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Es gibt 241 Beiträge von Matt513

Der Rausch

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Irritierend ist das Wort, welches...

14.11.2021

Einen kritischen Film über soziales Trinken zu drehen, wäre aller Ehren wert gewesen. Besitzt in der westlichen Gesellschaft doch der Konsum von Alkohol einen ausgeprägten, ja zentralen Stellenwert: Das Glas gehört einfach dazu; das reinste Ritual.

Nach entfesselt saufenden Schülern bereits im Intro tritt bald Lehrer Martin auf, dem die Mühe der Selbstkontrolle vor seinen Schülern anzumerken ist. Man denkt, da könnte Alkohol im Spiel sein. Einen Fingerzeig liefert tatsächlich die abendliche Geburtstagsfeier im Kreise befreundeter Kollegen. Martin möchte eigentlich nichts trinken. Seiner Verfassung nach sollte er besser auch nicht, aber der Gruppenzwang ist stärker. Einige Augenblicke taumelt er am imaginären Rand, ringt mit sich und fällt dann doch hinein.

Ist das komisch? Fand ich nicht. Und saß in einer Herde angestrengt gackernder, feixender Kinobesucher und fragte mich, was die so amüsant daran finden, daß da einer die Kontrolle über sich verliert. Es ist dieses Phänomen im Kino schon seit längerem, dieses angestrengte Kichern an Stellen, die nicht wirklich lustig sind. Ich empfinde das als irritierend (so wie übrigens auch das Verhalten spät eintreffender Kinogänger, die nicht begreifen wollten, warum ich während einer Pandemie Wert auf den freien Platz Abstand lege, speziell wenn anderswo im Saal auch noch reichlich Platz wäre).

Daß Vinterberg sich dieses wichtigen wie ernsten Themas annimmt, ist also achtbar, die gewählte Umsetzung jedoch ungeeignet. Denn sein Film gerät im folgenden über weite Strecken zu einer fidelen Ode ans Saufen, wodurch man gar über sich hinauswachsen soll. 'Glaube ich nicht dran; den Exkurs über das Nervengift Alkohol klemm ich mir.

Fröhlich trifft man sich im Film, um das Level zu halten. Irritierten zunächst Wahrnehmungen diesseits der Leinwand, setzt der Film nach solidem Start dies fort. Das ist in der Realität einfach ein zu häufig tragisches Thema, als daß man das so darstellen sollte. Also bitte, es muß ja auch kein Lehrfilm mit erhobenem Zeigefinger sein. Auch wie eher beiläufig die Stolperer inszeniert sind, die Vinterbergs Figuren zunehmend in ihrem Umfeld nehmen, das bringt den Film erst recht nicht zurück in die Spur. Auch nicht, daß es einen erwischt. Das ist filmisch einfach nicht gut umgesetzt. Und als wenn das noch nicht gereicht hätte, hebt der Film danach noch einmal an und sein Ton dreht wieder in die andere Richtung So als ob er dem Zuschauer zurufen wollte: Tja, einen hat's erwischt; nun läßt uns wieder fröhlich sein.
Das Wort, das man sucht, lautet – genau, siehe oben.

Curveball – Wir machen die Wahrheit

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-Leider- wahr

24.10.2021

Allenfalls ein paar Szenen lang darf Nabers neuer Film als Komödie bezeichnet werden, etwa wenn eine wilde Hatz mit PKW und Rodelschlitten ausgetragen wird. Und ach ja, weil sie denken, in Bayern so nicht aufzufallen, tarnen sich US-Agenten mit Lederhosen und Gamsbarthüten. Danke, episch :D. Angesichts der ansonsten hohen Qualität seines Films sieht man Naber diesen herrlichen Blödsinn gerne nach. Davon abgesehen bereits im Vorspann darauf hingewiesen wird, die ganze Geschichte sei -leider- wahr.

Also eher ein Anschauungsstück bundesdeutscher Behördeninkompetenz sowie, daraus geboren, politischer Strippenzieherei auf der internationalen Bühne. Wie gewohnt überzeichnet Naber nicht, sondern zieht nur die Konturen etwas schärfer nach. Soll heißen, das geht nichtmals als Satire durch. Seine Innenansichten des BND, eine Melange von Kompetenzgerangel, Eitelkeit, Leichtglaube und schierem Minderwertigkeitskomplex vor dem großen Bruder in Übersee halte ich schon für passend.

