„Mehr Licht!“ – diese angeblich letzten Worte Goethes hat sich das Literaturbüro NRW auf die Fahnen geschrieben für ihr spartenübergreifendes Kulturhauptstadtprojekt und sich nicht weniger vorgenommen, als die „europäische Aufklärung weiterzudenken“. Gerade in Zeiten, in denen die Verdunkelung unserer abendländischen Kultur durch religiösen Fundamentalismus herbeigeredet wird, tut Besinnung auf unsere humanistischen Wurzeln Not, dürfen Diskussionen über Werte und das Zusammenleben von Kulturen nicht den Stammtischen überlassen werden.
Es war in den frühen 90er Jahren, in der kurzen Zeitspanne zwischen den neonbunten Jogginganzügen des Pop und den Holzfäller-Hemden des Grunge. Es war, bevor House Tekkno hieß – es war sogar, bevor Tekkno Techno hieß.
Der Kalender sagt Oktober, und wir nicken. Der Herbst klopft mit kalten Fingern an die Türen, während wir drinnen noch nicht mal damit fertig sind, unseren gefühlten 2.000 Urlaubsfotos bessere Namen zu geben als „dscn555311.jpg“.
Literaturadaptionen im Comicbereich gibt es in diesem Monat gleich zwei: Corbeyan und Horne haben sich Franz Kafkas Novelle „Die Verwandlung“ vorgenommen. Eigentlich eine Geschichte, die man gar nicht so grafisch vor Augen haben möchte. Und so ist latenter Ekel vorprogrammiert, wenn man die zugegebenermaßen gelungene Umsetzung in düsteren Zeichnungen von Horne goutiert (Knesebeck). Mit Marcel Prousts „Die Suche nach der verlorenen Zeit“ hat sich Stéphane Heuet ein etwas umfangreicheres Werk ausgesucht. In fünf Bänden visualisiert er Prousts subjektivistische Erinnerungsreise in wundervollen Ligne Claire-Bildern mit Jugendstil-Flair. Gleich im ersten Band „Combray“ findet er eine treffende Umsetzung für die berühmte, Kindheitserinnerungen auslösende Madeleine im Tee (Knesebeck).
Es ist ein Jugendbuch, und die Teenager sollen es lesen. Aber dass Janne Tellers Roman „Nichts – was im Leben wichtig ist“ an Dänemarks Schulen verboten wurde, kann man leicht nachvollziehen. Inzwischen entwickelte sich das nun im Carl Hanser Verlag erschienene Skandalbuch zum internationalen Bestseller, der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde.
Wenn in diesem Herbst zum elften Mal das Macondo-Festival in Bochum zur Entdeckungsreise in die aktuelle Literaturszene lädt, gibt es eine wichtige Neuerung: Fester Veranstaltungsort ist die Rotunde, der ehemalige Katholikentagsbahnhof am Rande des Bermuda3ecks in Bochum.
In Stefan Melneczuks Werken fegt ein kalter Schauer über das Papier. Der Mystery-Thriller „Marterpfahl“ gibt Lesern die Chance, noch mehr über die verschiedenen Facetten von Gänsehauteffekten zu erleben. Stefan Melneczuk ist einer von diesen charmanten Männern, die mehr zuhören als selbst zu erzählen, unaufdringlich zuvorkommend sind, einen guten Humor haben, aber fast ein bisschen schüchtern wirken. Schwer vorstellbar, dass ein solcher Sympathikus für schlimme Schauer sorgen soll.
Das Lesen an sich hat ja schon was Wölfisches. Dieses einsame Streifen durch das Buchstabendickicht. Sämtliche Sinne angespannt. Witternd. Die Fährte aufnehmend. Auf der Pirsch nach dem entscheidenden Wendepunkt. Und doch, muss man sich mit Leselampe unter sternenilluminiertem Himmelszelt eingestehen, folgt man nur den Spuren eines unfassbaren Alphatiers, sprich: dem Autor als wahrlich einsamem Wolf auf seinem mäandernden Zug durch die Wildnis der Fantasy. John Irving ist geradezu ein Paradebeispiel für einen derartigen Leitwolf, dessen Spürsinn für skurril-tragikomische Geschichten ein riesiges Rudel ergebener Leser folgt, ohne den Autor in seiner Wesenhaftigkeit je erfassen zu können.
