„Mehr Licht!“ – diese angeblich letzten Worte Goethes hat sich das Literaturbüro NRW auf die Fahnen geschrieben für ihr spartenübergreifendes Kulturhauptstadtprojekt und sich nicht weniger vorgenommen, als die „europäische Aufklärung weiterzudenken“. Gerade in Zeiten, in denen die Verdunkelung unserer abendländischen Kultur durch religiösen Fundamentalismus herbeigeredet wird, tut Besinnung auf unsere humanistischen Wurzeln Not, dürfen Diskussionen über Werte und das Zusammenleben von Kulturen nicht den Stammtischen überlassen werden. In 22 Veranstaltungen blickt Organisator Gerd Herholz dabei weit über den Tellerrand der Literatur hinaus, bringt Schriftsteller und Philosophen, Wissenschaftler und Fachleute unterschiedlichster Disziplinen zusammen. Das Programm schlägt den Bogen von den Sudelbüchern Georg Christoph Lichtenbergs, gelesen und besungen von Wiglaf Droste und Danny Dziuk, hin zur kulinarischen Aufklärung, dargeboten von Sternekoch und Autor Vincent Klink und Literaturkritiker und Gourmet Denis Scheck. Auch Tierrechte im Selbstversuch von Karen Duve, Darwins Lehre in den Augen von Richard Dawkins oder die Weisheit schlechthin sind Themen. Und weil Grass gerade einen neuen Roman auf dem Markt hat, der sich den Brüdern Grimm widmet, verknüpft man auch diese mit der Epoche, die zu ihrer Geburt bereits als abgeschlossen galt. Manchmal wird die Aufklärung nicht nur weiter, sondern gleich um die Ecke gedacht.
Gott oder Göttin? – Armut oder Liebe?
Im November gibt es noch eine Handvoll hochkarätig besetzter Veranstaltungen dieser Reihe. Fernab von Alice-Schwarzerscher Kopftuchrhetorik geht es gleich am 3. November um das heikle Thema „Frauen und Religionenkritik“. Die iranische Frauenrechtlerin Mina Ahadi, Verfasserin der Streitschrift „Ich habe abgeschworen. Warum ich für die Freiheit und gegen den Islam kämpfe“ und Dr. Fiona Lorenz, Autorin des Buches „Wozu brauche ich einen Gott? Gespräche mit Abtrünnigen und Ungläubigen“, diskutieren mit der in Gelsenkirchen lebenden Marit Rullmann, die unter anderem das zweibändige Werk „Philosophinnen“ verfasst hat. Nicht allein der Islam, sondern alle monotheistischen, patriarchisch geprägten Religionen stehen auf dem Prüfstand. Die „neue Apartheid von Arm und Reich“ in Deutschland thematisieren der Politikwissenschaftler Prof. Christoph Butterwegge und der Journalist Marco Bülow und gehen mit dem Neoliberalismus hart ins Gericht. Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse stellt einen Tag drauf sein neues Buch vor, einen Essay-Band mit dem Titel „Permanente Revolution der Begriffe“. Er greift sich Begriffe wie „Demokratie“, „Arbeit“ oder auch „Europa“, deren eigentlicher Sinn durch inflationären, gedankenlosen Gebrauch verwaschen wurde, und versucht, ihnen wieder zu Bedeutung zu verhelfen. „Die Welt steht auf dem Kopf, wenn wir die Begriffe wieder auf die Füße stellen“ ist eine seiner erhellenden Erkenntnisse. Ein ähnlich inflationär gebrauchter Begriff ist die „Liebe“, der sich Lebenskunst-Philosoph Wilhelm Schmid im Gespräch mit der Journalistin Gabriele von Arnim nähert. Mit der Frage, warum Liebe in unserer Zeit so selten glückt und wie sie dennoch gelingen kann, hat Schmid seinen Platz in den Sachbuch-Bestsellerlisten gefunden. Und weil die Liebe ein so allumfassendes Thema ist, bestreitet Schmid gleich zwei Abende und spricht mit Gert Scobel darüber, wie sich die Liebe neu erfinden lässt.