Die Wahrheit löst sich auf, und keinen kümmert's, heißt es sinngemäß im Film. Sog. Fakten sind von Interesse. Welche, das hängt von der Agenda ab, die damit befördert werden soll. Also macht man sie, maßgeschneidert gewissermaßen. Eindringlich dazu die echten Bilder vom UN-Sicherheitsrat, wo US-Außenminister Powell, Gott hab ihn selig, anno 2003 die wüste Geschichte von den weapons of mass destruction in die Kameralinsen der Welt und damit den Überfall auf den Irak als eine 'notwendige' Angelegenheit deklariert. Und man sieht, wohin, auf welche Bühne sich die Chose entwickelt hat, die einst im fernen Pullach ihren Anfang nahm.

Angesichts des irrationalen Verhaltens der Behörden gegenüber dem so gehandelten Kronzeugen für die Chemiewaffenproduktion (bekommt trotz allem am Ende den Pass), darf es keinen wundern, warum Deutschland, diesem vormals so bewunderten bis beneideten Land, aus manchem Kulturkreis so wenig Respekt entgegen weht.

Dune - Der Wüstenplanet (1984)

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Ein, zwei, mehrere :) Filme

17.10.2021

Sprach man bisher über die Adaption von Frank Herberts epochalem Roman fürs Kino, mußten dafür genau genommen zwei Filme erörtert werden: Ein erster, welcher in den 70ern jedoch nie über die Projektierung hinaus kam, sowie der hier vorliegende von David Lynch, der quasi auf dem übriggebliebenen Sockel von ersterem errichtet wurde.

Alejandro Jodorowski, ein weiland mit sehr, nun ja, speziellen Kinowerken bekannt gewordener Regisseur hatte sich den Kopf gesetzt, aus dem Buch einen Science Fiction-Film zu bauen, bei dem der Superlativ Normalmaß sein sollte. Mußte der Versuch, Herberts intellektuellen, schwer zugänglichen Roman in Bilder zu setzen, per se schon als große Herausforderung bezeichnet werden, gingen Jodorowski in punkto Ensemble und Ausstattung schier die Gäule durch. Er glaubte, daß wenn man gerade 'die Besten' verpflichten würde (bzw. das, was er dafür hielt), müßte das Ergebnis doch automatisch bahnbrechend werden.

Pink Floyd sollten die Musik schreiben, exaltierte Herrschaften wie Orson Welles, Mick Jagger sowie Salvador Dalí (sic!) Rollen übernehmen. Für die künstlerische Ausgestaltung wurden renommierte Branchengrößen der phantastischen Kunst verpflichtet; Chris Foss, Jean Giraud (sehr bekannt als Moebius) und H.R. Giger. 'Ging alles runter wie Öl, bloß man weiß man ja, daß sich vermeintlich großartige Zutaten nicht automatisch zu etwas noch Großartigerem verbinden.

Bald wuchs Jodorowski, der Dune vorher nichtmals gelesen hatte, die Sache über den Kopf. Das Budget schmolz in der ausufernden Vorproduktion, ohne daß ein Meter Film zustande kam. Sein Drehbuch hätte ca. 14 Stunden Laufzeit ergeben. Die Financiers bekamen kalte Füße und zogen den Stecker. Jodorowskis Projektvision wird heute als „der großartigste Film, der nie gedreht wurde“ tituliert. Vielleicht gut so, denn in seinem Kern trägt er den Keim grandiosen Scheiterns.

Nämlich darf bezweifelt werden, ob es überhaupt jemals eine gute Idee war, Herberts Roman für eine horrend teure Kinoproduktion auszuwählen. Denn dieser ist nicht massentauglich und gilt seit jeher wegen multipler Erzählebenen, die u.a. politische, religiöse und ökologische Aspekte der Erzählwelt ausleuchten, als kaum verfilmbar. George Lucas machte Jahre später mit Star Wars alles richtig, als er stets den, nennen wir's mal, soziokulturellen Wiedererkennungswert fürs Publikum im Blick hatte. Diesen Anspruch hatte Herbert nie. Die Welten, die er schildert, sind prominent fremdartig, sein Buch entsprechend kaum leicht zu konsumieren. Immerhin vorhanden das universale Motiv von einem, der schwere Prüfungen bestehen muß und letztlich der ersehnte Messias wird, während eine bewußtseinserweiternde Substanz als wesentliches Handlungselement den Zeitgeist jener Jahre widerspiegelt, zumal auch Herbert zu der Zeit gewissen Pilzen zugetan war.

