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Motivsucher Rolf Viehrig über Illusion und Pragmatismus
Foto: Lisa Mertens

Ruhrpottromantik aus Köln

19. Dezember 2013

„Alter Ego“ Im Endstation Bochum – Foyer 01/14

Bochum, 24.11. - Sonntags 20:15. Primetime. In deutschen Haushalten läuft Tatort. Immer noch. Seit 2012 ermittelt ein neues Tatort-Team im Ersten. Aus Dortmund, aus dem Ruhrgebiet. Die schrägen Ermittlungsmethoden von Faber & Co brachten frischen Wind in das Fernsehformat. Doch wie frisch ist das Bild vom Ruhrgebiet, das der Tatort vermittelt? Dieser Frage ging das Publikum nach Sichtung des ersten Dortmunder Tatorts „Alter Ego“ in einem Werkstattgespräch mit dem Duisburger Motivsucher Rolf Viehrig am letzten Tag des blicke-Festivals auf den Grund.

Seinen Job habe er begonnen mit den ersten 100 Folgen der Serie „Unter Uns“. Nach und nach habe er sich auf Filme spezialisiert, die im Ruhrgebiet spielen und für deren Lokalkolorit er mit der Suche nach klassischen Ruhrgebietsbildern beauftragt wurde. Viel Raum für Kreativität bleibe dabei nicht, gibt Viehring zu. Zu genau seien die Vorgaben seitens der Produktion. Immerhin: Motive, die ihm nicht gefallen, finden auch keinen Eingang in den Film. Mittlerweile ist seine Arbeit routiniert. Aus 20 Jahre Arbeit ist ein reicher Fundus an Motiven entstanden, auf die er bei Bedarf zurückgreifen kann. Meistens führt ihn seine Suche nach stadttypischen Motiven in Tourismuszentralen, manchmal aber auch in Privatwohnungen, deren Bewohner er zwischen Tür und Angel nach Dreherlaubnis fragt. In Mühlheim an der Ruhr, erinnert Viehring sich amüsiert, sei sogar einmal die Polizei gerufen worden, da man ihn verdächtigte, für einen großen Raub zu spionieren. Doch die desillusionierende Wahrheit ist, dass ihn seine Suche für Ruhrgebietsbilder hauptsächlich nach Köln führt. Da sitzen nun einmal die Produktionsfirmen, die ungern viel Zeit außerhalb ihrer Stadt investieren möchten. Wo sieht es in Köln nach Ruhrpott aus, muss Viehring sich also fragen. Film sei einfach Illusion, erinnert er das erstaunte Publikum in Endstation.

Erfreut zeigt sich das Publikum nicht ob dieser routinierten Entstehungsphase. Und auch mit dem im Tatort vermittelten Stadtbild von Dortmund gibt es sich nicht zufrieden. Zu plakativ, zu wenig Seele, zu sehr der Ruhrpottromantik verhangen. Bilder vom U, vom Westfalenstadion und vom Taubenzüchter reihen ein Klischee nacheinander, wirft es vor. Er selbst hätte Aufnahmen der B1 bevorzugt, so Viehring, doch die Produzenten befürchten, dass der normale Zuschauer in Deutschland die Stadt Dortmund als solche nicht erkennt, wenn der Tatort nicht mit Stereotypen arbeitet. Nicht einmal die Produzenten selbst würden das Herz der Stadt Dortmund kennen. Dortmund, Essen, Duisburg sei für sie ein und dasselbe, das als Einheit gedachte Ruhrgebiet. So spannend und innovativ der neue Tatort sich auch gibt, schloss das Publikum, so wenig verrate es über die wahre Identität der Stadt Dortmund und ihrer Bewohner. Enttäuschend und nicht ernsthaft bemüht, so das Publikum. Pragmatisch, so Viehring.

LISA MERTENS

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