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Foto: Jean-Louis Fernandez

Im Schatten der Antilopen

18. Dezember 2013

Akram Khan zeigt die Sprengkraft von Strawinskys „Sacre“ in Düsseldorf und Köln – Tanz in NRW 12/13

Was mag im Kopf von Igor Strawinsky vorgegangen sein, als er die Musik zu „Le sacre du printemps“ komponierte? Akram Khan, der in London geborene Sohn bengalischer Eltern und einer der Stars der internationalen Choreographen-Szene, gibt die Antwort. Mit seiner neuen Produktion „iTMOi (In The Mind Of Igor)“ kriecht Khan buchstäblich in die Gehirnwindungen des großen Komponisten hinein und zeigt uns, was er dort entdeckt. Der Engländer gibt uns eine Vorstellung davon, wie sehr der Opfer-Gedanke die Religionen durchzieht. Mit einem animalischen Monstrum, das in der Dunkelheit die Zähne fletscht und furchtbare Geräusche erzeugt, setzt die neue Choreographie ein.

Dieses Ungeheuer ist unschwer als heidnischer Abgott zu erkennen, aber es beginnt sich im Laufe der Handlung zu verwandeln und nimmt dann auch die Gestalt eines christlichen Gottes an. Was ist das für ein Gott, der meint, er müsse seinen Sohn opfern? Wie kann ein Gott ein Gott sein, wenn er in seinem Handeln so sehr den Mustern menschlichen Denkens entspricht? Fragen, die sich mit dieser wuchtigen, neuen Choreographie aufdrängen. Denn Khan verwebt unablässig heidnische Tradition – aus der auch Strawinsky Inspiration schöpfte – mit christlich-abendländischer Symbolik. Hier verschränkt sich das warme, orangefarbene Licht der Savanne, dem Ursprungsland des Homo sapiens, mit den Schatten der Antilopen, dem Einhorn, der Jungfrau, den Klosterchören, den Glocken und den Höhlenzeichnungen, mit denen die Kunst der Menschen begann.

Die Choreographie ist perfekt auf die Bühnen des Tanzhauses NRW in Düsseldorf und des Depots des Kölner Schauspiels zugeschnitten worden. Khan zentriert das Geschehen in einem Quadrat, in dem sich die Figuren wie auf einem Schachbrett verschieben lassen. Hier trifft die barbusige Königin im Reifrock auf das gehörnte Tier. Die psychologische Dimension, die auch in Strawinskys „Frühlingsopfer“ herausgeschält werden kann, interessiert Khan weniger als das Spiel mit den Symbolen und Allegorien, die einen Horizont zur mythischen Dimension des Stoffs eröffnen. Meisterhaft spielt er auf den Bühnen der beiden Rheinstädte mit der Wirkung der Raumtiefe, in dem er seine Tänzer in den Vordergrund rückt und damit Nähe zu ihren Körpern herstellt. Dafür nutzt er die Tiefe für Projektionen, so dass die kleinen Menschen große Schatten werfen können und sich ein mythisches Prospekt entfalten kann. Fast schon selbstverständlich, dass sein elfköpfiges Ensemble mit brillanter Technik punktet. Die Gruppenchoreographien funktionieren mit Leichtigkeit und die Synchronität zwischen Bewegung und Musik beeindruckt jedes Publikum unweigerlich. So bietet Akram Khan zum 100. Geburtstag des „Frühlingsopfers“ eine kluge, bildgewaltige Version, die uns vor Augen führt, welches Potenzial in diesem Stoff noch immer enthalten ist.

Thomas Linden

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