Nun denn – war die Idee, Dune fürs Kino zu adaptieren, aber in die Welt gesetzt. Und um den nächsten optimistischen Visionär abzuschrecken, dafür war der Nimbus, der das Buch umgab, zu groß. Dino de Laurentiis als neuer Filmrechteinhaber wagte mit Lynch im Regiesessel einen neuen, abgespeckten Anlauf. Statt Pink Floyd schrieben 'nur noch' Toto die Musik, traten u.a. 'nur noch' Sting statt Jagger, José Ferrer statt Dalí und Kenneth McMillan statt Welles an. Lynch verfasste ein Traktat für ca. 3 Stunden Laufzeit, brachte sein Stammensemble mit (u.a. Kyle MacLachlan, Freddie Jones, Jack Nance) und bewies im weiteren mit Prochnow, Steward oder v. Sydow insgesamt eine glückliche Hand. Wobei McMillan als Baron Harkonnen eine Sternstunde lieferte, ebenso wie Paul Smith als 'Biest' Rabban Harkonnen. Nicht richtig überzeugen konnte mich lediglich Ferrer. Für die Rolle des finsteren Imperators Shaddam IV wirkt er viel zu sympathisch.

Neues Team, gleiches Problem – die erwähnte Beschaffenheit seiner Romanvorlage nämlich. Lynchs Adaption wurde schon in Testvorführungen vor dem Kinostart sehr gemischt aufgenommen, was danach in aufreibende Auseinandersetzungen mit den Produzenten mündete, die ihm schließlich den Final Cut entzogen. Bis heute bedauert er, diesen Film gemacht zu haben. Mittlerweile hat Dune eine brettharte Fangemeinde, welche ihn, aller Sperrigkeit, allen Unzulänglichkeiten zum Trotz, als valide Adaption anerkennen. Dazu zähle ich mich selbst auch. Mein Erleben von Herberts Buch ist eng mit Lynchs filmischer Vision verbunden, auch wenn z.B. der optische Mix aus k.u.k.-Monarchie und Jugendstil auf dem Heimatplanet derer von Atreides schon ein sehr sonderbarer ist. Teile dieser Staffage mögen Jahre später dem Cyberpunk-Genre als Vorbild gedient haben. Unglaublich, was für ein Aufwand für das Bühnenbild betrieben wurde (diese Nasriden-Ornamentik im Palast des Imperators; alles echte Kulissen!), zumal dieses nur ein paar Sekunden zu sehen ist. Weiter sehenswert, die kastenartigen Körperschilde der Atreiden, ein früher Spezialeffekt aus dem Computer.

Ebenso herrlich gelungen, die Heimatwelt der Harkonnen; eine technisierte Sado-Maso-Vorhölle mit etlichen Exponaten des typisch Lynch'schen Ekels (die zugenähten Ohren oder der hängende Kuhkadaver; huach!) oder auch das fahrbare Aquarium des Gilde-Navigators mit dieser herrlichen Raumpflegertruppe, die hinter ihm her putzt. Wirklich abgefahren.

Das opulente Bühnenbild mag Grund gewesen sein, daß anderswo (an der Tricktechnik!) gespart werden mußte. Alleine der Flug des Navigators, nachdem die Atreiden nach Arrakis aufgebrochen sind, hat bestenfalls das technische Niveau früher 80er Video-clips. Oder auch die Raumschiffe im Weltall allgemein; waren das überhaupt bewegte Bilder? Der narrative Fokus des Buchs liegt zwar nicht auf dem Schildern von solchen technischen Dingen, aber gleichwohl bricht hier die filmische Umsetzung natürlich schon ein.

Was gut gefällt ist, daß Lynch sich trotz des ungewohntes Genres treu geblieben war. Für mich eigentlich das wichtigste. In Aspekten wie Regie, Kamera, Schnitt, Beleuchtung, Rhythmus und Inszenierung trägt Dune deutlich seine typische Handschrift. Ein kundiger Kinogänger würde vermutlich auch Lynch als Regisseur erraten, auch wenn er es vorher nicht wußte.

Rundherum alles andere als ein 'perfekter' Science Fiction-Film, noch dazu mit einer Vorlage, die alles andere als ideal gewählt war. Mit alledem im Hinterkopf aber, sicherlich ein einzigartiges Werk.



