Reinhard Kleist brachte von einer Kuba-Reise das atmosphärische Skizzenbuch „Havanna“ mit. Seine Beschäftigung mit Kuba führte außerdem zu einer „Castro“-Biografie. Kleist spielt aber glücklicherweise nicht den zeichnenden Historiker.
„Mehr Licht!“ – diese angeblich letzten Worte Goethes hat sich das Literaturbüro NRW auf die Fahnen geschrieben für ihr spartenübergreifendes Kulturhauptstadtprojekt und sich nicht weniger vorgenommen, als die „europäische Aufklärung weiterzudenken“. Gerade in Zeiten, in denen die Verdunkelung unserer abendländischen Kultur durch religiösen Fundamentalismus herbeigeredet wird, tut Besinnung auf unsere humanistischen Wurzeln Not, dürfen Diskussionen über Werte und das Zusammenleben von Kulturen nicht den Stammtischen überlassen werden.
Es war in den frühen 90er Jahren, in der kurzen Zeitspanne zwischen den neonbunten Jogginganzügen des Pop und den Holzfäller-Hemden des Grunge. Es war, bevor House Tekkno hieß – es war sogar, bevor Tekkno Techno hieß.
Der Kalender sagt Oktober, und wir nicken. Der Herbst klopft mit kalten Fingern an die Türen, während wir drinnen noch nicht mal damit fertig sind, unseren gefühlten 2.000 Urlaubsfotos bessere Namen zu geben als „dscn555311.jpg“.
Literaturadaptionen im Comicbereich gibt es in diesem Monat gleich zwei: Corbeyan und Horne haben sich Franz Kafkas Novelle „Die Verwandlung“ vorgenommen. Eigentlich eine Geschichte, die man gar nicht so grafisch vor Augen haben möchte. Und so ist latenter Ekel vorprogrammiert, wenn man die zugegebenermaßen gelungene Umsetzung in düsteren Zeichnungen von Horne goutiert (Knesebeck). Mit Marcel Prousts „Die Suche nach der verlorenen Zeit“ hat sich Stéphane Heuet ein etwas umfangreicheres Werk ausgesucht. In fünf Bänden visualisiert er Prousts subjektivistische Erinnerungsreise in wundervollen Ligne Claire-Bildern mit Jugendstil-Flair. Gleich im ersten Band „Combray“ findet er eine treffende Umsetzung für die berühmte, Kindheitserinnerungen auslösende Madeleine im Tee (Knesebeck).
Es ist ein Jugendbuch, und die Teenager sollen es lesen. Aber dass Janne Tellers Roman „Nichts – was im Leben wichtig ist“ an Dänemarks Schulen verboten wurde, kann man leicht nachvollziehen. Inzwischen entwickelte sich das nun im Carl Hanser Verlag erschienene Skandalbuch zum internationalen Bestseller, der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde.
Wenn in diesem Herbst zum elften Mal das Macondo-Festival in Bochum zur Entdeckungsreise in die aktuelle Literaturszene lädt, gibt es eine wichtige Neuerung: Fester Veranstaltungsort ist die Rotunde, der ehemalige Katholikentagsbahnhof am Rande des Bermuda3ecks in Bochum.
In Stefan Melneczuks Werken fegt ein kalter Schauer über das Papier. Der Mystery-Thriller „Marterpfahl“ gibt Lesern die Chance, noch mehr über die verschiedenen Facetten von Gänsehauteffekten zu erleben. Stefan Melneczuk ist einer von diesen charmanten Männern, die mehr zuhören als selbst zu erzählen, unaufdringlich zuvorkommend sind, einen guten Humor haben, aber fast ein bisschen schüchtern wirken. Schwer vorstellbar, dass ein solcher Sympathikus für schlimme Schauer sorgen soll.