Marc-Antoine Mathieu klettert immer auf die Metabene. Doch dieses Mal geht es nicht um das Medium Comic, sondern um „Gott höchstselbst“. Der ist nämlich auf die Erde niedergefahren und löst dort ein ziemliches Chaos aus. Er selbst bleibt ruhig, aber die Menschen drehen durch: Der Trubel artet schnell in Kommerz (Bücher, Filme, Games und Godland statt Disneyland), aber auch Vorwürfe aus. Ein großer Schauprozess soll schließlich die philosophischen und moralischen Fragen klären.
„A star is born. Fotografie und Rock seit Elvis“ lautet der Titel einer aktuellen Ausstellung im Museum Folkwang. Elvis Aaron Presley gilt als Initialzündung der Rockmusik, auch 33 Jahre nach seinem Tod (den viele Fans und Verschwörungstheoretiker immer noch nicht wahrhaben wollen) als unerreichtes Idol. Er ist auch der Held für die fünfzehnjährige Antje Schröder in Jana Scheerers neuem Roman „Mein innerer Elvis“, der zum Todestag des King Mitte August in den Handel kommt.

Familiengebiss und Partytoilette
Die 10. Lit.Ruhr eröffnete in Essen – Literatur 10/26
Wie viel Wut ist genug?
„Honey“ von Imani Thompson – Literatur 10/26
Die Grande Dame der Erotik
„Das Reine und das Unreine“ von Colette – Textwelten 10/26
Odyssee eines Spielzeugs
„Das Puppenhaus auf dem Schiff“ von Thomas Harding / Anna Sarfatti und Britta Teckentrup – Vorlesung 09/26
Kater mit schlitzohrigem Charme
„Fred“ von Posy Simmonds – Vorlesung 09/26
Mauer des Schweigens
„Eine einfache Wahrheit“ von Corinna Krenzer – Literatur 09/26
Orgasmus in der Küche
„Auf den Bildern“ von Annie Ernaux und Marc Marie – Textwelten 09/26
Verglimmende Hoffnung
„Zündhölzer“ von Yevgenia Belorusets – Literatur 08/26
Das Unaussprechliche des Familienlebens
„Vertraute Gespenster“ von Anna Ruchat – Textwelten 08/26
Glühender Zorn
„Das Teufelsbuch“ von Asta Olivia Nordenhof – Textwelten 07/26
Der Hungerartist
Wolfgang Welt: Lesung aus Briefen des Bochumer Schriftstellers in Düsseldorf – Literatur 07/26
Auf sich gestellt
„Wir gehen mal los“ von Raffaella Romagnolo – Literatur 07/26
Schule mit Herz und Humor
„Shrimpie und ich“ von Moni Port und Claudia Weikert – Vorlesung 06/26
Die eigene Karte als Kompass
„Ich mal mir meine Welt“ von Nicola Davies – Vorlesung 06/26
Kalter Krieg im Ruhrpott
„Weiße Westen, schwarze Nächte“ von Sabine Hofmann – Literatur 06/26
Lockendes Spiel
„Leichter Wahnsinn“ von Emy Koopman – Textwelten 06/26
Drei Farben zum Glück
„Zu Fuß“ von Michael Roher – Vorlesung 05/26
Nomen est omen
„Die Namen“ von Florence Knapp – Literatur 05/26
Naturforscher im Alltag
„Kinderleichte Experimente für draußen“ von Christine Sinnwell-Backes u. Timo Backes – Vorlesung 05/26
Haare zu lang, Röcke zu kurz
„Swinging Cologne“ von Stefan Winges – Textwelten 05/26
Meeresbewohner zum Anfassen
„Zusammenstecken und Entdecken: Meerestiere“ von Abigail Wheatley – Vorlesung 04/26
Neuer Bilderbuch-Klassiker
„Mit dem Sturm um die Wette rennen“ von Brian Floca und Sydney Smith – Vorlesung 04/26
Wenn Wände Ohren haben
„Engel des Verschwindens“ von Slobodan Šnajder – Literatur 04/26
Die Unendlichkeit erleben
„Liebe“ von Thomas Hettche – Textwelten 04/26
Das Glück der Stiefel
„Die gelben Gummistiefel“ von Isabel Pin – Vorlesung 03/26