***
Meinem Vorkommentator vielen Dank dafür, mich weiland daran erinnert zu haben, diesen seit Jahren auf meiner Festplatte schlummernden Torso endlich mal fertig zu schreiben. Und aktuell schließlich Moniseur Villeneuve, mich mit seinem jüngsten Film nochmals freundlich zu treten.

Master and Commander - Bis ans Ende der Welt

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Schach auf hoher See

11.04.2020

Es gibt Filme, die sind auf so unverwüstliche Weise gut, daß man sie sich auch angucken kann, selbst wenn man für deren Genre nichts übrig hat. Dieser hier, basierend auf einer historischen Romanreihe, ist von solchem Kaliber.

Eine Bemerkung vorneweg: Wer MaC langweilig fand, der fand Blade Runner vermutlich auch langweilig. Solche Filme leben von der überzeugenden Erschaffung der Erzählsphäre, in die die jeweilige Geschichte eingebettet ist, weniger von einem reißerischen Plot.

Peter Weir zeigt nicht bloß die Jagd auf einen französischen Freibeuter während der napoleonischen Kriege, was die Kommandanten wie Schach auf hoher See austragen (was dem Film schon Spannung, aber der eher hintergründigen Sorte verleiht). Kaum jemand zuvor machte sich die Mühe, derart ausgedehnt in die Eingeweide eines Segelschiffs zu blicken.

Weirs „Surprise“, so der Schiffsname des Jägers, ist geradezu ein einziger lebender Organismus. Das Miteinander der sozialen Klassen und Ränge im Kerzenlicht auf engstem Raum, das man so detailliert selten zu sehen bekam. Man wird hier jedes Mal wieder etwas Neues entdecken. Egal welcher Dienstgrad, die fein gezeichneten Charaktere bereiten einfach Vergnügen. Der sehr stimmige Film glänzt hier durch exzellente Regie, gepaart mit großartigem Schauspiel bis hin zu den Komparsen. Für Russell Crowe als Schauspieler habe ich normalerweise wenig übrig. Aber hier muß man sagen, Crowe ist! Captain! „Lucky Jack“ Aubrey! Punkt! Er füllt diese Rolle perfekt aus. Aubreys Umgang mit dem Schiffsarzt ist in mehrerer Hinsicht gegensätzlich. Doktor Maturin (prächtig: Paul Bettany) und Lucky Jack sind privat zwar Freunde, aber davon ab ist im Dienst der eine Wissenschaftler und Humanist, der andere Soldat sowie einem klaren Einsatzbefehl verpflichtet. Das bietet etliche Reibflächen, denen sich der Film in vielen Episoden widmet.

Über die gesamte Länge betrachtet, kommt Weir mit wenig Action aus. Aber die hat es in sich, wenn die Kontrahenten im Gefecht aufeinandertreffen. Flankiert vom überwältigenden Sound, wechseln Nahansichten verheerender Zerstörung mit geradezu idyllischen Darstellungen aus der Distanz. Letztere wirken wie zeitgenössische Gemälde von Seeschlachten; ein womöglich beabsichtigter Effekt.

Heute kaum denkbar, aber bei den begrenzten medizinischen Möglichkeiten damals, vor allem an Bord eines Schiffs, konnte ein einziger umherfliegender Holzsplitter Infektion, dann Amputation und schließlich gar den Tod bedeuten. Und Weir läßt wahre Stürme davon auf seine Figuren herniedergehen. Dokumentationen von historischen Schiffsgeschützen zeigen, daß Vorderladerprojektile nicht ausschließlich kugelförmig, sondern z.B. auch hantelförmig, Pakete kleinerer Geschosse, ferner mit Ketten verbundene Kugelpaare sein konnten. Es ging nicht nur darum, durch maximalen Schaden ein gegnerisches Schiff kampfunfähig zu schießen. Die Wirkung zersplitternden Holzes auf die Besatzung dürfte beim Beschuß willkommener Seiteneffekt gewesen sein. Daß Weir das so drastisch auf den Zuschauer losließ, ist womöglich Spielbergs Pionierarbeit in Saving Private Ryan zu 'verdanken'.

