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Robert Jende
Foto: Felix Remter

„In ihrer jetzigen Form hat Demokratie keine Zukunft“

22. Dezember 2023

Teil 1: Interview – Soziologe Robert Jende über eine Politik jenseits von Parteizugehörigkeit

trailer: Herr Jende, die Deutschen gelten als politikmüde. Ist ihnen Demokratie zu anstregend geworden?

Robert Jende: Die Frage ist, welche Kanäle eine Demokratie zur Mitwirkung zur Verfügung hat. Und aktuell ist es so, dass wir in einer Parteiendemokratie leben: Die wirklich effektive Mitwirkung funktioniert über die Parteien. Das ist für viele Menschen unattraktiv. Es sind möglicherweise nicht mehr die passenden Angebote, wie man Menschen dazu lockt, aber auch dazu befähigt, mitzuwirken.

Ich würde vielleicht gar nicht von einer Politikmüdigkeit sprechen, sondern eher von einer Müdigkeit bezogen auf das Politikgeschehen – also auf die Inszenierung von Politik. Parteien behaupten von anderen Parteien, sie würden alles falsch machen. Das geht dann reihum. Die nächste Partei verteidigt sich, behauptet, doch alles richtig und gut zu machen und kontert wieder. Wenn man ständig hört, dass alle nur Fehler machen, dann macht das irgendwann müde. Bisher schaffen es Parteien nicht, eine klare Orientierung zu geben: Den Leuten sowohl Angebote zu machen, bezogen darauf, was umgesetzt wird, als auch dazu, mitzuwirken. Die Leute glauben nicht mehr, dass sie gehört werden. Keinen Adressaten zu haben kommt dann als Wut zum Ausdruck. Leute wenden sich dann den Rändern zu und zu populistischen Parteien. Dort lässt sich dann sehr einfach sagen, „Wir vertreten das Volk“. Letztlich ist das auch der Erfolg dessen: weil die anderen Parteien es gerade nur schwer schaffen, die Stimme des Volkes zu bündeln und zu kanalisieren.

„Es überfordert politische Systeme, weiterhin Handlungsfähigkeit zu demonstrieren“

Haben auch die vielfachen Krisen dazu geführt, dass Menschen sich von der Politik distanzieren?

Das unbedingt. Es ist natürlich sehr schwierig, wenn eine Krise nach der anderen folgt – wir im Grunde im Zeitalter der Stapelkrisen leben. Eine Krise ist noch nicht annähernd gelöst, da kommt schon wieder die nächste. Und die andere liegt dann aber immer noch drunter, obwohl die nächste bereits akut ist. Das überfordert. Das überfordert auch politische Systeme, von Krise zu Krise weiterhin Handlungsfähigkeit zu demonstrieren und sie möglicherweise auch zu lösen. Erstmal das Wesentliche in den Griff zu bekommen führt für die Leute auch privat zu einer Überforderung. Das heißt, die Energierechnung zu bezahlen, irgendwie durch den Tag zu kommen, dabei nicht zu verzweifeln und in Depressionen zu verfallen. Und sich darüber hinaus zu engagieren. Das ist dann schon ziemlich viel, weil die Krisen selbst schon sehr, sehr belastend sind.

„Im Alltag wird Demokratie wenig eingeübt“

Wie lassen sich demokratische Gestaltungsräume weiten?

Mehr Gestaltungsspielraum für die Demokratie sehe ich im Alltag, im Lebensraum der Leute. Das wäre ein lebensweltlicher Ansatz, bei dem Demokratie auch als Lebensform begriffen wird. Demokratie wird benutzt als Begriff für eine Herrschaftsform: Menschen werden gewählt und wir bestimmen gemeinsam über unsere Lebensbedingungen. Im Alltag wird Demokratie aber eigentlich wenig gelebt oder eingeübt. In der Schule haben wir das nicht. Dort steht meistens ein Lehrer, eine Lehrerin vorne und es wird Wissen vermittelt – alles sehr hierarchisch. In der Familie ist es genauso. An sich mag das auch total sinnvoll sein.

