
Der junge Häuptling Winnetou
Deutschland 2021, Laufzeit: 103 Min., FSK 0
Regie: Mike Marzuk
Darsteller: Mika Ullritz, Milo Haaf, Lola Linnéa Padotzke
>> www.leoninedistribution.com/filme/162210/der-junge-hauptling-winnetou.html
Kinderabenteuer um den berühmten Apachen-Häuptling
Blutsbrüder!
„Der junge Häuptling Winnetou“ von Mike Marzuk
Uns Großen sind vor allem zwei Filmadaptionen von Karl Mays Winnetou-Romanen in Erinnerung. Zum einen die satten Rialto-Abenteuer aus den 1960ern. Zum anderen Michael Herbigs rundum großartige Persiflage eben darauf: „Der Schuh des Manitu“ von 2001. Alles andere war Fernsehen.
Regisseur und Co-Autor Mike Marzuk („Fünf Freunde“) greift Formate wie „Die Abenteuer des jungen Indiana Jones“ auf und holt den noch jüngeren Winnetou auf die Leinwand. Der zwölfjährige Häuptlingssohn, gelungen besetzt durch Mika Ullritz („Fack Ju Göhte 3“), zeichnet sich gleich zu Beginn durch Schnelligkeit und Geschick mit Pfeil und Bogen aus. Zugleich mangelt es dem flinken, aber eitlen Krieger noch deutlich an Bereitschaft zum Teamplay. Ausreichend Platz also für Läuterung und Reifung des Helden, so wie es ein solides Drehbuch verlangt. Die Chance auf Besserung ist in Sicht, als Papa Intschu tschuna ohne Büffel von der Jagd kommt und damit der Verbleib im heimatlichen Territorium gefährdet ist. Gemeinsam mit dem gleichaltrigen Greenhorn Tom Silver (Milo Haaf) begibt sich Winnetou auf die Spuren der verschollenen Büffelherde. Die führt die zwei Jungs in die Westernstadt Rio Santo und von dort zu dem schrägen Oberschurken Todd Crow (Anatole Taubman), der mit seiner Bande allerlei Gemeines ausheckt.
Als Erwachsener wähnt man sich tatsächlich in einer Symbiose der beiden eingangs erwähnten Spielfilm-Formate. Zum einen tischt uns Marzuk hübsch verklärte Heldenhuldigung auf, zum anderen begegnen uns, vornehmlich im Bereich der Gauner und Schurken, reine Karikaturen. Und das sind ja durchaus ideale Zutaten für einen gelungenen Kinderfilm. Auch die Freundschaftsgeschichte zwischen Winnetou und Tom geht gut auf. Sehr sympathisch übrigens, wie unaufdringlich und ganz nebenbei der junge Sam Hawkins eingebunden wird.
Politisch korrekte Zeitgenoss*innen werden indes die Hände über den Köpfen zusammenschlagen: In Zeiten, in denen „kulturelle Aneignung“ in aller Munde ist, gibt sich dieser Indianer-Film konsequent ahnungslos. Als die große Herausforderung beim Dreh wird im Presseheft lediglich der Umgang mit Corona genannt. Immerhin: „Wir haben unser Drehbuch von einer Ethnologin prüfen lassen“, lässt Produzentin Ewa Karlstöm verlauten. Dadurch blieb der Marterpfahl auf der Strecke und Kostüm und Requisite wurden entsprechend abgestimmt. Erzählerisch indes bedient auch dieser 2022er-Winnetou die alten Indianer-Klischees und verfolgt keinen zeitgemäß reflektierten Ansatz. „Der junge Häuptling Winnetou“ ist eben kein „Der mit dem Wolf tanzt“ für Kinder. „Es ist Karl May, es ist ein Märchen“, spricht Kostümbildnerin Andrea Spanier. Und ja, dieses Argument ist bestechend und darf konstruktiv in etwaige Debatten eingebunden werden. Dem indigenen Zeitgenossen, der auf den Kampagnenplakaten postuliert: „Ich bin kein Kostüm!“, hält der junge Winnetou in diesem Abenteuer selbstbewusst entgegen: „Und ich bin kein indigener Ureinwohner!“ Trotzdem wäre hier ohne viel Aufwand etwas mehr Reflexion durchaus möglich gewesen. Vor allem, wenn der Film von der Deutschen Film- und Bewertungsstelle mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ versehen wird.
Ansonsten darf Kleindarsteller Milo Haaf vor seinem nächsten Auftritt gern noch etwas üben, sein Spiel fällt noch etwas hölzern aus. Sein Tom Silver ist aber auch grundsätzlich etwas undankbar angelegt: Dem Greenhorn ist kein Kalauer zu schade („Nscho-tschi“ „Gesundheit!“), und er trägt – „Was geht?!“ – zeitgenössischen Sprachslang in den amerikanischen Westen des Jahres 1852. Das funktioniert bei Bully – hier wirkt es befremdlich. Aber zum Glück nur für wenige Momente, und die Kids finden das ja vielleicht sogar cool. Das gilt vermutlich auch für Anatole Taubman, der, „Upsi Pupsi“, durch skurriles Overacting auf sich aufmerksam macht und seinen Todd Crow ungreifbar glucksend und mit spastischen Allüren performt – irgendwo zwischen Jack Sparrow und Klaus Kinski („Winnetou – 2. Teil“).
Für die Zielgruppe jedenfalls sollte diese jüngste Karl May-Adaption insgesamt prima aufgehen: „Der junge Häuptling Winnetou“ ist ein flottes Westernmärchen. Ach ja: Da der Autor seinerzeit vor allem Lex Barker abfeierte, wünscht er sich jetzt natürlich das entsprechende Spin-Off: „Young Shatterhand“. Bittebitte!
(Hartmut Ernst)

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