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Dr. Raphael von Hoensbroech
Foto: Pascal Amos Rest

„Ich rechne nicht mehr mit Komplettausfällen“

25. August 2021

Intendant Raphael von Hoensbroech über die neue Saison des Dortmunder Konzerthauses – Interview 09/21

trailer: Herr von Hoensbroech, die Corona-Fallzahlen steigen im Moment wieder an. Bereitet Ihnen das Sorge im Hinblick auf die neue Saison?

Von Hoensbroech: Natürlich bereitet mir das Sorge, aber längst nicht mehr so wie im vergangenen Winter. Durch die 3G-Regelungen und dadurch, dass ein Großteil unseres Publikums – vermutlich – geimpft ist, rechne ich nicht mehr mit Komplettausfällen, sondern nur noch mit Reduzierungen der Saalkapazität.

Sie planen jetzt aber nicht, nur noch Geimpfte rein zu lassen, wie das so manche Fußballclubs jetzt vorhaben?

Ich finde, dass zu jedem Impf-Privileg auch die Variante der Getesteten gehört, und damit verliert das Impf-Privileg seine Exklusivität.Also ich finde, wenn sich jeder impfen oder testen lassen kann, dann können wir diese Zuschauer-Beschränkung auch durchaus akzeptieren.

Denken Sie, Deutschland verhält sich vorsichtiger als andere Länder Europas? Sie sind ja auch international viel unterwegs.

Ich war gerade bis vorgestern in Salzburg. Da sitzen alle Zuschauer mit Maske, aber unmittelbar nebeneinander, bei voller Auslastung im Saal. Also 2500 Menschen im Festspielhaus. Ich glaube, nein, ich weiß, weil wir hier auch wissenschaftliche Analysen dazu gemacht haben, dass ein Besuch mit 100 Prozent Auslastung bei uns im Saal, auch wenn jemand Corona hat, für alle anderen ungefährlich ist. Insofern dränge ich schon lange darauf, dass wir in der Kultur sehr viel differenzierter vorgehen, als einfach Säle zu schließen. Es gab schon verschiedene Initiativen, Säle zu zertifizieren und in so einem zertifizierten Saal muss jetzt auch relativ zügig wieder eine Vollauslastung möglich sein, aus meiner Sicht. Insofern: Ja, wir sind da etwas übervorsichtig, aber nicht in allen Bereichen.

„Hier ein bisschen langsamer als anderswo“

Sie haben ja schon recht früh eine wissenschaftliche Untersuchung zur Infektionsgefahr speziell im Dortmunder Saal durchführen lassen. Sind Sie enttäuscht, dass diese Studie in der Politik auf wenig Widerhall gestoßen ist?

Also, im Ausland hat diese Studie wesentlich höhere Wirkung erbracht als im Inland muss ich sagen, die eben erwähnte Vollauslastung in Österreich hat auch ganz wesentlich mit unserer Studie zu tun. Dass das bei uns nicht so gemacht wird, hat weniger damit zu tun, dass die Politik immer noch glaubt, Theater- oder Konzertsäle seien gefährlich, als dass größere Menschenansammlungen insgesamt vermieden werden sollen. Insofern kann ich nicht sagen, die Studie sei wirkungslos gewesen, aber die Ergebnisse kommen hier ein bisschen langsamer an als anderswo.

Momentan sieht es ja politisch eher so aus, als wolle man an den bisherigen Regelungen noch festhalten.

Ja und nein. Jetzt hat man ja die Inzidenz nicht mehr als einzigen Indikator. Die Bundeskanzlerin hat ja auch sehr klar gesagt, dass für Geimpfte gewisse Grundrechtseinschränkungen nicht mehr sein dürfen und auch, dass die Pandemie, sofern das Impfangebot für alle besteht, Grundrechtseingriffe auch in Zukunft nur noch in besonderen Ausnahmefällen begründen kann. Insofern ist das jetzt natürlich schon eine andere Situation geworden.

„Die Künstler und die Agenturen sind die eigentlich Gekniffenen“

Wie stellt sich das wirtschaftlich dar, wenn so ein Lockdown kommt? Ist man als Konzertveranstalter versichert oder muss man die Gagen auch bezahlen, wenn nichts stattfindet?

