Die Motive für Urban Gardening sind zwar vielfältig, doch immer ist ein spezifischer Missstand Ausgangspunkt der Stadtbegrünung auf eigene Faust. Urban Gardening-Projekte im Ausland können daher Aufschluss über die politischen und wirtschaftlichen Probleme des jeweiligen Landes geben. In Kuba etwa hat man mit Urban Gardening die Situation der Landes nach Zusammenbruch der Sowjetunion enorm verbessert. Da man damals den Öl- und Maschinenbedarf nicht mehr decken und somit keine großen Flächen mehr bewirtschaften konnte, setzte man fortan auf kleine Anbauflächen in den Städten und in deren Nähe. Dadurch konnte der Mangel kompensiert werden: In den „Nuller-Jahren“ wurden 90 Prozent des Bedarfs an frischen Lebensmitteln in Havanna durch diese Form des Urban Gardening gedeckt.
Auch im europäischen Raum reagiert man mit dem Urban Gardening auf politisch-wirtschaftliche Missstände. Am Beispiel Rom wird dieser Zusammenhang gut deutlich: Das Szene-Portal „Zappata Romana“ verzeichnet für 2013 5 Prozent mehr kollektive Gärten im Stadtgebiet als im Vorjahr – 150 insgesamt. Motivation für das kollektive Gärtnern ist es, das fehlende Handeln der öffentlichen Verwaltung zu kompensieren und das eigene Wohlbefinden damit selbst in die Hand zu nehmen. Das Engagement der politisch enttäuschten Römer beschränkt sich dabei nicht auf das Gärtnern – auch Sport- und Hundeplätze werden angelegt und schon bestehende Grünflächen gepflegt.
Umweltfreundliche Lieferung per Cargo-Bike
In Dublin hingegen will man gleich globale Missstände bekämpfen. Auf der „Dublin Urban Farm“, einem Projekt auf dem Dach einer ehemaligen Schokoladenfabrik mitten in der Stadt, gibt es Workshops zum effektiveren und umweltverantwortlichen Anbau von Lebensmitteln, zum Energiesparen, zu ökologischen Zyklen und zur Selbstversorgung von Kommunen. Der begrünte Raum auf dem Dach ist aber nicht nur Lehrstätte: Man will auch einen Ort der Entspannung und der Begegnung bieten, wo die Mitwirkenden Lebensmittel für den Eigenbedarf ebenso anbauen können wie für Abnehmer im Zentrum. Geliefert wird die Ware umweltfreundlich per Cargo-Bike.
In Barcelona löst das Urban Gardening ein ganz anderes Problem. In der „Ciudad Jubilada“ – der „Rentnerstadt“ – finden Ruheständler in einer Kleingartensiedlung am Stadtrand zwischen Schnellstraßen, Flüssen und Bahntrassen eine neue Aufgabe und Gesellschaft. Obwohl die von den Gärtnern selbst angelegte Anlage inoffiziell ist, wird sie seit Jahrzehenten geduldet. Wenn kein Bedarf mehr an einer Parzelle besteht, wird sie weiterverkauft, auch wenn sie dem Nutzer eigentlich nie gehört hat. Für die gärtnernden Rentner ist die Siedlung Zuhause, Fitnessstudio und Treffpunkt in einem. Das anarchistische Konzept findet seit 1997 offizielle Nachahmung: Die Stiftung der katalanischen Sparkasse „la Caixa“ betreibt seitdem ein Programm für Über-65Jährige, denen Brachflächen zwischen 25 und 40 Quadratmeter zur Bebauung zur Verfügung gestellt werden. Mindestens einen Reiz der Rentnerstadt hat das aber nicht: die fehlende Bürokratie.
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Vertrauen ist gut, Kontrolle besser
Bio: ein Buch mit 1000 Siegeln – THEMA 01/17 BIOKOST
„Ich vermisse nichts“
Lisa Pfleger über das „Experiment Selbstversorgung“ und gelebte Konsumkritik – Thema 02/15 Konsum
Quartiersgärten – wo Bürgerkreativität ins Kraut schießt
Auf früheren Brachen wird gemeinschaftlich gepflanzt und geerntet. Und die ersten Experimentierfelder sollen Abkömmlinge bekommen – Innovation 09/14
Der schiefe Turm von PISA
Die Schulleistungsstudie zeigte große Unterschiede in europäischen Bildungssystemen – Thema 10/13 Arme Mater
Von grünen Gartenzwergen
Die Zukunft des Reviers liegt im Urban Gardening – THEMA 08/13 URBAN GARDENING
„Kein kurzzeitiger Trend“
Martin Sondermann über die Vorzüge des Urban Gardening – Thema 08/13 Urban Gardening
Kein grüner Daumen – aber ein fruchtbarer Blick
Nicht jeder Mensch ist ein „Natural born Gardener“ – Thema 08/13 Urban Gardening
„Eine nachbarschaftliche landwirtschaftliche Occupy-Bewegung“
Arnold Voß über das urbane Gärtnern in New York und im Revier – Thema 08/13 Urban Gardening
Jedem Dorf sein eigener Brunnen
Die Vergabe von Wasserlizenzen ist in der EU alles andere als einheitlich – Thema 04/13 Unser Wasser
Deckmantel Gefühl
Intro – Guter Umgang
Dubidu
Teil 1: Leitartikel – Reiz und Risiken niederschwelliger Verständigung
„Ein Stammtisch hat nicht nur negative Seiten“
Teil 1: Interview – Medienwissenschaftlerin Paula Nitschke über politische Influencer:innen
Gut erzählte Wahrheit
Teil 1: Lokale Initiativen – Die Agentur Kugelfisch Kommunikation in Essen
Benimm dich!
Teil 2: Leitartikel – Eine Gesellschaft kann nur frei sein, wenn sich ihre Mitglieder an Regeln halten
„Heute sind die Menschen eher bei sich“
Teil 2: Interview – Kommunikationspsychologin Christine Flaßbeck über Sprache im Wandel
Entspannt unterwegs
Teil 2: Lokale Initiativen – Köln: KVB-Kampagne für mehr Freundlichkeit
Alles Lüge!
Teil 3: Leitartikel – Duz-Kultur und falsches Wir-Gefühl verschleiern Interessenkonflikte auf der Arbeit
„Das Gefühl, dass hier Nähe entsteht“
Teil 3: Interview – Psychologin Lara Luisa Eder über persönlichen Umgang auf der Arbeit
Nicht sprachlos in den Ruhestand
Teil 3: Lokale Initiativen – Das Fachgebiet Arbeitswissenschaft an der Uni Wuppertal
Öffentlichkeit muss man lernen
Medienbildung als demokratische Aufgabe – Europa-Vorbild Frankreich
Kant war lowkey deep
Career Offboarding Experience: Abschied von der Komplexität – Glosse
Lohn der Angst
Intro – Nach der Arbeit
Klassenkampf von oben
Teil 1: Leitartikel – CDU und SPD wenden sich gemeinsam gegen arbeitende Menschen
„Je länger ein Arbeitstag dauert, desto unproduktiver wird er“
Teil 1: Interview – Gewerkschafter Stephan Krull über kürzere Arbeitszeiten und gesellschaftliche Teilhabe
Geschenkte Freizeit
Teil 1: Lokale Initiativen – Die Agentur Wake Up Communications Düsseldorf