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Ein langes Gespräch mit Marianne Menze
Foto: Betty Schiel

„Wir lieben unsere Kinos“

29. März 2012

Marianne Menze über das Essener Eulenspiegel - Kino.Ruhr 04/12

Seit Jahrzehnten engagiert sich Marianne Menze in den Essener Filmkunsttheatern für anspruchsvolle Filmkunst und für Kinos, die dieser Kunst würdig sind. 1980 übernahm sie mit ihrem Mann Hanns-Peter Hüster das Eulenspiegel in Essen, um das damals neue Konzept der Programm-Kinos auszubauen, das sich in der kleinen Galerie Cinema bereits bewährt hatte.

trailer: Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Besuch im Eulenspiegel?
Marianne Menze: Wir haben das Eulenspiegel 1980 übernommen. Mein Mann Hanns-Peter Hüster hatte immer vom Eulenspiegel als ideales Kino geschwärmt und war immer schon heiß darauf, es zu betreiben, weil es ein reiner Zweckbau ist. Es hat klassisch gerundete Wände und eine gebogene Cinerama Leinwand und das typische Ambiente eines 50er-Jahre Kinos. Der Saal ist unverändert und steht ja auch unter Denkmalschutz; Wandverkleidung mit gerafften Stoffen und Goldleisten, Tulpenlampen. Solche Kinos gibt es eigentlich gar nicht mehr.

Ich setze mich im Eulenspiegel gern in die erste Reihe.
Es ist schön vorne in der ersten Reihe die Füße hoch zu legen, und trotzdem hat man noch genügend Abstand zur Leinwand. Das finde ich auch immer gut.

Es ist eines der letzten Stadtteilkinos, von denen es früher Hunderte gegeben hat. Wie ist das Überleben außerhalb des Zentrums möglich?
1980 war die ganze Programmkino-Bewegung noch relativ frisch, und es hat inhaltlich eine völlig neue Ausrichtung bekommen, und ein ganz anderes Publikum angesprochen, vorwiegend Studenten und intellektuelles Publikum. Es war spezieller, hat sich mehr auf den europäischen Autorenfilm konzentriert, mit sehr viel Sonderreihen, Retrospektiven, Veranstaltungen für Schulen, zu der Zeit gab es das relativ wenig. Huttrop ist ja eigentlich ein Katzensprung von der Essener Innenstadt und ziemlich gut angebunden. Das hat die Leute nicht zurückgehalten. Im Gegenteil, es war so, dass die Kinos mehr wegen der Inhalte aufgesucht wurden, und da spielte die Entfernung keine große Rolle.

Und das ist immer noch so? Ist Ihnen dieses Publikum treu geblieben?
Die werden natürlich älter.

Gehen die Studenten heute nicht mehr ins Kino?
Ja, doch, aber sie haben einen etwas enger gefassten Geschmack. Früher wäre es für Studenten eigentlich ein Unding gewesen in irgendwelche Mainstream-Filme zu gehen. Als Student ging man in Programmkinos. Die Spätvorstellungen haben die Programmkinos erfunden, vor allem auch die langen Nächte: 2-3 Filme hintereinander mit Frühstück morgens, und in den Pausen Erbsensuppe oder Schmalzbrote. Das war in. Da waren natürlich vorwiegend junge Leute, die am nächsten Morgen nicht um sieben Uhr wieder aufstehen mussten. Die Filmverleiher haben irgendwann begriffen, dass man mit Spätvorstellungen richtig Geld machen kann und haben angefangen, die normalen Kinos vertraglich dazu zu verpflichten. Wir waren nicht mehr exklusiv, die Auswahl wurde größer, dann kamen die DVDs, dann das Internet. Die Studenten sind auch teilweise unpolitischer geworden behaupte ich jetzt mal. Der Anspruch änderte sich. Man ging auch als Student mehr in Mainstream-Filme, das ältere Publikum gab es noch nicht so, wie es sie heute wieder gibt. Damals gingen Leute zwischen 40-60 Jahren nicht ins Kino, weil sie die die Nase voll hatten von diesen Schuhschachtel-Kinos, die inzwischen überall gebaut wurden: Popcorn-mampfende, stinkende, kleine Löcher. Um eine Gewinnmaximierung aus den gleichen Räumlichkeiten herauszuholen, wurden aus jeder Garderobe und aus jedem Balkon noch drei Kinos gemacht. Und damit hat man das Bildungsbürgertum aus den Kinos heraus getrieben. Die haben dann die Programmkinos entdeckt, weil sie da auch Repertoire zu sehen bekamen, also Filme, durch die sie sozialisiert wurden in ihrer Jugend. Die Programmkinos haben sich bemüht, individuell zu sein, inhaltlich, aber auch mit einer guten Technik und waren personell kein Massenbetrieb.

