Marc-Antoine Mathieu klettert immer auf die Metabene. Doch dieses Mal geht es nicht um das Medium Comic, sondern um „Gott höchstselbst“. Der ist nämlich auf die Erde niedergefahren und löst dort ein ziemliches Chaos aus. Er selbst bleibt ruhig, aber die Menschen drehen durch: Der Trubel artet schnell in Kommerz (Bücher, Filme, Games und Godland statt Disneyland), aber auch Vorwürfe aus. Ein großer Schauprozess soll schließlich die philosophischen und moralischen Fragen klären. Aber auch Schadensersatzforderungen wegen der vergeigten Schöpfung stehen an. In seinen extrem kontrastreichen Schwarzweiß-Zeichnungen entfaltet Mathieu ein so groteskes wie kluges Szenario (Reprodukt). „Rembetiko“ erzählt von der griechischen Musik, die in den 1920er Jahren entstand, als zahlreiche Flüchtlinge aus Izmir nach Athen kamen. Dort vermischten sie griechische Traditionen mit orientalischen, was vor allem den Faschisten ab 1936 ein Dorn im Auge war. David Prudhomme erzählt nur 24 Stunden aus dem Leben einiger Musiker im Oktober 1936, und doch vermag er mit seinen sommerlichen, an Fresken erinnernden Bildern nicht nur die angespannte, melancholische wie latent aggressive Stimmung, sondern auch die Musik selber zu transportieren. Wem das nicht reicht, der sollte dazu die nicht minder großartige Doppel-CD „Rembetika – Songs of the Greek Underground 1925-1947“ vom Münchener Label Trikont einlegen (Reprodukt). Mit „Die Reise mit Bill“ kehrt der deutsche Altmeister Matthias Schultheiss nach langer Zeit zurück. Und wie! Auf knapp 300 Seiten erzählt er in grandiosen Aquarellzeichnungen ein Roadmovie, das auch Wim Wenders‘ Hirn hätte entsprungen sein können: USA, lange Landstraßen, ein Auto, ein Mann ohne Ziel, ein Kind, ein Fremder – die Zutaten sind da. Doch dann macht Schultheiss eine psychologische Kehrtwende, wenn nicht gar einen esoterischen Salto. Oder ist das schon Fantasy? Man muss Schultheiss aber nicht in jedem Moment folgen, um von seinem neuen Epos ergriffen zu sein (Splitter). Nach ihrem niedlich schockierenden „Jenseits“ war die Erwartung an das Duo Kerascoët hoch. Zwar haben sie für „Fräulein Rühr-Mich- Nicht-An“ nur die Zeichnungen beigesteuert, doch bereits die verwirren wieder mit ihrer Mischung aus Komik und Schrecken. Die Story kommt indes von Hubert: Die brave Blanche will den Mord an ihrer Schwester rächen und muss dafür zur Domina in einem Bordell werden. Die ersten beiden Bände dieses tollkühnen Thrillers mit seiner liebenswerten Protagonistin sind soeben erschienen (Reprodukt). Mit der Reihe „Noir“ lanciert Schreiber & Leser ein neues Sublabel, das sich ebenfalls bitterbösen Thrillern widmet. Mit gleich drei Bänden geht die Reihe an den Start: Loustal ist für seine großformatigen, stimmungsvollen Farbbilder bekannt. In „Coronado“ erzählt er eine abgründige Kurzgeschichte von Dennis Lehane. „Die Packard Gang“ von Marc Malés verbindet raffiniert die Suche eines alternden Kommissars nach der Wahrheit über ein zwanzig Jahre zurückliegendes Verbrechen. Die 30er und 50er Jahre in amerikanischen Kleinstädten fängt Malés treffend ein. Action und psychologische Feinheiten vermag er gleichermaßen packend zu illustrieren. Als drittes erscheint ein erster von bisher drei von Moynot adaptierten Nestor Burma-Krimis. Léo Malets cooler Privatdetektiv wurde schon mehrfach von Jacques Tardi als Comic umgesetzt. Moynot hält sich in seinem gelungenen Album nicht nur im Tonfall, sondern auch ästhetisch nah an Tardi, bleibt aber ruhiger. Als nächstes soll eine Adaption von Dennis Lehanes „Shutter Island“ folgen.
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