Ohne Moral geht’s auch
„Und die Moral von der Geschicht‘: Wer Gott nicht kennt, der braucht ihn nicht ...“ – mit dieser Schlussfolgerung in seinem Kinderbuch „Wo bitte geht’s zu Gott? Fragte das kleine Ferkel“ sorgte der Philosoph und Schriftsteller Michael Schmidt-Salomon für Aufsehen. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sah in dem religionskritischen Bilderbuch eine Gefährdung für Kinder und Jugendliche und beantragte – vergeblich – die Indizierung des Buches als jugendgefährdende Schrift. In seinem neuen Buch „Jenseits von Gut und Böse“ will er uns aufzeigen, „warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind“. Mit Tahar Ben Jelloun ist einer der bedeutendsten französischsprachigen Autoren des Maghreb zu Gast im Ruhrgebiet. Mit seinen Romanen „Verlassen“ (2006) und „Zurückkehren“ (2010) verleiht er den Menschen eine Stimme, die sich auf den gefährlichen Weg ins vermeintlich paradiesische Europa machen – nur um festzustellen, dass sie die eine Hölle gegen eine andere Art von Hölle eintauschen. „Wagenburg Europa“ ist der Abend mit Jelloun und seiner Übersetzerin Christiane Kayser betitelt.
Expedition zu den Menschenrechten
Ohne Frage ein Höhepunkt der ambitionierten Lesungs- und Vortragsreihe sind die „Expeditionen ins Licht und die Düsternis“. Wer einmal erlebt hat, wie Raoul Schrott liest oder von Reiseerlebnissen berichtet, weiß, wie sehr der Schriftsteller das Publikum mit seinem melodisch-österreichischen Raunen in den Bann zu schlagen weiß. Die entlegenen Orte der Erde faszinieren ihn nicht nur literarisch, und das macht ihn zum idealen Gesprächspartner für die Autorin Sabine Küchler, die zusammen mit einer Photographin und einem Philosophen eine Expedition in den argentinischen Nebelwald unternahm, um dort nach Überresten einheimischer Waldgötter zu suchen – ein Projekt des Goethe-Instituts Cordoba/Argentinien. Moderiert wird der Abend von „Druckfrisch“-Moderator Denis Scheck. Der würdige Abschluss ist dem hehren Ziel gewidmet, „Menschenrechte in die Zukunft (zu) denken“. Welches Resümee ist 60 Jahre nach der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zu ziehen? Wie verteidigen wir die Menschenrechte gegen Verletzungen – vor allem im eigenen Land? Prof. Hans Jörg Sandkühler leitet die Deutsche Abteilung „Menschenrechte und Kulturen“ des europäischen UNESCO-Lehrstuhls für Philosophie, sein Mit-Diskutant Prof. Jörn Rüsen forscht ebenfalls schwerpunktmäßig über Menschen- und Bürgerrechte sowie Humanismus im Kulturvergleich.
Die Termine:
Mi 3.11., 20 Uhr: Frauen & Religionskritik
Kultur- und Stadthistorisches Museum Duisburg
Do 4.11., 20 Uhr: Armut in Deutschland?
Kokerei Hansa, Waschkaue, Dortmund
Fr 5.11., 20 Uhr: Permanente Revolution der
Begriffe I Café Zentral, Schauspiel Essen
Mi 10.11., 20 Uhr: Über Liebe und Lebenskunst in einer anderen Moderne I Bahnhof Langendreer, Bochum
Do 11.11., 20 Uhr: Jenseits von Gut und Böse
Schloss Oberhausen
Fr. 12.11., 20 Uhr: Die Liebe neu erfinden
Stadtbibliothek Duisburg
Mi 17.11., 20 Uhr: Wagenburg Europa
Ringlokschuppen, Mülheim
Do 18.11., 20 Uhr: Expeditionen ins Licht und die Düsternis I Kunsthalle Recklinghausen
Mi 24.11., 19.30 Uhr: Menschenrechte in die Zukunft denken I Ratssaal im Alten Rathaus, Gladbeck
Ausführliche Info: www.mehrlicht.info
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