Der 1953 in Südtirol geborene Nanni Moretti ist der Inbegriff des italienischen Autorenfilmers. Mit „Das Beste liegt noch vor uns“ wurde er 2023 zum neunten Mal in den Wettbewerb von Cannes eingeladen. Nun kommt seine – wie so oft bei ihm – autobiografisch gefärbte Tragikomödie mit etwas Verspätung in unsere Kinos. Moretti selbst spielt den Filmregisseur Giovanni. Der dreht gemeinsam mit seiner Produzentinnen-Ehefrau Paola (Margherita Buy) und seinem französischen Co-Produzenten Pierre (Mathieu Almaric) einen Zirkusfilm, der sich mit der italienischen kommunistischen Partei und ihrer Haltung zum ungarischen Volksaufstand 1956 befasst. Doch die Dreharbeiten sind von Anfang an überschattet von diversen großen und kleinen Problemen. Das tänzerisch-verspielte Finale erinnert an die frühen Filme Morettis, auf die er hier charmant Bezug nimmt. Man spürt in jeder Szene seine Liebe zum Kino, die er mit Ausschnitten zu Fellinis inhaltlich verwandtem „Achteinhalb“ und Jacques Demys „Lola“ feiert. Schön jener Moment, in dem Giovanni einem jungen Regiekollegen – dessen Film zu seinem Leidwesen Paola produziert – erklärt, dass man Gewalt nicht als Unterhaltung inszenieren darf, sondern so, dass man will, dass sie aufhört. Er führt Krzysztof Kieslowskis „Ein kurzer Film über das Töten“ als Beweis an, dem Moretti hier mit der Besetzung von Kieslowskis Lieblingsschauspieler Jerzy Stuhr seine Referenz erweist. Eine der vielen intelligenten Verweise in dieser unterhaltsamen, von einem glänzenden Ensemble getragenen Tragikomödie, die knapp an einem Meisterwerk vorbeischrammt.
Wie wird aus Liebe Gewalt? Welche Möglichkeiten zum Verlassen der Situation haben betroffene Frauen? Welchen Herausforderungen begegnen sie? Die preisgekrönte Regisseurin Alina Cyranek geht in ihrem neuen Dokumentarfilm „Fassaden“ diesen Fragen nach. Sie zeichnet ein eindrückliches Bild davon, wie es ist, sich in einer missbräuchlichen Beziehung wiederzufinden. Dabei wechseln sich anonymisierte Erfahrungsberichte von vier betroffenen Frauen (gelesen von Sandra Hüller), Interviews mit Expert:innen und Tanzszenen eines Paares ab. Cyranek gelingt eine würdevolle Darstellung des Gesellschaftsproblems, die dank der Tanzszenen und der Stimme von Sandra Hüller auch einem hohen künstlerischen Anspruch genügt. Nicht zuletzt leistet die Dokumentation mit den Interviews wichtige Aufklärungsarbeit.
Außerdem neu in den Ruhr-Kinos: die Romanverfilmung „Wuthering Heights – Sturmhöhe“ von Emerald Fennell, der wilde Pulp-Trip „Once Upon a Time in Gaza“ von Tarzan Nasser und Arab Nasser, die Buchadaption „Die Ältern“ von Sönke Wortmann, der Thriller „Crime 101“ von Bart Layton und der Animationsspaß „Der letzte Walsänger“ von Reza Memari.
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