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Anja Laukötter
Foto: Anne Günther (Universität Jena)

Kino ohne Scham

16. Oktober 2026

CineScience-Reihe „OnEdge“ des KWI im Filmstudio Glückauf – Spezial 10/26

Kino sei dazu da, Menschen „unter Spannung zu setzen“, dies gelinge am besten durch die Annäherung an oder die Überschreitung von roten Linien. Mit diesen Worten eröffnete Roxanne Phillips vom Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) Essen am 13. Oktober die CineScience-Reihe „On Edge“. Als Referentin hatte das KWI Anja Laukötter, Professorin für Kulturgeschichte an der Universität Jena, ins Filmstudio Glückauf geladen. Im Fokus ihres zweistündigen Vortrags „Sex on Screen“ standen Aufklärungsfilme über Sexualkrankheiten.

Vor etwa 30 Gästen erklärte Laukötter die Entwicklung der „Grenzen des Zeigbaren“ auf der Leinwand. Präventionsfilme hätten sich sowohl mit der Optimierung des eigenen Körpers und der Gesundheit befasst und oft einen Bildungsauftrag gehabt. „Zudem waren sie Teil des jeweiligen politischen Systems“ so Laukötter. Aufklärungsfilme seien allerdings zunächst von Privatpersonen oder Organisationen beauftragt und erst ab der Zeit des Nationalsozialismus staatlich koordiniert worden. Sie stellten nicht nur den gesundheitlichen Aspekt dar, sondern veranschaulichten auch den Wandel der Körperbilder. „Zu Beginn gab es in Aufklärungsfilme keine fiktive Handlung, dafür aber abschreckende Bilder“, sagte Laukötter. Um die Zuschauer nicht zu verschrecken, sei wenig später eine fiktive Handlung eingeführt worden: „Viele Besucher waren vorher aus den Kinos gegangen, weil die Bilder so erschreckend waren.“

Zwischen Aufklärung und Eugenik

Die ersten Beispiele an dem Abend stammten aus der Weimarer Republik, darunter der Stummfilm „Falsche Scham“ (1926), der stark mit dem Schamgefühl arbeitet, was typisch für diese Zeit war. Es wurde über Krankheiten aufgeklärt und gezeigt, welche Symptome auftreten und was die Krankheiten im Körper bewirkten. „Blicke wurden trainiert, es wurde nicht nur auf sich selbst geachtet, auch das Umfeld wurde genau beobachtet“, erklärte Laukötter. Auch zu Beginn des zweiten Films „Feind im Blut“ (1931) waren abschreckende Bilder von erkrankten und in Folge dessen behinderten Kindern zu sehen. Anja Laukötter bestätigte auf Nachfrage, dass diese Filme auch im Zusammenhang mit dem eugenischen Denken der Weimarer Zeit stand.

Gesunde Soldaten für den „Führer“

In der NS-Zeit lag der Fokus auf Soldaten. Sie sollten wehrfähig sein, weshalb zum Beispiel Ehebruch bei ihnen geduldet wurde. Für Mitglieder der Wehrmacht war es Vorschrift, sich vorher oder zumindest unmittelbar nach dem Geschlechtsverkehr beim Arzt zu melden, damit sie wegen einer Krankheit nicht dienstunfähig wurden. Im Filmbeispiel „Ein Wort von Mann zu Mann“ (1941) wurde die Dynamik unter den Soldaten dargestellt, die von den Ausflügen ihrer Kameraden wussten und nur mahnend den Finger hoben, wenn es um Krankheiten ging. Insgesamt sollte vor allem das Schamgefühl abgebaut werden, damit die Soldaten zum Arzt gehen und gesund bleiben.

Zwischen Emanzipation und HIV

Nach dem Krieg stiegen die Ansteckungszahlen rasant, weil viele Soldaten mit Krankheiten zurückgekehrt waren. Auch deshalb wurden Aufklärungsfilme erneut notwendig. In der DDR stand in den 80er Jahren der Mensch als Quelle der Ansteckung im Fokus. Es wurde über Geschlechtskrankheiten wie Syphilis aufgeklärt, auch AIDS und HIV wurden erwähnt, obwohl sie in der DDR geleugnet wurden. Homosexualität war ebenfalls tabuisiert und kam in Aufklärungsfilmen vor allem als ein Problem vor.

Etwa zur gleichen Zeit begann in der BRD die Aufklärungskampagne „Gib AIDS keine Chance“. Ziel war es, das Schamgefühl zu überwinden, um auf die Möglichkeiten des Schutzes aufmerksam zu machen. Die Wirkung sei deutlich größer gewesen als die von Plakaten oder Aufklärungszetteln, so Laukötter. Diese Wirkung zeigt die Bekanntheit des Spots „Supermarkt“ (1990), der mit Ingolf Lück und Hella von Sinnen besetzt war und deutschlandweite Bekanntheit erlangt hat.

Fachkundige Einordnung

Durch die gelungene, fachkundige Einordnung von Anja Laukötter bekamen die Anwesenden einen guten Überblick darüber, wie sich „Sex on Screen“ unter den jeweiligen gesellschaftspolitischen Voraussetzungen veränderte. Die Darstellung der jeweiligen Epoche war leider auf maximal drei Aufklärungsfilme beschränkt, was den Gesamtüberblick etwas trübte.

Im November wird die CineScience-Reihe mit dem Historiker Kai Nowak und dem Thema Tod auf der Leinwand fortgesetzt. Zudem wird es Anfang nächsten Jahres noch Veranstaltungen zu Kriegsfilmen und zur Klimakrise geben.

Simon Böhm

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