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Vermisst die Filmrolle: Julian Scholten
Foto: Julian Scholten

Digitale Zeiten

28. August 2019

Stell dir vor, es ist Kino und es gibt keinen Film – Vorspann 09/19

Eigentlich hat die Digitalisierung des Kinos alles einfacher gemacht. Filme müssen nicht mehr in schweren Kisten transportiert werden, sie kommen in kleinen Festplatten ins Kino. Ein mühevolles Zusammenschneiden mit Trailern und Werbung entfällt und der Film kann mit einem Klick projiziert werden. Dabei ist er immer gleich gestochen scharf und verliert auch beim mehrmaligen Vorführen nicht mehr an Qualität. Kein Wunder also, dass die Wirtschaftlichkeit dem rückständigen Filmstreifen den Garaus gemacht hat und laut dem Hauptverband Deutscher Filmtheater alleine bis 2013 rund 90,5 Prozent aller Kinos auf digital umgestellt haben, heute dürften es annähernd 100 Prozent sein.

Der Niedergang des analogen Films ging schleichend und fast lautlos voran. So gibt es in Deutschland heute nur noch eine Handvoll Kinos, die analogen Film vorführen können und sogar nur noch eine Firma, die fürs Drehen Rohfilm herstellt. Ohne Weiteres kann dieser dann aber gar nicht mehr vom Negativ- zum Positivfilm entwickelt und vervielfältigt werden, weil zum Jahresbeginn auch in Deutschland das letzte Kopierwerk für 35mm-Film eingestampft wurde.

Hätte der Buchdruck einen derart krassen Niedergang binnen weniger Jahre erfahren, wäre der Aufschrei groß, beim Film scheint das aber kein großes Bedauern ausgelöst zu haben. So ist die Filmrolle heute nur noch Nischenprodukt fürs Museum, die bildende Kunst und das Filmarchiv. Doch auch wenn man technischen Fortschritt nicht mehr zurückdrehen kann, ist es fraglich, ob Film in diesen Nischen überhaupt dauerhaft überleben kann, wenn auch hier wirtschaftliche Zwänge immer mehr zum Maß der Dinge werden.

Das zeigt sich in Entscheidungen, wie in der des Bundesarchivs, das die Sicherung von Filmen komplett digital vornehmen will, anstatt durch die Ausbelichtung von Zelluloid. Eine kurzsichtige Politik, da Film immer noch das einzige Medium ist, mit dem eine langfristige Aufbewahrung von mehr als 100 Jahren erprobt ist, während es bei der rein digitalen Sicherung heute völlig unklar ist, ob wir Filmdateien auch noch in 20 oder 30 Jahren abspielen können. Gleichzeitig hat das zur Folge, dass wir unser Filmerbe in weniger Zeit ausschließlich nur noch als Digitalisat erfassen können.

Dabei stellt das Kinoerlebnis mit seiner flackernden organischen Filmprojektion eine kulturelle Erfahrung dar, die die Menschen zwischen 1895 und den 2010er Jahren miteinander geteilt haben. Film als Kulturgut hat heterotopische Räume erschaffen und Gesellschaften nachhaltig verändert, was den analogen Film zu einer der bedeutendsten Kulturtechniken des 20. Jahrhunderts macht. Doch anders als Brücken, Bauten oder Brot ist die Kulturtechnik Film kein geschütztes Weltkulturerbe geworden.

Wird man die Filmgeschichte des 20. Jahrhunderts auch in Zukunft verstehen, wenn man den Zusammenhang zwischen der analogen Produktionsweise und der Aufführungsform mit seinen technischen Mitteln nicht mit überliefert? Hier kommt den wenigen Filmmuseen, den Filmkooperativen und dem Engagement der Kinos, wie wir sie vereinzelt noch in unserer Region haben, eine besondere Bedeutung zu. Ihr Engagement für den analogen Film trägt dazu bei, dass Film in seiner Herstellung, Archivierung und Zugänglichmachung als Kulturtechnik erhalten bleiben kann. Das sollte in digitalen Zeiten dann auch gezielt institutionell gefördert werden.

Julian Scholten

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