Repertoire findet man im Kino heute kaum.
Das macht uns sehr traurig, dass das Repertoire im Kino so gut wie tot ist. Es gibt DVDs und die Leute können sich alles aus dem Internet ziehen. Und das Interesse ist auch nicht da. Ich glaube, dass man Film und Filmgeschichte in Schulen wesentlich mehr platzieren müsste. Das passiert gar nicht. Was man an Repertoire zeigen könnte, selbst wenn es Besucher dafür gäbe -alles im Konjunktiv gesprochen- ist schon deswegen unmöglich, weil es die 35mm-Film-Kopien gar nicht mehr gibt. Das ist schade. Und es ist für einen relativ kleinen Kreis von Leuten. Wir wollen es trotzdem machen.

Wo das ja noch funktioniert, sind Filmfestivals. Sie ziehen die Augenbrauen hoch?
Das ist richtig. Das ist aber das Problem unserer Event-Kultur. Es muss was Tolles, Besondere und Außergewöhnliches sein, aber es ist einfach zu viel. Auch diese Geschichte mit dem Kulturhauptstadtjahr. Ich bin absolute Befürworterin. Auf der einen Seite ist es toll, was hier im Ruhrgebiet alles stattfindet und auf der anderen Seite ist es so, dass so wahnsinnig viel untergeht. Es muss immer mit einem Kitzel verbunden sein, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Ich finde, dass insgesamt –das hat nicht nur was mit Film zu tun- so eine Eventkultur für eine Verflachung auf einer anderen Ebene sorgt, und der Kreis der Leute, die wirklich nach dem Speziellen gucken relativ klein geworden ist.

Sie bieten ja dennoch weitere Veranstaltungen an?
Ja klar. Wir versuchen schon die Bandbreite zu erhalten und auszubauen. Wir zeigen Stummfilme und vermehrt auch Dokumentarfilme. Und dann schauen wir, dass selbst Filme eine Chance kriegen, bei denen wir von vornherein wissen, dass zu wenig kommen, als dass es für uns noch wirtschaftlich ist. Trotzdem glaube ich, dass man die Filme im Programm haben muss, weil der Fokus sonst immer enger wird. Zum Positiven hat sich verändert, dass ein mittleres Alter wieder mehr ins Kino geht. Die sind erstaunlicherweise experimentierfreudiger als 20-Jährige. Selbst bei unseren Mitarbeitern bekomme ich das mit. Die gehen alle gerne ins Kino, aber die Filmwünsche, die an mich heran getragen werden, da schlacker ich manchmal mit den Ohren. „Spielen wir zwar, aber würdet ihr bitte auch den und den gucken!“

Es hört sich an, als würden sie eine Art Kino- und Filmkunst-Bewahrung betreiben.
Ich würde mir schon wünschen, dass die Jüngeren heute noch den Anschluss kriegen an den wirklich filmischen Film, der sämtliche Voraussetzungen erfüllt und nicht nur Hauruck-Geschichten erzählt. Es ist nichts dagegen einzuwenden, sich unterhalten zu lassen, aber darüber hinaus sollte ein Gefühl entwickelt werden für eine Bildsprache, um damit auch den Bogen zu spannen zu vergangenen, großen Regisseuren und Dramaturgen. Wir haben das hier immer wieder mit Praktikanten, die hier Blut oder besser Filmkit geleckt haben. Ihre Liebe zum Film ist geweckt ist und ich hoffe bis an ihr Lebensende. Sie müssen nur einfach genug Filme gucken, und dann kriegen sie auch ein anderes Gefühl dafür und stellen fest, dass sie tolle Erfahrungen machen. Die Faszination Film ist da, das Ansteckungs-Potential ist wie es vor 30 Jahren war. Man muss nur die Möglichkeit haben, sich anstecken zu lassen.

Woher nehmen sie die Lust, sich immer wieder für das Kino und die Filme einzusetzen?
Durch die Filme selber und durch die Kinos. Filme kann ich auch woanders gucken, aber das ist nicht dasselbe. Wir lieben unsere Kinos. Die haben was. Das sind klassische Filmtheater mit einem eigenen Charakter. Räume spielen für mich eine große Rolle. Filmkultur und Kinokultur gehört zusammen. Wenn ich völlig die Nase voll habe, setze ich mich einfach morgens fünf Minuten ins Kino, lass das auf mich wirken, ohne einen Film zu gucken, einfach so. Und dann weiß ich nach 5 Minuten eigentlich wieder warum.

INTERVIEW: BETTY SCHIEL

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