Das Lesen an sich hat ja schon was Wölfisches. Dieses einsame Streifen durch das Buchstabendickicht. Sämtliche Sinne angespannt. Witternd. Die Fährte aufnehmend. Auf der Pirsch nach dem entscheidenden Wendepunkt. Und doch, muss man sich mit Leselampe unter sternenilluminiertem Himmelszelt eingestehen, folgt man nur den Spuren eines unfassbaren Alphatiers, sprich: dem Autor als wahrlich einsamem Wolf auf seinem mäandernden Zug durch die Wildnis der Fantasy. John Irving ist geradezu ein Paradebeispiel für einen derartigen Leitwolf, dessen Spürsinn für skurril-tragikomische Geschichten ein riesiges Rudel ergebener Leser folgt, ohne den Autor in seiner Wesenhaftigkeit je erfassen zu können.
Marc-Antoine Mathieu klettert immer auf die Metabene. Doch dieses Mal geht es nicht um das Medium Comic, sondern um „Gott höchstselbst“. Der ist nämlich auf die Erde niedergefahren und löst dort ein ziemliches Chaos aus. Er selbst bleibt ruhig, aber die Menschen drehen durch: Der Trubel artet schnell in Kommerz (Bücher, Filme, Games und Godland statt Disneyland), aber auch Vorwürfe aus. Ein großer Schauprozess soll schließlich die philosophischen und moralischen Fragen klären.

Haare zu lang, Röcke zu kurz
„Swinging Cologne“ von Stefan Winges – Textwelten 05/26
Meeresbewohner zum Anfassen
„Zusammenstecken und Entdecken: Meerestiere“ von Abigail Wheatley – Vorlesung 04/26
Neuer Bilderbuch-Klassiker
„Mit dem Sturm um die Wette rennen“ von Brian Floca und Sydney Smith – Vorlesung 04/26
Wenn Wände Ohren haben
„Engel des Verschwindens“ von Slobodan Šnajder – Literatur 04/26
Die Unendlichkeit erleben
„Liebe“ von Thomas Hettche – Textwelten 04/26
Das Glück der Stiefel
„Die gelben Gummistiefel“ von Isabel Pin – Vorlesung 03/26
Auf den Spuren des Honigs
„Ivy und Bärlock Holmes. Fall 1: Die rätselhafte Blume“ von Kristyna Litten – Vorlesung 03/26
Beziehungen
„Du findest mich, wenn du willst“ von Lavinia Branişte – Literatur 03/26
Was nur schiefgehen kann
Markus Orths im Literaturhaus Dortmund – Literatur 03/26
Atem eines großen Erzählers
„Wintermythologien“ von Pierre Michon – Textwelten 03/26
Unwiderstehlicher kleiner Drache
„Da ist besetzt!“ von Antje Damm – Vorlesung 02/26
Schmunzeln und Mitgefühl
„Opa Bär und die Schuhe im Kühlschrank“ von Anne und Paul Maar – Vorlesung 02/26
Glück und Unglück
„Niemands Töchter“ von Judith Hoersch – Literatur 02/26
Exzentrik kann zärtlich sein
„Mitz. Das Pinseläffchen“ von Sigrid Nunez – Textwelten 02/26
Bewusst blind vor Liebe
„Mama & Sam“ von Sarah Kuttner – Literatur 01/26
Beziehungen sind unendlich
„Schwarze Herzen“ von Doug Johnstone – Textwelten 01/26
Jenseits des Schönheitsdiktats
„Verehrung“ von Alice Urciuolo – Textwelten 12/25
Nicht die Mehrheit entscheidet
„Acht Jahreszeiten“ von Kathrine Nedrejord – Literatur 12/25
Power Kid
"Aggie und der Geist" von Matthew Forsythe – Vorlesung 11/25
Allendes Ausflug ins Kinderbuch
„Perla und der Pirat“ von Isabel Allende – Vorlesung 11/25
Inmitten des Schweigens
„Aga“ von Agnieszka Lessmann – Literatur 11/25
Die Liebe und ihre Widersprüche
„Tagebuch einer Trennung“ von Lina Scheynius – Textwelten 11/25
Mut zum Nein
„Nein ist ein wichtiges Wort“ von Bharti Singh – Vorlesung 10/25
Kindheitserinnerungen
„Geheimnis“ von Monika Helfer und Linus Baumschlager – Vorlesung 10/25
Die Front zwischen Frauenschenkeln
„Der Sohn und das Schneeflöckchen“ von Vernesa Berbo – Literatur 10/25