Seit wann Anna (Saga Garðarsdóttir) und Magnús (Sverrir Guðnason) getrennt sind, erfahren wir nicht. Magnús war wohl selten zu Hause, sein Job als Hochseefischer hielt ihn wochenlang von der Familie fern. Anna kam sich deshalb wie eine Alleinerziehende vor und trennte sich irgendwann. Doch das Paar scheint sich immer noch zugewandt zu sein. Wenn Magnús an Land ist, kümmert er sich noch um Dinge am Haus, etwa den Hühnerstall. Er ist auch stets zur Seite, wenn Anna Hilfe mit ihren großformatigen Bildern benötigt – sie ist Künstlerin und hofft, von einer Galerie vertreten zu werden. Die drei Kinder des Paares sollen nicht unter der Trennung leiden, weshalb die Familie an Magnús‘ Landtagen ausgiebige gemeinsame Ausflüge unternimmt. Sie wandern durch die isländische Landschaft, fischen, sammeln Beeren, beobachten Wildtiere – und haben offensichtlich Spaß miteinander. Man fragt sich, warum sich dieses Paar überhaupt getrennt hat. Zumal sie auch hin und wieder noch Sex haben. Unter der Trennung scheint Magnús mehr zu leiden als Anna, die nicht nur ausgeglichener und selbstbewusster wirkt, sondern auch diejenige ist, die die Laufrichtung in dieser Beziehung anzugeben scheint. Magnús hingegen wirkt eher orientierungslos – ein Mann, verloren auf hoher See, der ohne die Stabilität einer Familie einfach nicht weiß, wer er ist. Über einen Zeitraum von mehreren Jahren hat Hlynur Pálmason seinen unaufgeregten Familienfilm „The Love That Remains“ gedreht, in dem sich wehmütige Kompositionen mit surrealen Szenen abwechseln. Pálmasons Protagonisten spielen mit bemerkenswerter Sensibilität Menschen, die versuchen zu lieben und mit den harten Fakten fertig werden müssen. Ein großartiger, kluger Sommerfilm aus dem Norden.
Anne (Sophie Marceau) genießt mit 55 endlich die Wohnung für sich allein, da klingelt Tochter Louise (Thaïs Alessandrin) an und nistet sich wieder ein: Sie hat den Freund verloren und Angst, das Leben zu verpassen. Anne arrangiert sich gerade einigermaßen, da erfährt sie, dass ihr Sohn ein Kind bekommt und sie – Oma wird! Lisa Azuelos hat auch den ersten Teil inszeniert und setzt in „LOL 2.0“ auf munteres Kuschelkino: Ihre Figuren suchen generationsübergreifend Orientierung und durchleben Liebesleid und Liebesglück. Ein Hoch auf uns! Und so gestaltet sich das Leben hier regelmäßig als Musik-Clip, wenn alle, begleitet von Charles Aznavour bis Billie Eilish, miteinander singen, tanzen, hadern, tagträumen. Ein sympathischer Spaß.
Während Richard Linklaters „Nouvelle Vague“ gerade die Aufbruchsstimmung des französischen Films Ende der 1950er Jahre feiert, kommt ein deutscher Film in die Kinos, der irgendwie an jene Zeit der künstlerischen Freiheit und des innovativen Filmemachens erinnert. Genau wie ihre vermutlichen „Vorbilder“ hat die 1994 in Erkelenz geborene Jacqueline Jansen keine Filmhochschule von innen gesehen, sondern sich das „Handwerk“ autodidaktisch erarbeitet. Nun kommt ihr erster Langspielfilm „Sechswochenamt“ in die Kinos: völlig unabhängig von TV-Geldern und Fördermitteln durch Spenden, Eigenmittel und Honorarrückstellungen produziert. Schon mit der ersten Szene beweist Jacqueline Jansen ihr inszenatorisches Talent: Lore wacht im Hospiz neben ihrer krebskranken Mutter. Da entfährt der dem Tode Geweihten ein letzter Seufzer. Übermannt von Schmerz und Trauer streichelt die Tochter zärtlich über das Gesicht der geliebten Mutter. Lores Blicke und Gesten werden zum „Markenzeichen“ der sensiblen Darstellung durch Magdalena Laubisch. Jansen erzählt nun von der Planung der Bestattung, die zur emotionalen Achterbahnfahrt wird.
Alle Neustarts der Woche finden Sie unter: Neu im Kino.
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