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Inbrünstig: TV Smith haut in die Seiten.
Foto: Jenni Terwissen

Leben für den Punkrock

04. Februar 2013

Zwei Punklegenden spielten in Dortmunder Kaktusfarm - Musik 02/13

Ein Sonntagabend scheint sich nicht so recht für ein Punkkonzert eignen zu wollen. Das Wochenende noch in den Knochen, kostet es Überwindung überhaupt die eigenen vier Wände zu verlassen. Vom ersten Schluck Bier ganz zu schweigen.

Wenn es je den passenden Auftritt zu einer solchen Stimmung gab, ist es der von TV Smith. Seit mehr als 30 Jahren steht der Brite auf der Bühne, hatte mit seiner Punkformation The Adverts Ende der 1970er respektablen Erfolg. Seit Anfang der 1990er tourt er unermüdlich die Gitarre zupfend durch die Welt. Alles autonom, ohne Manager, unterstützt von Freunden.

Während wir uns noch immer an das erste Pils klammern, betritt der mittlerweile weit über 50-Jährige die Bühne. Voller Inbrunst und Überzeugung spielt er alte und neue Songs, auch welche aus den Adverts-Zeiten. Von Klassikern des Punkrock wie „Gary Gilmore’s Eyes“ über „Bored Teenagers“ oder „Expensive being poor“. Mehr als drei Dekaden Bühnenpräsenz haben nicht nur ein schier unerschöpfliches Repertoire an Songs, sondern auch Spuren am sehnigen Körper des Singer/Songwriters hinterlassen. Er wirkt, als wäre er in seinen Klamotten aus der Frühzeit des Punkrock gealtert, buchstäblich und es steht ihm gut. Seiner Leidenschaft für die Musik scheint all die Zeit keinen Abbruch getan zu haben. Die Art und Weise wie er seine Gitarre spielt und die Inbrunst, mit der er seine Texte singt, atmen lebendige Musikhistorie. Irgendwo zwischen seinen deutschen Ansagen und vorgetragener Lyrik schmeckt plötzlich auch das Bier wieder. Mit einem Mal ist dies der perfekte Sonntagabend und man wäre nirgends lieber als hier.

Charlie Harper demonstriert: Musik konserviert. Foto: Jenni Terwissen.

Lebendig wäre nicht die erste Assoziation, die man mit der Erscheinung von U.K. Subs-Sänger Charlie Harper verbinden würde. In der Umbaupause, nachdem sich TV Smith verabschiedet hat, tapst er hinter seiner Sonnenbrille verborgen vorbei. Auch er ist seit mehr als 30 Jahren Musiker, scheint alles gesehen und erlebt zu haben. Mit 68 Jahren ist Harper in einem Alter, bei dem man mit Fug und Recht behaupten kann, dass er sein Leben dem Punkrock gewidmet hat. Der Auftritt seiner Band ist dann deutlich lauter als der von TV Smith, mit Bass, Gitarre und Schlagzeug keine Überraschung. Der Pogopit ist annehmbar, vereinzelt wird auch an den Rändern getanzt. Doch was Harper und seine drei Männer abliefern, ist vielleicht eine Spur zu routiniert. Das wirklich interessante an diesem Abend ist die Durchmischung des Publikums. Beeindruckende Irokesen bilden die Ausnahme, neben der üblichen Häufung an Piercings und Tattoos. Hinzu kommen wie aus den Urzeiten des Punks teleportierte Relikte, die mit knapp Volljährigen mit BVB-Shirts feiern. Ein Studium der Subkulturen am lebenden Objekt. Als sich schließlich ein weißhaariger Mann mit der Aura eines Buchhalters den Weg zum Pit vor der Bühne freirempelt, ist klar: Jeder ist willkommen, Musik verbindet. In dreißig Jahren Bandgeschichte haben TV Smith und die U.K. Subs ein wahres Panoptikum an Fans um sich gescharrt. Keiner von ihnen dürfte das Konzert an diesem Abend enttäuscht verlassen haben.

Zweifellos wäre der Exzess an einem Freitag oder Samstag größer, die Stimmung ausgelassener und der Pit exzessiver gewesen. So war es der perfekte Ausklang eines Wochenendes. Easy like Sunday evening eben.

Maxi Braun

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