Der Film hatte das große Pech, bei den Oscars ausgerechnet gegen Die Rückkehr des Königs antreten zu müssen, in der Tolkien-Trilogie der erfolgreichste. Bei 10 Nominierungen gestand man Weir nur 2 Preise in Nebenkategorien zu. Ursprünglich war geplant, die Romanreihe fürs Kino in ein ganzes Franchise zu adaptieren. Aufgrund des relativ enttäuschenden Einspielergebnisses blieb es jedoch bei dem einen Film. Das ist sehr schade, wenn man bedenkt, wie wenig derart hochwertige, 'handgemachte' Filme mit einer solchen Finesse im Detail Hollywood überhaupt noch herstellt. Die Leute wollen halt lieber den vordergründigen Kick, das Effektgewitter aus dem Computer, hanebüchene Geschichten aus dem Comic-Universum oder wie Chris Hemsworth als Chris Hemsworth im bunten Kostüm auftritt.



PS: Stichwort Typecasting - Billy Boyd ist für mich Peregrin Tuk und wird es immer bleiben. Weswegen ich mich in diesem Film hier ständig gefragt habe, was denn der Hobbit da am Steuerrad macht.

Moderne Zeiten

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Rage against the machine

29.03.2020

Wie in anderen seiner Filme greift Chaplin hier große zeitgenössische Themen auf und bricht sie auf die Nahperspektive herunter. Wo viele Kommentatoren die Industrierevolution als großes, mithin segenspendendes Projekt begriffen, richtet Chaplin seinen Blick auf den Preis, den die einfachen Menschen für den Fortschritt zu bezahlen haben. Behilflich dabei ist ihm einmal mehr seine geniale Schöpfung, der kleine Tramp.

Jener findet sich buchstäblich in den Mühlen der Industrieproduktion wieder, wo der Mensch auf den bloßen Produktionsfaktor reduziert wird. Hatte es das vorher schon mal gegeben, Fließbandarbeit in einem abendfüllenden Film? Der Arbeitstakt ist hier Gesetz. Der Tramp, ein etwas gegen den Strich gebürsteter Kavalier mit dem Herzen am rechten Fleck, wird bald zum Korn im Getriebe der Maschinerie, die ein gelangweilter Industriemogul ohne Nachsicht hochtakten läßt. Irgendwann reicht's. Mit zwei Ringschlüsseln bzw. einer Ölkanne bewaffnet, führt der Tramp eine freche Clownerie auf und bringt den Laden gehörig durcheinander.

Neben diesen offensichtlichen Motiven fällt Chaplins Kritik an den Zuständen auch mal subtil aus. Als er, im Gefängnis gelandet, wegen guter Führung entlassen werden soll, bittet der Tramp inständig darum, bleiben zu dürfen. Er habe es doch gut hier. Also wie verzweifelt muß man sein, um den Knast dem Leben draußen vorzuziehen?

Die größere Bühne für die Geschichte ist der Widerhall der Weltwirtschaftskrise mit Motiven von Massenarbeitslosigkeit, Arbeiterrevolten und bitterer Armut (wobei letzteres ein wiederkehrendes in Chaplins Werk ist). Die Mechanisierung der Industrie konnte schließlich auch den Wegfall vieler Arbeitsplätze bedeuten. In einer wundervoll orchestrierten Szene sieht man sein komödiantisches Können. Von der Ladung eines vorbeifahrenden Lastwagens fällt eine (wohl) rote Markierungsfahne herunter. Der Tramp, stets das Gute im Blick, nimmt sie auf und läuft hinter dem Lastwagen her, wild gestikulierend und die Fahne schwenkend. Genau in diesem Augenblick biegt die Kolonne der protestierenden Arbeiter hinter ihm aus einer Seitenstraße ein, doch der Tramp hat nur Augen für den Lastwagen. So läuft er, die rote Fahne schwenkend, vor der Arbeiterkolonne her und wird von der Polizei als vermeintlicher Aufrührer verhaftet; bei der ganzen Abfolge schüttelt es mich jedes Mal vor Lachen.

Diese Szene brachte Chaplin in den Verruf, ein Kommunist zu sein (und dürfte den Weg markieren, an dessen Ende sein Verhältnis mit Hollywood zerrüttet war). Ich frage mich, wie paranoid man sein mußte, um anhand dessen einen solchen Verdacht zu formulieren. Nee, echt nicht. Und nebenbei, Chaplins Tramp mag mitunter anarchisch sein, ein Anarchist bzw. Umstürzler ist er deswegen noch lange nicht.

Wollte man so etwas überhaupt mal vermuten, dann, ja puh, dann wäre ja eher noch die Frühstücksmaschine anfangs in der Fabrik in Betracht gekommen. Denn sie dient einzig dem Zweck, noch mehr Produktivität aus dem Arbeiter durch Verkürzung der Essenszeiten herauszuholen, ihn so maximal auszubeuten.

