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Filmemacherin Regina Schilling inszenierte „Igor Levit – No Fear“
Foto: Presse

„Ich wollte das Geheimnis seiner Kunst ergründen“

27. September 2022

Regina Schilling über „Igor Levit – No Fear“ – Gespräch zum Film 10/22

Regina Schilling wurde mit ihren Dokumentarfilmen über die Schauspieler:innen Josef Bierbichler und Adriana Altaras („Titos Brille“, 2014) bekannt, für „Kulenkampffs Schuhe“ (2018) wurde sie unter anderem mit dem Grimme-Preis, dem Deutschen Fernsehpreis und dem Preis der Deutschen Akademie für Fernsehen ausgezeichnet. Ihre neueste Dokumentation „Igor Levit – No Fear“ über den weltbekannten Pianisten startet am 6. Oktober in den Kinos.

trailer: Frau Schilling, Sie haben in Ihren Dokumentationen schon die unterschiedlichsten Themen behandelt. Wie sind Sie nun auf Igor Levit gekommen?

Regina Schilling: Mein vorheriger Film „Kulenkampffs Schuhe“ hatte sehr viele und große Reaktionen ausgelöst, ich habe dazu sehr viele, detaillierte und berührende Zuschriften bekommen, deren Absender sehr ausführlich auch ihre eigenen, sehr persönlichen Nachkriegs-Biografien erzählt haben, die sehr erschütternd und teilweise sehr traurig waren. Da stellte sich für mich dann die Frage: „Was für einen Film kann ich jetzt überhaupt noch machen?“ Ich hatte nicht damit gerechnet, so zufällig ins Schwarze zu treffen, deswegen war ich in einer sehr seltsamen Verfassung. Dann erzählte mir Thomas Kufus, der Produzent von Zero One Film, dass Igor Levit gerade sämtliche Beethoven-Sonaten aufnimmt. Beim Stichwort Beethoven-Sonaten war ich sofort elektrisiert, weil die in meinen Zwanzigern sehr wichtig für mich waren und mir über eine Krise hinweggeholfen haben. Ich wusste aus den Medien, wer Igor Levit ist, hatte ihn aber noch nicht live erlebt. Also ging ich in eines seiner Konzerte. Ihn zu sehen und zu hören war ein derart intensives Erlebnis, dass er mich sofort als Thema für einen Film interessierte. Genau wie bei Josef Bierbichler, über den ich auch einmal einen Film gemacht habe, ging es mir auch hier wieder darum, das Geheimnis seiner Kunst zu ergründen. Das hat mich sehr angezogen, und die Vorstellung, mich mit dieser Musik und einem so beeindruckenden Menschen zu beschäftigen, fand ich spannend.

Es hat den Anschein, dass Sie ihm beim Dreh sehr nahegekommen sind. War das einfach oder hat sich das entwickelt?

Wir haben uns schon vor dem Dreh getroffen und uns gegenseitig beschnuppert. Man hat dann ja instinktiv ein Gefühl, ob man sich versteht oder nicht. Und wir lagen direkt auf einer Wellenlänge. Durch Zufall kam dann auch heraus, dass wir gemeinsame Bezugspunkte unter Bekannten hatten, die Chemie war einfach da. Igor Levit ist aber eine öffentliche Person, die natürlich auch ihr Image kontrolliert. Deswegen hat sich unser Vertrauensverhältnis erst intuitiv von Dreh zu Dreh entwickelt, und im Laufe der Zeit wurde ich für ihn ebenfalls zu einer Ansprechpartnerin. Aber mein Team und ich haben uns große Mühe gegeben, möglichst sensibel mit ihm, den Musiker:innen und den Dirigenten umzugehen, denn es war für uns ja auch ein Privileg, bei den Aufnahmen dabei sein zu dürfen.

Levit scheint die körperliche Nähe zu seinen Vertrauten zu suchen. Sind sie für ihn notwendige Konstanten, weil er ein solch ruheloses Leben führt?

Ja, das ist natürlich seine erweiterte Familie, denn er sucht sich die Leute, mit denen er arbeitet, sehr bewusst aus. Er ist ein sehr körperlicher Mensch, was ich schön finde. Wenn er Leute mag, dann umarmt er die, das sieht man an sehr vielen Stellen im Film. Seine „erweiterte Familie“ sucht er sich vermutlich anhand von zwei Kriterien aus: nach Professionalität und ob die Chemie stimmt. Sein Tonmeister Andreas Neubronner beispielsweise ist hochprofessionell, ein mehrfacher Grammy-Gewinner, aber eben auch ein extrem sympathischer Mensch. Levit arbeitet mit den Besten der Besten, aber auch schon sehr lange und sehr konstant.