Grundsätzlich bleibt bei so einer Pandemie jede auf seinem eigenen Risiko sitzen. Das heißt, die Künstler und die Agenturen der Künstler sind die eigentlich Gekniffenen. Während ein ausgefallenes, defizitäres Konzert bei uns erstmal den Verlust mindert. Also, wirtschaftlich gesehen ist so ein ausgefallenes Konzert für uns gar nicht problematisch. Insofern haben wir an jeder Stelle versucht, Künstlern ein Ausfallhonorar zukommen zu lassen. Wirtschaftlich ganz schwierig sind Konzerte, die stattfinden, aber nur mit einer eingeschränkten Zuschauerkapazität. Denn da haben Sie den vollen Aufwand, aber eben nur einen Bruchteil der Einnahmen. Da gibt es aber neuerdings ein Instrument der Bundesregierung: Der Wirtschaftlichkeitsfonds, der Tickets, die nicht verkauft werden können, ersetzt. Da hoffe ich, dass der auch wirklich so funktioniert. Dann können wir zukünftig vermutlich fast alle Konzerte durchführen, so dass, selbst wenn nur 50 Prozent der Zuschauer im Saal sitzen, die Saison trotzdem wirtschaftlich einigermaßen aufgehen wird.

Aber der Spielplan für die kommende Saison ist schon so geplant, dass eigentlich nichts schiefgehen sollte? Sie haben jetzt nicht mit angezogener Handbremse geplant?

Nein. Ganz bewusst nicht. Aber wir haben natürlich ganz viel gelernt in der Krise. Wir haben insbesondere gelernt, wie wir den Vertrieb so flexibilisieren, dass ein ausfallendes Konzert schnell und gut kommuniziert werden kann. Auch unser Publikum hat gelernt, dass Programmänderungen oder Änderungen der Künstler in dieser Zeit auch mal passieren können. Mit gegenseitigem Verständnis werden wir das Programm schon gut durch die nächste Saison tragen, denke ich. Es gibt einige Kinderkrankheiten in den Coronaschutzverordnungen, für deren Heilung ich mich sehr engagiert habe.

Das sind solche Themen wie Abstände auf der Bühne. Wir haben im Herbst einige groß besetzte Symphonien auf dem Programm. Ganz bewusst, denn Kammermusik haben wir in den letzten 18 Monaten viel gehabt. Viele sehnen sich einfach nach der großen Symphonik. Das war in der Planung natürlich schon ein Risiko, weil wir einfach nicht wussten, mit welchen Abstandsregelungen wir auf der Bühne agieren müssen. Das hatte auch absurde Züge, wie z. B. das sieben Blasinstrumentalisten mit einem Minibus gemeinsam aus Wien nach Dortmund fuhren, hier zweieinhalb Metern Abstand auf der Bühne halten mussten, um dann wieder gemeinsam im Minibus zu sitzen und nach Wien zurück zu fahren. Oder wenn ein Orchester in jedem Bundesland andere Regeln vorfindet. Das haben wir jetzt glücklicherweise regeln können. Es gibt jetzt Test- und Impfkonzepte, mit denen Orchester und Chöre auch ohne Abstände auf der Bühne musizieren können, damit die großen Symphonien und Chorwerke wieder ihren Platz haben werden.   

 „Wir haben nun einmal ein internationales Geschäft“

Zweite Kinderkrankheit ist übrigens das Thema Reise- und Quarantäne-Verordnung. Da haben die Profisportler schon lange große Privilegien gegenüber der Allgemeinheit, zusammen übrigens mit Fernfahrern und einigen anderen Berufsgruppen. Aber Künstlerinnen und Künstler fielen da bislang nicht drunter. Wir haben nun einmal ein internationales Geschäft. Aber ein Künstler, der innerhalb von zwei Wochen durch fünf verschiedene Länder reist, das ist ja logisch, dass das nicht klappen kann, dazwischen jedes Mal fünf oder 14 Tage in Quarantäne zu gehen. Gleichzeitig sind Künstler aber so abgeschirmt, dass sie eigentlich keine Gefahr für Dritte darstellen. An diesen Themen arbeiten wir gerade noch, aber da bin ich zuversichtlich, dass wir das bis zum Herbst geregelt haben und dann steht unserer Saison eigentlich nichts im Wege. 