Chaplins Film steht nicht nur für all dies, sondern ist außerdem auch in Teilen vertont, wobei er (im weitesten Sinn) nur den Autoritäten Stimme verleiht. So steht er für die 'modernen Zeiten' des Industriezeitalters mit ihren Herausforderungen für die Gesellschaft einerseits, markiert aber auch den Aufgang eines neuen Zeitalters im Kino (sowie das Ende des Stummfilms). Was jenes andererseits für die Stummfilmstars der Zeit bedeutete, wurde in anderen Werken bereits thematisiert.

Systemsprenger

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Hoffentlich keine bleibenden Blessuren

30.11.2019

Man muß sich ja um die kleine Helena regelrecht sorgen, sie möge keine bleibenden Blessuren an der Seele davongetragen haben, so wie sie sich in Fingscheidts verstörendem Film verausgabte. Ein unglaubliche Leistung, die für den Zuschauer die Grenzen zwischen Schauspiel und Realität verschwimmen läßt. Wie kann ein kleines Kind das so spielen? Vermutlich eben deswegen, weil es (noch) ein kleines Kind ist.

In Bennis Mutter enthält der Film gewissermaßen sein eigenes Prequel, denn so haltlos und überfordert wie sie ist, wird ihr eigener Werdegang ähnlich desaströs verlaufen sein wie jener der Tochter. Das ist ein valides Abbild der Geschichte vieler junger Menschen in der heutigen Zeit; verkrachten Verhältnissen entstammend, kommen sie mit den immer dynamischeren Anforderungen an sich selbst nicht mehr klar. Kommen dann kleine Kinder hinzu, wird das Verhängnis an die nächste Generation vererbt.

Schauspielerisch nicht überzeugend war der Film für mich nur an dem einen Punkt, wenn die Betreuer zum Beratungsgespräch zusammensitzen. Im Gegensatz zum Rest wirkte das holzschnittartig. Aber vielleicht sollte das so sein; passte es doch zum schablonenartigen Vorgehen, mit dem der fürsorgliche Sozialstaat Fälle wie den einer Benni im realen Leben zu lösen versucht: Erst Maßnahme A. Greift die nicht, dann Maßnahme B. Greift die nicht, dann.. usw. Bennis eigenes Empfinden, wie sie ihr schief aufgegleistes Dasein wahrnimmt, bleibt dabei außen vor. Und recht bald, wenn das nicht funktioniert, wird ein junges Leben mit dem wenig charmanten Begriff Systemsprenger etikettiert, der bei mir eine ziemlich negative Konnotation evoziert. Das drückt auch ein Stück weit aus, wie hilflos man letztlich gegenüber denen ist, die nicht systemkonform sind bzw. werden.

Der Film ist als deutscher Kandidat für den Auslands-Oscar im Gespräch. Er hätte dies sehr verdient. Umso mehr, als daß ich es wichtig finden würde, daß man anderswo auch mal eine unübliche Ansicht deutscher Gegenwart vermittelt bekommt; anders als all die Kandidaten, die die tradierten Themen Drittes Reich und DDR behandelten.

Der Leuchtturm

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Alkohol im Dienst

30.11.2019

In punkto Idee, Kamera, Kulisse und Darsteller sind hier die Zutaten für einen richtig guten Film beisammen. Die Eggers-Brüder, von denen Regie und Drehbuch stammt, könnten gar ein neues Genre begründet haben; Historien-Gothic o.ä. Dazu die Tonspur, die für mich ein Anwärter auf den Oscar ist. Leuchtturm, Nebengebäude sowie das maschinenbetriebene Nebelhorn führen akustisch ein Eigenleben, das einen beeindruckt, wie das seit Arrival nicht mehr der Fall war.

Dafoe, der auch ohne Schminke jederzeit als zerknitterte Seekarte durchgeht, sowie Pattinson, durch den zeitgenössischen Schnauzbart bestens verkleidet, sind ideal ausgewählt und spielen sich mit vollem Körpereinsatz in einen Rausch. Still holt der Film zum Schlag aus. Man sitzt da und erwartet den Einschlag.

Tja, und ab da hätte es ein Drehbuch gebraucht, was diese Spannungskurve hätte durchhalten können.