Sie sprechen im Film mehrfach die russische Vergangenheit Levits und seine Erfolge als Kind an, von denen er heute nichts mehr hören möchte bzw. diese verdrängt. Was glauben Sie, ist der Grund dafür?

Er war acht Jahre alt, als er nach Deutschland kam, und er sagt tatsächlich, dass er keine konkreten Erinnerungen an die Zeit in Nischni Nowgorod (ehemals Gorki) hat. Vielleicht liegt das daran, dass es für die kindliche Psyche ein Schock ist, von einem auf den anderen Tag in ein anderes Land zu kommen, mit einer neuen Sprache, Gerüchen, Essen und Menschen konfrontiert zu werden. Eventuell kann er sich aus diesem Schock heraus einfach nicht mehr an die Zeit davor erinnern. So erkläre ich mir das, denn er sagt das nicht, weil er über die Zeit nicht sprechen will, sondern weil er wirklich keine Erinnerung mehr daran hat.

In die Dreharbeiten fiel die erste Corona-Welle, in der sich Levit dann entschloss, über 50 Heimkonzerte zu geben. Warum hörte er damit dann so schlagartig wieder auf, hatte er sich damit verausgabt?

Es ging ja dann auch wieder mit Live-Konzerten weiter, sein erstes in Wien wird dann auch im Film gezeigt, andererseits war es aber natürlich auch sehr anstrengend für ihn, sich jeden Tag ein Repertoire zu überlegen und ein Konzert zu spielen. Ab einem bestimmten Punkt war das sicherlich eine Belastung für ihn. Aber es war auch eine Entwicklung spürbar, er selbst brauchte es nicht mehr, die Leute brauchten es vielleicht auch nicht mehr, weil es wieder mit Live-Konzerten weitergehen konnte.

War für Sie von Anfang an klar, dass Sie hier nicht mit klassischen Interviewszenen arbeiten wollen?

Ich wollte von Anfang an gegen den Strich von einem klassischen Musikerporträt arbeiten. In den Konzertszenen waren wir eingeschränkt, mussten mit einem Stativ von einer fixen Position aus filmen, aber ansonsten haben wir versucht, nicht die Standard-Auflösungen zu filmen, die man bei Filmen über Pianisten und Pianistinnen findet. Ich wollte mit ihm einen Film im Direct-Cinema-Stil machen, weil das auch einfach besser zu Igor Levit passt. Mein „heimliches“ Vorbild hierfür war ein bisschen „Don’t Look Back“ über Bob Dylan. Ich fand es reizvoll, ihn einfach zu begleiten. Ich höre sehr gerne klassische Musik, bin aber keine Spezialistin dafür. Und Igor Levit hat solch ein unglaubliches Wissen über Musik, dass ich ihm in diesem Punkt inhaltlich nicht auf Augenhöhe hätte begegnen können. Daraus hat sich für mich ergeben, dass ich einen eher beobachtenden Film über ihn mache. Er gibt viele Interviews und ist eine Medienfigur, aber über seine Arbeitsweisen war bislang meiner Meinung nach noch nicht allzu viel bekannt.

Obwohl Levit ein so begnadeter Musiker ist, wird er immer wieder von Selbstzweifeln geplagt. Ist das unabdingbar, wenn man Perfektionist ist, oder woran liegt das bei ihm?

Igor sagt von sich selbst, dass er gar kein Perfektionist ist. Andere Pianist:innen probieren beispielsweise fünf oder sechs Klaviere vor einem Konzert aus, das kann man im Film „Pianomania“ beispielsweise sehr anschaulich sehen. Für alle künstlerisch Schaffenden, die „ganz oben“ mitspielen, ist der Selbstzweifel aber unabdingbar. Die Angst vorm Scheitern ist dann, glaube ich, immer da.

Ihre Filme davor hießen „Titos Brille“ und „Kulenkampffs Schuhe“ – welches Accessoire würden Sie Igor Levit zuordnen, wenn Sie sich nochmal einen anderen Titel überlegen müssten?

(lacht) Das stimmt, das ist eine lustige Frage. Im ersten Moment würde ich natürlich das Klavier sagen, aber vielleicht ist es auch das Handy: „Igors Smartphone“. (lacht).

Interview: Frank Brenner

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