Dann lassen Sie uns in den Spielplan einsteigen. Sie hatten gerade schon die große Symphonik erwähnt. Mit einem Jahr Verspätung kommt jetzt Simon Rattle mit dem London Symphony Orchestra, die direkt mit Beethoven und Bruckner einsteigen. Was steht ansonsten noch auf dem Programm?

Gerade in der großen Symphonik haben wir neben Simon Rattle auch den Superstar Teodor Currentzis, der gerade in Salzburg mal wieder für Furore gesorgt hat mit vielen negativen und vielen sich überschlagenden Kritiken, wie das immer so ist, das ist ein sehr spezieller Typ. Der kommt zwei Mal, natürlich kommt Mirga Gražinytė-Tyla; unsere Exklusivkünstlerin kommt drei Mal nach Dortmund, spielt auch konzertante Oper, unser ehemaliger Exklusivkünstler Yannick Nézet-Séguin, der ja inzwischen Chefdirigent der Metropolitan Opera ist, kommt mit Wagners Rheingold und einer absoluten Spitzen-Sängerbesetzung.

Das sind ein paar Beispiele von Highlights in der Symphonik. Dazu gibt es ja z. B. direkt im Oktober eine mir sehr am Herz liegende Woche mit Sir András Schiff, dem Pianisten. Die Curating-Artist-Festivals sind Möglichkeiten für Künstler, sich sehr umfassend zu präsentieren, auch mit ihren persönlichen „friends and families“ zu kommen und Konzerte zu gestalten und András Schiff wird man im Moment nirgendwo so konzentriert erleben können wie in dieser Woche hier in Dortmund.

Eine Masterclass habe ich auch in Ihrem Youtube-Video gesehen. Das heißt, es wird auch Unterricht auf der Bühne geben?

Genau. Das ist bei András Schiff ganz besonders spannend, weil ich finde, er ist der Meister des Anschlags. Es gibt viele Masterclasses, durch die man bei Youtube mal durchstromern kann. Da spielt dann die Schülerin oder der Schüler und er setzt sich daneben ans Klavier und spielt nur so drei, vier Töne und man merkt sofort: Ach, so muss das klingen! Da wird dann so eindeutig, wo der Unterschied zwischen einem Akkord und einem Akkord ist, je nachdem, wie man ihn eben anschlägt. Und das live im Saal zu erleben, das finde ich, ist ein absolutes Privileg.

Ich habe immer ein bisschen Mitleid mit den Schülern. Die sind eh schon nervös, vor dem großen Meister bestehen zu müssen, und dann noch vor Publikum, das ist eine harte Situation.

Ja, aber man muss natürlich sehen, dass sind jetzt nicht einfach nur Musikschüler. Um Meisterschüler bei András Schiff zu werden, muss man schon in seiner eigenen Karriere auf einem guten Weg sein. Das sind alles Pianisten, die zumindest das Potential haben, eine große Karriere zu machen und Bestandteil dieses Potenzials ist, dass sie immer sagen können, sie waren Meisterschüler von András Schiff. Also, da verzahnt sich das. Und wenn er mal ein bisschen… unwirsch wird… wobei, man muss sagen, András Schiff ist so ein höflicher Mensch, das passiert eher selten bei ihm.

 „Ein schönes Gefühl, das begleitet zu haben"

Wo wir schon bei jungen Nachwuchstalenten sind: Die jungen Wilden kommen auch. Sind das jetzt sieben neue junge Wilde?