Die Entwicklung, die stetig weg von der ratio führt, wird plötzlich inkonsistent. Eggers hat den Zuschauer bis dahin gut im Schwitzkasten. Plötzlich lockert er seinen Griff, mischt Elemente der Vernunft, Dialoge nämlich über die Herkunft der Charaktere, in den bis dahin gut funktionierenden Plot. Man entspannt sich und als Eggers die Spannungskurve fortzuführen sucht, findet man dahin nicht wieder zurück. Beginn bzw. Ursachen der Entwicklung sind zudem nicht überzeugend beschrieben, sie daher nicht plausibel. Ohne jetzt den Altmeister schon wieder bemühen zu wollen, aber im Overlook Hotel gab es halt 'externe' Gründe; das war mir plausibel genug. Das Delirium aufgrund fortgesetzten Schnapskonsums dagegen, das ist ein wenig dünn. Wenn da noch mehr gemeint war, fand ich es zu unleserlich. Ich war froh, als es vorbei war und neben mir hatten sie mit fortschreitender Dauer auch mehrmals aufs Display geguckt.

Nach dem, was ich mittlerweile gelesen habe, wäre das OmU eventuell wegen Dafoes stilecht im Idiom vorgetragenem Seemannsgarn hörenswert, gegen das Käpt'n Flint vermutlich wie ein Leichtmatrose geklungen hätte. Yo, ho, ho and a bottle of rum.

Joker

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Einen politischen Film

15.11.2019

hatte Regisseur Phillips zwar ausdrücklich nicht beabsichtigt. Aber davon ab, auch wenn die Handlung in den frühen Achtzigern spielt; wenn er Straßenschlachten sowie die Ignoranz der herrschenden Klasse gegen den einfachen Mann in der Menge inszeniert, befindet er sich verstörend nahe am Geschehen in den aktuellen Krisenherden. Is it just me, or is it getting crazier out there? so fragt sich Arthur Fleck gleich zu Beginn.

Vor dieser Kulisse liefert Phoenix eine regelrechte Blaupause für den Werdegang eines psychopathischen Mörders. Aus schwierigen Verhältnissen stammend, vernichtende Jugenderlebnisse, geprügelt, ausgelacht, in einer immer irrwitzigeren Welt den Bezug zur Realität verlierend, in die eigene Scheinwelt geflüchtet. Phillips' Film über diesen Grenzübertritt glänzt famos im Detail.

So ist Fleck, wenn er sich täglich die steile Treppe in der Bronx hinaufschleppt, an deren oberem Ende gleichwohl alles grau ist, wie ein moderner Sisyphos. Eine Metapher für sein Bemühen, in einer Welt zu reüssieren, in der es für ihn nichts gibt. Dagegen später als er sein erbärmliches Dasein in der Clown-Agentur quittiert, um letztlich der sinistre Joker zu werden, führt sein Weg auf einer Treppe - nach *unten* und ins Licht! Wobei dieses so gleißend ist, daß man nicht weiß, ob dies noch real ist oder bereits Beleg für Flecks Abschied von der Wirklichkeit. Er, der er sein mörderisches Dasein zusehends als Komödie begreift. Ein letztes Mal sieht man ihn die steile Treppe in der Bronx hinuntergehen, nun im Kostüm des ikonischen Schurkens, und trotz der Schminke bringt Phoenix einen Gesichtsausdruck finsterer Entschlossenheit hervor. Da ist einer, der seine dunkle Bestimmung gefunden hat. Zum Frösteln.

Phoenix ist die Attraktion dieses Films, seine physische Transformation zu dem schwindsüchtigen Loner schmerzlich beeindruckend, dessen pathologisches Kichern ein Kraftakt. Meine Erwartungen waren hier allerdings exorbitant, daher war ich am Schluß zufrieden, aber nicht so überwältigt wie erhofft. Ich hatte irgendwas erwartet, was mich schier aus dem Sessel hauen würde. Trotzdem à la bonne heure.

Angenehm, daß dies ein Stand-alone Film bleiben wird (und somit Hollywoods Saftpresse ausgeschaltet). Das war Phoenix eine Bedingung fürs Mitmachen. P.S.: Bei mir wurde übrigens auch geklatscht. Oder es war dieselbe Vorstellung.