Von oben nach unten …

Genau. Im Grunde haben wir überall Top-down-Hierarchien, in der Arbeit sowieso. Wer kann schon mitbestimmen, was wir eigentlich produzieren und wie lange wir arbeiten wollen etc.? Da könnte man durchaus ein bisschen experimentierfreudiger sein und mehr Demokratie in verschiedenen Lebensbereichen zulassen. So könnten wir zum einen stärker den Dialog und das Sich-einigen üben, und zum anderen auch Ambiguitätstoleranz lernen, sprich das Aushalten von verschiedenen Perspektiven. Das gibt’s halt nirgendwo. Und so wird es auch politisch inszeniert: Die einen sagen A, die anderen sagen nicht A und daraus soll man sich dann eine Meinung bilden. Aber im direkten Austausch auf der Straße oder wo auch immer im eigenem Leben gibt es herzlich wenig Optionen, demokratische Werte einzuüben. Insofern gäbe es da unendlich viele Möglichkeiten, mehr Demokratie zu starten.

„Sich tatsächlich face-to-face auseinander zu setzen“

Sie haben das Konzept der Demokratiecafés mitentwickelt. Was ist das?

Das Ziel ist erst mal Menschen zusammenzuführen und sie in einen konstruktiven Austausch zu bringen. Das heißt, man streitet nicht über eine Sache und möchte am Ende Recht behalten, im besten Falle noch irgendwelche Mehrheiten organisieren und die anderen dann unterdrücken. Sondern es geht darum, dass man sich face-to-face auseinandersetzt, unterschiedliche Standpunkte miteinander austauscht, doch dann zu einer gemeinsamen Lösung kommt. Darin enthalten ist das Prinzip der Soziokratie bzw. des Konsensierens: dass man sämtliche Perspektiven, Widerstände und Bedenken in die Sache – die öffentliche Angelegenheit, die Anliegen der Leute – mit einbaut und nicht nur eine Wahl zwischen A und B hat. Am Ende ist der Gegenstand, der dabei verhandelt wird, letztlich bunt und mehrfarbig und enthält die verschiedenen Perspektiven, Elemente und Bedürfnisse der Leute. Und das Ziel ist, genau diesen Austausch zu üben und einen Raum zu haben, in dem man wirklich zu konstruktiven gemeinsamen Lösungen kommt – ohne letztlich irgendwie ideologisch, parteilich oder wie auch immer gebunden zu sein. Also, dass es ein Raum für alle ist, in dem auch die unterschiedlichsten Einstellungen aufeinandertreffen können und jede Person sich darin aufgehoben fühlt. Und die Leute können in diesem Übungsraum merken, das es wunderbar funktioniert – das ist so das Ziel. Wenn wir Demokratie als Lebensform ernst nähmen, dann wäre dieser Ort – das Demokratiecafé – dafür da, um das zu üben.

„Dort werden demokratische Werte ausagiert“

Dann ist also das Wohnviertel der Ausgangspunkt, und über die Projekte im Demokratiecafé werden die Teilnehmer gemeinsam im Viertel aktiv. Wie kam es dazu?

Die Idee dazu ist in einem Forschungsprojekt entstanden, das von 2018 bis 2022 an der Hochschule München durchgeführt wurde. Es hieß „RePair Democracy“ und war Teil des Bayerischen Forschungsverbunds ForDemocracy mit insgesamt elf Teilprojekten. Ausgangspunkt unseres Projekts „RePair Democracy“ war, dass in sozialen Innovationen wie Repair-Cafés, offenen Werkstätten oder urbanen Gärten demokratische Mikropraktiken zu finden sind. Also sowohl wie die Leute dort miteinander umgehen, wie sie ein Repair-Café als Beispiel organisieren, als auch wie es regelmäßig stattfinden kann, wie die Leute sich daran beteiligen, wer da kommt etc. Diese demokratischen Werte, die dort ausagiert werden, habe ich dann als Soziologe untersucht. So ist die Idee entstanden, das Prinzip des Reparierens vom Gegenstand, vom kaputten Toaster auf die Anliegen der Leute zu übertragen und anzuwenden. Im Grunde funktioniert ein Demokratiecafé ganz ähnlich wie ein Repair-Café, nur dass die Leute kein kaputtes Gerät mitbringen, sondern eine Sache, die ihnen auf dem Herzen liegt. Man materialisiert dabei die Streitfragen hin zu einem Gegenstand, an dem alle arbeiten. Deswegen ist es relativ unmöglich, dass es polarisiert. Denn es geht dabei ja nicht darum, über eine Sache zu streiten, sondern darum, eine Sache gemeinsam so zusammenzusetzen, dass sie wieder funktioniert.

