Als Can Dündar im November 2015 festgenommen wird, bittet er die Gefängniswärter um mehr als nur Brot und Wasser. Der engagierte Intellektuelle fragt nach Büchern. Zu seinem Erstaunen fanden sich unter der Bibliotheksliste vier Titel, die aus seiner eigenen Feder stammen. Dündar fragt aber nach den Werken eines bestimmten Autors. Die Antwort der Wärter: „Seine Bücher haben wir leider nicht. Aber er selbst sitzt auch hier ein.“
Einer der vielen Anekdoten, die der einstige Chefredakteur der Cumhiriyet mit dem zahlreichen Publikum teilt. Vorgetragen mit einem intellektuellen und selbstbewussten Verve, dass es lautes Lachen im Saal des Essener Astra-Kinos nachsichzieht. Obwohl seine Worte die katastrophale, politische Situation in seinem Herkunftsland wiedergeben: die Verfolgung von DissidentInnen durch das AKP-Regime oder die zunehmende Zerschlagung der türkischen Republik seit der Ausrufung des Ausnahmezustands durch Autokrat Erdogan im Sommer 2016. Can Dündar hat im vergangenen Monat ein weiteres Buch herausgebracht. „Verräter. Von Istanbul nach Berlin. Aufzeichnungen im deutschen Exil“ zieht in kurzen Kapiteln eine Bilanz über die Erfahrungen der massiven Repressionen des Erdogan-Regimes, der Flucht und die Fortsetzung des freiheitlichen Kampfes mit publizistischen Mitteln.
Der Titel seines autobiographischen Werks ist natürlich ironisch. Zu Hochverrat wurde der Journalist angeklagt, nachdem Cumhuriyet im Mai 2015 über Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an islamistische Milizen berichten. Als Verräter wurde er auch später, da befand sich Dündar schon im Exil, immer wieder in der Öffentlichkeit gebrandmarkt. „Die Türkei gibt es zweimal“, sagt Dündar. „Die eine Seite nennt mich Verräter. Die andere Seite weiß genau, worum ich kämpfe.“
In Artikeln, Kolumnen oder Büchern schrieb Dündar in den letzten Monaten gegen die Festigung des Präsidialsystems oder die Verfolgung Oppositioneller an. „Wir versuchen hier, die Message zu liefern, dass die Türkei noch nicht verloren ist.“ Dazu gehöre auch Aufklärung über die Außenpolitik der Bundesrepublik: Denn neben einem Deutschland, das Willkommenskultur lebe, gebe es auch noch ein zweites, machtpolitisches Deutschland, „das die Türkei unterstützt hat“, so der Politologe. „Auch das prangern wir hier an.“
Eines der Kapitel, aus denen Dündar an diesem Abend liest, schildert die Vernichtung von tausenden Lehrbüchern durch das AKP-Regime. Darunter auch ein Artikel von ihm selbst:„Man muss sich an die Einsamkeit gewöhnen“. Ein Titel, der Dündars spätere Flucht, seinen publizistischen Kampf im Exil vorwegnimmt, wie er sich in „Verräter“ erinnert: „Wieder einmal ist es also Zeit, sich an die Einsamkeit zugewöhnen. Wieder ist es Zeit, den Rucksack zu schultern. Um für Freiheit in meinem Land zu kämpfen, wo Bücher verbrannt werden, gehe ich jetzt in das Land, in dem frühereinmal Bücher verbrannt wurden.“
Der Haftanstalt ist der Autor entronnen. Aber, so Dündar: „Die ganze Türkei ist ein Gefängnis.“ Den Eingesperrten und Unterdrückten, Freunden und Familie diene daher der weitere Kampf. Mit der Macht der Schrift.
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