Parasite

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Aufs Pferd geholfen

14.11.2019

Den allgemeinen Jubelarien mag ich mich leider nicht anschließen. Ich fand den Film viel zu oberflächlich, die vielen Meriten, die die Kritik ihm bereits an die Brust geheftet hat, zu wenig herausgearbeitet. Die Charaktere wirken alle wie mit der Laubsäge ausgesägt. Es findet keinerlei Entwicklung statt. Auch die durchaus vorhandenen gesellschaftskritischen Motive, etwa der Gegensatz zwischen den Familien Kim und Park, die einen bettelarm, die anderen selbstvergessen im Wohlstand schwelgend, was man als Unkundiger der dortigen Gesellschaft gerne ein wenig mehr beleuchtet bekommen hätte, oder ob jemand nett und gönnerisch nur ob seines Reichtums sein kann, liegen nur unzureichend entwickelt herum.

Nachdem sich das zu Beginn grob geschnitzte Schauspiel auf ein einigermaßen erträgliches Niveau eingepegelt hat, gelingt es Bong bis zu dem Punkt, wo die Haushälterin an der Tür klingelt, immerhin eine freche Schummelgeschichte aufzuziehen. Dann passieren soviele unglaubwürdige Dinge, auch in dem, wie sich manch einer verhält, daß man schließlich mehr abwinkt als schmunzelt. So die Sache mit dem Morse-Code; jener, der ihn sendet, woher will er wissen, daß ihn jemand anders lesen wird? Am Schluß habe ich nur noch auf den Abspann gewartet.

Tut mir leid, aber ich habe mittlerweile folgenden Eindruck: Ein 'Film der Woche' wird so etikettiert, weil er a) unbestreitbar herausragt, b) es sich um den neuen Tarantino (Jarmusch, von Trier, Anderson, Almodóvar etc.) handelt ODER c) weil er so seltsam ist, daß man in Sorge um das Einspielergebnis meint, ihm ein wenig 'aufs Pferd helfen' zu müssen. Diesen hier sehe ich in der letzten Kategorie.

Ad Astra – Zu den Sternen

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Doubt in Space

14.11.2019

Auch wenn es spektakulär ins tiefe Weltall geht (und dies von den üblichen, an Kubrick gemahnenden Bildern begleitet wird), im Kern dreht sich der Film um den menschlichen Selbstzweifel. Für das Genre, das sonst vornehmlich Heldentypen produziert, eine unerwartete, gleichwohl interessante Facette.

Roy, Offizier und Astronaut, könnte eigentlich stolz auf sein Erreichtes sein, stellt sich jedoch ständig infrage, fühlt sich kaum. Bald wird klar, wo die Gründe dafür liegen. Der eigene Vater, Astronauten-Legende und visionärer Erforscher des Weltraums, blickte abschätzig auf die eigenen Angehörigen, die ihm kleingeistig vorkamen. Dieses Trauma der übermächtigen, abweisenden Vaterfigur ist Roys Begleiter auf einer aus den Fugen geratenden Odyssee an den Rand des Sonnensystems, wo -neben dem Missionsziel- die Chance auf Befreiung davon wartet. Und wer hätte das gedacht, mit seinen Zweifeln an sich selbst ist Roy auf der Reise nicht allein.

Hauptdarsteller Pitt, der sich im Spätsommer seiner Karriere längst vom Sexsymbol/Enfant terrible zum Charakterdarsteller entwickelt hat, steht die selbstreflektierende Rolle alleine schon aufgrund seiner Lebenssituation gut zu Gesicht. Den beständig nagenden Zweifel transportiert er mit zurückgenommenem Schauspiel; siehe auch sein gesenktes Haupt auf einem der Kinoplakate. Das Drehbuch leistet sich zwar einige Stolperer. So war die Episode mit den Piraten mMn fragwürdig und wie Roy zu seinem Anschlußflug kommt, mehr als hanebüchen. Aber durch den Zirkelschluß; Roys Monolog, den er einmal dienstlich als Astronaut, danach aber nochmal als nun empathische Privatperson spricht, wodurch sich Ton und Bedeutung komplett verschieben, bekommt der Film letztlich eine zufriedenstellende Punktlandung hin.

Nimm Dich selbst so an, wie Du bist, so könnte man die versöhnliche Botschaft formulieren. Außerdem, daß Pitt auch Science-fiction kann. Und Leute, solltet Ihr jemals zum Mond fliegen, verzichtet bloß auf die Zubuchung von Kopfkissen und Zudecke im Shuttle. Das wird dann nämlich richtig teuer ;).

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Licorice Pizza

Film.

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