergestellt“

Die eigene geschlechtliche und sexuelle Orientierung ist Grunde der Inbegriff des Privaten. Warum sind diese Fragen überhaupt derart politisch aufgeladen? 

Das ist nicht leicht zu beantworten. Es gab zum Beispiel schon vor dem Erstarken der AfD – zumindest schien es mir relativ unabhängig davon zu sein – in der schwäbischen Region Demonstrationen gegen bestimmte Formen der Sexualaufklärung in der Schule. Das verweist auf ein bestimmtes protestantisches Milieu. Wenn ich aber auf das rechte politische Spektrum sehe, ist mein Eindruck, das es hier um einen Kampf um Normalität geht, dass es eigentlich darum geht, Abweichungen zu revidieren. Das Motto eines der letzten Parteitage der AfD – „Deutschland, aber normal“ – verweist ja schon darauf, dass die AfD eben nicht normal ist. Das führt zu einer Deutung, die ich für recht plausibel halte, nämlich, dass sich bei dieser neuen Rechten um eine regressive Form der Kritik handelt – eine Kritik, die subjektiv nicht weiß, dass sie es ist, die abweicht. Die Kritische Bewegung der 68er, die zweite Frauenbewegung wussten, dass sie abweichen und haben für eine andere Normalität argumentiert. Die neue Rechte hingegen leugnet ihre Abweichung. Es wäre ein ganz anderer Diskurs würde sie sagen: Das ist jetzt die zwar neue Normalität, aber diese Normalität ist nicht gut, und zwar aus diesen und jenen Gründen. Es wird dort aber nicht argumentativ auf ein angeblich faktisches Scheitern verwiesen, stattdessen wird mit diffusen Zuschreibungen gearbeitet, und die Vertreter dieser Orientierung versuchen regressiv-trotzig Normalität für sich zu reklamieren. So stelle ich mir das auch im Bereich der Familie vor.

„Familiäre Solidarität ist kein Hindernis für gesellschaftliche Solidarität, im Gegenteil“

Was bedeutet das Festhalten an traditionellen Familienmodellen für die Frage gesellschaftlicher Solidarität? Der Verdacht liegt nahe: Je stärker verwandtschaftliche Bande bevorzugt werden, desto geringer ist die Bereitschaft zur Solidarität mit Gruppen außerhalb dieses kleinsten Kreises.

Das liegt insofern nahe, weil die Gruppierungen, die das vertreten, nicht gerade durch besondere Empathie mit benachteiligten Gruppen oder durch gesamtgesellschaftliche Solidarität in Erscheinung treten – von daher erscheint ein Zusammenhang wahrscheinlich, aber wie sich der gestaltet, das ist jetzt die Frage. Ich glaube es verhält sich ähnlich wie mit dem Ruf nach Heimat, nach der deutschen Leitkultur: Wenn man danach ruft, hat man keine Heimat, hat man nichts Eigenes. Das ist eigentlich der Ausdruck eines Verlusts, den man beschwört und überwinden will. In einem kulturell gesicherten, regionalen Milieu – das ist natürlich schwer zu fassen, was das eigentlich ist – in dem es tatsächlich Traditionen und Kontinuitäten gibt, dort ist das Fremde ganz allgemein weniger ein Problem als da, wo es das nicht gibt. Ähnlich verhält es sich mit der Familie. Aber enge familiäre Solidarität ist kein Hindernis für gesellschaftliche Solidarität, im Gegenteil: wenn man die in seiner Kindheit erfahren hat, wird man auch für eine solidarische Orientierung an der Gesellschaft empfänglicher sein. Da kann man etwa mit der Anerkennungstheorie argumentieren, in der das eine Grundvoraussetzung ist. Es ist eher so, dass die Erfahrung von nicht so solidarischen Verhältnissen einen auch auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene eher für eine entsprechende Orientierung empfänglicher macht. 

Interview: Christopher Dröge

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