Mittwochabende sind komisch: Die Woche hat angefangen, ist aber eigentlich auch fast schon wieder zu Ende. Der Stress von Montag und Dienstag noch in den Knochen, das Ende schon wieder in Sicht. Wladimir Kaminer ist der perfekte Kandidat, um an einem solchen Abend zwei Stunden gute Laune zu garantieren und den Spurt zum Wochenende einzuleiten.
Schon beim Einlass weht ein Hauch von Russland durch die Massen, die Parallelen zur St. Petersburger oder Moskauer Rush Hour drängen sich auf. Doch statt der Metro wird Wladimir Kaminer erwartet. Mit wunderbarer Leichtigkeit und Sorglosigkeit springt er dann auch auf die Bühne. Ein bisschen chaotisch mutet es an, wenn er voller Elan eine seiner unveröffentlichten Manuskripte aus der losen Blättersammlung fischt, es macht den gebürtig aus Russland stammenden Erfolgsautor aber auch sympathisch. Unterbrochen von leisem oder lauterem Gekicher und Gelächter führt er das Publikum in seine Welt der „spontanen Vegetationen“, aufgrund derer er seinen ersten Garten aufgeben musste. In der Geschichte „Die gut begründete Grimmigkeit der Russen“ legt er plausibel dar, warum die Deutschen aus russischer Sicht überall Chaos sehen und am liebsten „alles schön und rund haben wie Königsberger Klopse“. Daran knüpft die Geschichte „Der deutsche Mann“ an, die eben jenen „Titelhelden“ als „unsicheren Schwächling, der zu einem Kollateralschaden des Feminismus wurde“ offenbart.
Übel nehmen kann man Kaminer diese Beschreibungen nicht, denn auch seine eigenen Landsleute nimmt er nicht minder auf die Schippe. Zum Beispiel wenn er von „diesem komischen Zwischenpräsidenten“ spricht, dem es lediglich gestattet war, sich mit Kleinkram zu beschäftigen und der daraufhin einfach die Winterzeit abschaffte. Oder wenn er in der Kurzgeschichte „Meteorit“ beschreibt, wie die Einwohner der Stadt Tšeljabinsk aus diesem Naturereignis einen vermeintlichen Profit schlagen wollen.
Nichts jedoch kann Kaminers Erzählungen über die Pubertät toppen. Als Dreh- und Angelpunkt dienen seine beiden Kinder, die sich zwischen grenzwertigen Anmachsprüchen – „Sind deine Eltern Terroristen? Du siehst nämlich aus wie eine Bombe“ – und horrenden Telefonrechnungen – „Papa, niemand kann Gefühle voraussagen, ich brauche einfach eine Flatrate für alle Netze“ - für „Romeo&Julia 2.0“ qualifizieren.
Ein Abend mit dem Autor von „Russendisko“ vor seiner Fangemeinde im ausverkauften Bahnhof Langendreer hilft, das Phänomen Kaminer zu verstehen und erschließt, warum er gerade in Deutschland so beliebt ist. Seine brillante Art, eingängige Stereotype auf charmante Art zu verpacken, die Menschen zu begeistern und mitzureißen machen seine Lesungen abseits des inhaltlich Dargebotenen zu einem echten Erlebnis deutsch-russischer Völkerverständigung.
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