„Es schwingt nicht so gut zwischen System und Leuten“

Demokratie lässt sich also reparieren?

Naja, jein. Die strittigen Angelegenheiten lassen sich dabei auseinandernehmen und zumindest wieder so zusammensetzen, dass sie funktionieren. Demokratie reparieren würde ja bedeuten, dass eine Demokratie letztlich perfekt funktionieren könnte. Man müsse sie nur richtig einstellen und dann wäre sie perfekt. Davon würde ich nicht ausgehen. Demokratie ist eigentlich immer ein Prozess, der niemals perfekt sein kann. Hinter dem Terminus „RePair Democracy“, also hinter Repair, steckt eigentlich nur im übertragenen Sinne das Reparieren. Viel stärker geht es um das Wiederanbinden. Also sowohl Netzwerke und Beziehungen zwischen den Leuten herzustellen, als auch die Anbindung demokratischer Institutionen an die Anliegen der Leute. Denn da gibt es durchaus Responsivitätsdefizite, haben wir im Forschungsprojekt festgestellt: Es schwingt nicht so gut zwischen politischen Systemen, Institutionen und den Bedürfnissen der Leute. Zu sehen ist das auch in der Umwendung großer Bevölkerungsteile auf Parteien, die als Protestparteien beschrieben werden können als Konsequenz darauf, dass es momentan nicht mehr so gut resoniert.

„Es geht eher darum, die richtigen Leute zu finden“

Hat Demokratie Zukunft oder ist sie ein Auslaufmodell?

Das ist eine gute Frage. Ich würde sagen, in der Form, wie sie jetzt besteht, hat sie keine Zukunft. Welche Form der Demokratie eine Zukunft hat, ist eine kollaborative, eine viel stärker auf Netzwerken sich aufbauende Demokratie. Das bedeutet, sofern Probleme auftauchen, wird ein Netzwerk zu deren Lösung gebildet – unabhängig von einer Parteizugehörigkeit oder dergleichen. Es geht eher darum, die richtigen Leute zu finden und demokratische Verfahren, die dann eher auf Soziokratie und Konsensierung beruhen, als auf Mehrheitsbildung und Gegeneinander-ausspielen. Warum sich die Demokratie selbst zerlegt, ist, weil Parteien natürlich Mehrheiten organisieren und dafür gesellschaftlich als Polarisierungsmaschinen wirken. Irgendwann kommt es dann dazu, dass die Leute nicht mehr miteinander reden können, weil sie der falschen Partei angehören. Das hängt natürlich auch mit dem Mehrheitsprinzip zusammen, also, dass versucht wird, Mehrheiten zu organisieren, die dann wiederum Minderheiten beherrschen wollen oder sollen. Wenn man sich genau anschaut, wie viele Leute nicht wählen, wer nicht wahlberechtigt ist und trotzdem hier lebt, und wie viele Stimmen dann jene bekommen haben, die am Ende die Mehrheit einnehmen und regieren, dann muss man sagen, ist das eine wirklich sehr, sehr kleine Minderheit im Gegensatz zur Gesamtgesellschaft. Eine kollaborative Demokratie funktioniert anders. Sie beginnt schon im Kleinen beim Partizipieren im Stadtteil. Man versucht gemeinsame Lösungen zu finden, vom Kleinsten bis ins Große. Wie man es bis ins Große bekommt, wäre dann eine Entwicklungsfrage. Hier sehe ich wirklich Chancen und Möglichkeiten, durch die Demokratie auf jeden Fall eine Zukunft hätte.


NACH DER DEMOKRATIE - Aktiv im Thema

democracy-international.org/de | Der in Köln ansässige Verein Democracy International vernetzt Menschen, die sich für mehr Demokratie und Mitbestimmung einsetzen.
netzwerk-courage.de | Das Netzwerk für Demokratie und Courage „lebt vom Engagement vieler junger Menschen, die sich für Demokratieförderung und gegen menschenverachtendes Denken einsetzen“.
dwenteignen.de | Die Initiative Deutsche Wohnen & Co enteignen informiert über ihr Anliegen (s.a. Seite 7 in diesem Heft).

Fragen der Zeit: Wie wollen wir leben?
Schreiben Sie uns unter meinung@trailer-ruhr.de

Interview: Nina Hensch

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