Genau. Die Reihe der jungen Wilden gilt ja nicht einfach nur Nachwuchs. Sondern das sind sieben Künstlerinnen und Künstler unter 30, die schon wirklich erkennbar Schritte einer Weltkarriere gemacht haben. Das sieht man auch, wenn man auf unsere ehemaligen jungen Wilden schaut, wo Leute zum Beispiel Leute wie Yuja Wang oder Janine Jansen dabei sind, die jetzt mit allen großen Künstlern und Orchestern der Welt auf der Bühne stehen. Das wird jetzt die neue Staffel der Reihe für drei Jahre, mit sieben Künstlerinnen und Künstlern und sieben verschiedenen Instrumenten, die kommen jeweils einmal im Jahr. Die Reihe gibt es übrigens auch als Abo, das besonders beliebt ist, weil es relativ günstig ist bei allerhöchster musikalischer Qualität. Alles Kammermusik oder solistisch und wir haben ein Format mit einem anschließenden „Meet the Artist“, wo ich die Künstlerin oder den Künstler nach dem Konzert noch interviewe. Das Publikum krieg also auch eine gewisse Nähe aufgebaut. Ich kriege das manchmal auch vom Publikum zu hören: „Den habe ich damals schon in Dortmund als jungen Wilden gesehen und jetzt ist der in der großen weiten Welt unterwegs“. Das ist einfach auch ein schönes Gefühl, das begleitet zu haben.

Durch die Corona-Regelungen fallen momentan die Einführungen zu den Konzerten aus. Betrifft das auch diese Nachbesprechungen?

Das diskutieren wir gerade, was da möglich ist. Die Schwierigkeit ist, dass wir bei den Einführungen im Komponisten-Foyer nicht nachhalten können, wer wo gesessen hat. Das widerspricht den Coronaregeln. Sollte sich das ändern, und z.B. für Gimpfte, Getestete und Genesene die Sitzplatznachverfolgung entfallen, würde ich das sofort wieder einführen.

Kommen wir mal zur „Zeitinsel“: Da möchte Ondřej Adámek ein neues Opernformat vorstellen.

Ja, das ist eine Oper, die ist einmal aufgeführt worden. Das ist ja eine große Crux unserer Branche, dass zeitgenössische Musik oft mit viel Aufwand produziert wird und dann in der Schublade verschwindet. Deshalb ist es mindestens genauso wichtig wie gute Uraufführungen zu produzieren, dass man die besten Werke wieder hervorholt, denn mit einer zweiten Aufführung bringt man Werke ins Bewusstsein von Wiederaufführungen. Damit geben wir einen Anstoß, dass die Werke von Adámek sich auch noch einmal wieder weiterverbreiten. Und diese Oper ist deshalb so spannend, weil sie gänzlich ohne Instrumentalisten auskommt. Eigentlich werden alle Instrumente von den Sängerinnen und Sängern „bestritten“. Adámek ist jemand, der sehr mit Rhythmik arbeitet, auch mit vokaliser Rhythmik, also mit Sprechgesang. Das ist total spannend. Er zitiert wahnsinnig viel. Die Geschichte handelt von sieben Steinen, die auf der Welt gesucht werden und er kommt nach Japan und zu indigenen Völkern und da wird jeweils auch der Charakter dieser Musik in seine Musik eingeflochten. Ein tolles Stück.

Wie offen ist denn das Dortmunder Publikum inzwischen für neue Musik? In den Anfangsjahren des Konzerthauses war Dortmund noch ein sehr schwieriges Pflaster. Hat sich das geändert?

Ich kann da keinen Vergleich ziehen, weil ich nicht weiß, wie es früher war. Ich stelle nur fest, dass wir ein unglaublich offenes und experimentierfreudiges Publikum haben. Mein Wunsch ist ja, dass egal, was wir aufs Programm setzen, das Publikum uns vertraut und sich drauf einlässt. Und so erlebe ich unser Publikum auch ein Stück weit. Auf die Spitze treibe ich das ja mit unseren Joker-Konzerten, die jetzt zwei Mal in der kommenden Saison stattfinden, wo wir dem Publikum überhaupt gar nicht sagen, wer kommt oder was gespielt wird. Und daran sehe ich eine sehr große Neugierde und Bereitschaft, sich auf Unbekanntes einzulassen. Übrigens freue ich mich schon diebisch auf die beiden Joker-Konzerte. Nicht nur, weil sie geheim sind, sondern auch auf das, was da gespielt wird. Das werden beides ganz großartige Konzerte.

Interview: Karsten Mark

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