Reinhard Kleist brachte von einer Kuba-Reise das atmosphärische Skizzenbuch „Havanna“ mit. Seine Beschäftigung mit Kuba führte außerdem zu einer „Castro“-Biografie. Kleist spielt aber glücklicherweise nicht den zeichnenden Historiker. Er erdichtet den deutschen Journalisten Karl Mertens, durch dessen schwärmerischen Blick wir auf die Revolution in Kuba und die kommenden Ereignisse blicken. Dadurch löst er sich von einem objektiven Anspruch und erzählt stattdessen von der euphorisierenden Wirkung Castros, der auch viele Europäer in seinen Bann zog. Die groben s/w-Zeichnungen fügen sich gut in das verwirrende Szenario (Carlsen). „Insel der Männer“ von Luca de Santis und Sara Colaone widmet sich einem dunklen Kapitel der italienischen Geschichte. Während der faschistischen Diktatur Mussolinis wurden ungefähr 300 Schwule auf einer süditalienischen Insel gefangen gehalten. In groben, kantigen Zeichnungen wird eingebunden in eine Rahmenhandlung von dem Leben auf der Insel erzählt, wo es trotz der widrigen Umstände Menschlichkeit gibt (Schreiber & Leser).
Jacques Tardis historisches Interesse gilt schon lange dem Ersten Weltkrieg. Mit „Elender Krieg“ legt er nun eine zweibändige Erzählung vor, mit der er erstmals vom klassischen Comic abweicht. Mit starrem Seitenaufbau von jeweils drei querformatigen Panels und Textblöcken mit einem Monolog satt Sprechblasen mit Dialog erzählt er düster und rücksichtslos explizit die Geschichte des Ersten Weltkriegs aus der Perspektive der Schützengräben. Der Historiker Jean-Pierre Verney ergänzt Tardis Blick mit einem erläuternden Anhang (Edition Moderne). Die seit 26 Jahren von Volker Hamann herausgegebene Zeitschrift für Graphische Literatur „Reddition“ hat Tardi im Sommer eine reich bebilderte Ausgabe gewidmet. Hier gehen fundierte Texte auf die grundlegenden Aspekte von Tardis Schaffen ein: die Kriegsthemen, die Literaturadaptionen, das Fantastische und die bissige Mischung aus Kritik und Humor. Neben dem Heftformat ist auch eine limitierte Hardcoverausgabe erhältlich.
In die Geschichte der Popkultur taucht Arne Bellstorf mit seinem zweiten Album. Im Lennon-Jahr erzählt er von dem „fünften Beatle“ Stuart Sutcliffe und seiner Beziehung zu der Hamburger Fotografin Astrid Kirchherr. Nach langen Gesprächen mit Kirchherr ist „Baby‘s in Black“ entstanden, das den Hamburg-Aufenthalt der Beatles nachzeichnet und die so wunderbare wie tragische Liebesgeschichte zwischen Stuart und Astrid. Mitunter sind die Szenen etwas unvermittelt montiert, das Zeitkolorit und die Stimmung fängt Bellstorf jedoch gelungen ein – nicht zuletzt wegen der rohen Bleistiftzeichnungen (Reprodukt).
Kommen wir mal zu einer fiktiven Geschichte: Der Belgier Brecht Evans liefert mit „Am falschen Ort“ ein sowohl erzählerisch wie zeichnerisch außergewöhnliches Werk. Ausgehend von einer Partygesellschaft erzählt er von einer losen Großstadt-Clique, die einst eng befreundet, sich im Berufsalltag aber längst voneinander und auch von den eigenen Wünschen entfernt hat. Nur einer steht da als umschwärmter Held, weil er ein selbstbestimmtes Leben, frei von allen Zwängen lebt. Evans zerlegt seine Geschichte zeitlich, räumlich und in jedem einzelnen Bild, wenn die Texte umherfliegen und die Bilder sich munter drehen. Farbenfroh, wild, sehnsüchtig: große Kunst (Reprodukt).
„13 Songs in Bildern“ versammelt der Band „Bob Dylan – Revisited“. So unterschiedliche Künstler wie Lorenzo Mattotti, Dave McKean, Gradimir Smudja oder Zep machen Comics zu Songs von Bob Dylan. Mitunter nah am Text, dann auch sehr abstrakt und stilistisch vollkommen unterschiedlich (Carlsen).
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