Wenn man Regina Schillings Film über den 1987 in Russland, aber mit acht Jahren mit seiner jüdischen Familie nach Deutschland migrierten Musiker Igor Levit gesehen hat, wundert man sich vielleicht ein wenig über sein aktuelles Pensum mit Auftritten, Platten und politischen Aktionen. Schilling hat Levit über zwei Jahre begleitet. Wir sehen ihn bei Plattenaufnahmen, bei Proben und auf Konzerten, bei PR-Terminen, auf Reisen, beim Einkaufen – immer in Bewegung, garantiert nie ruhig. Anfang 2020 gesteht er in einer emotionalen Szene während einer Taxifahrt, dass er sich vor diesem Jahr mit über hundert Konzerten fürchtet. Kurz darauf steht die Welt still. Er ist sicher nicht der einzige, der die Lockdowns für einen Moment als wohltuende Pause empfunden hat, um aus einem Hamsterrad auszubrechen, das er – obwohl selbstbestimmter Künstler – nicht mehr ganz unter Kontrolle hat. Levit hält inne, kurz … Dann genießt er die neue Freiheit, indem er täglich von zu Hause aus live Konzerte streamt, die er in völliger Freiheit organisiert. Was, wann, wo, wie: alles seine Entscheidung, niemandem verpflichtet. Der Film „Igor Levit. No Fear“ erspürt diese neue Freiheit so intim, wie er zuvor Levits Leidenschaft am Klavier auf die Leinwand gebracht hat.
Der Erfolg stellte sich für Martin Suter erst 1997 ein, mit seinem Debüt-Roman „Small World“. Gemeinsam mit seinem Verleger, mit anderen Künstlern und seiner Partnerin erzählt er in André Schäfers „Alles über Martin Suter – Außer die Wahrheit“ von Karriere und Leben, spricht über die Sucht nach Geschichten, über Marrakech, über Phantasie und Realität, über Lüge und Wahrheit, über Distanz und Nähe, über die Zeit. Martin Skalsky unterlegt diese Reise wohlig warm mit Streichern und Klavier. Schäfer erweckt drum herum Szenen aus Suters Werk zum Leben, Synchron- und Hörspielsprecher Andreas Fröhlich („Der Herr der Ringe“, „Die drei ???“) rezitiert dazu aus dem Off akzentuiert aus dem jeweiligen Roman. Mittendrin: Suter selbst, der seine Protagonisten still beobachtet oder ihnen begegnet. Die entspannte Gangart, die musikalische Untermalung, die inspirierten Spielszenen, die Spielfreude und Offenheit Suters gestalten die Doku zu einem nicht nur interessanten, sondern anmutigen, anregenden Erlebnis.
Wenn Richie Bravo (Michael Thomas) im Glitzeranzug ans Mikrofon tritt und von Amore singt, dann hängen die Seniorinnen an seinen Lippen. Doch die Zahl seiner Fans schwindet. Gigs zu ergattern ist so schwer, dass der abgewrackte Schnulzenstar sein Gehalt mit Liebesdiensten an besonders eifrigen Anhängerinnen aufbessert. Gänzlich ins Schleudern gerät er, als seine vernachlässigte Tochter in seiner Wahlheimat Rimini mit Unterhalts-Nachzahlungsforderungen auftaucht. Einmal mehr balanciert Ulrich Seidl in „Rimini“ zwischen einem Alltagshorror des Hässlich-Grotesken und einer diesem Horror abgetrotzten Zartheit im Umgang mit vom Leben gebeutelten Figuren. So umstritten Seidl derzeit wegen des Drehs an dem „Rimini“-Ergänzungsfilm „Sparta“ ist, so sehenswert ist sein Abstieg in die Untiefen der Schlagerwelt.
Außerdem neu in den Ruhr-Kinos: Kristina Buozytes und Bruno Sampers Sci-Fi-Märchen „Vesper Chronicles“,, Aelrun Goettes DDR-Tragikomödie „In einem Land, das es nicht mehr gibt“, Ana Lily Amirpours Fantasy-Trip „Mona Lisa and the Blood Moon“, David Clay Diazs Flüchtlingsdrama „Me, We“ und Gina Prince-Bythewoods Amazonen-Epos „The Woman King“.
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Drei Männer im Klee
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