Vor Kurzem, am 19. Mai, war der vom griechischen Parlament im Jahr 1994 festgelegte „Gedenktag zum Völkermord an den Pontos-Griechen“. Heute verurteilen weitere Staaten und Historiker jene Geschehnisse als Völkermord, andere wenden sich gegen diese Einschätzung. Fest steht: Krieg hinterlässt Spuren bei jedem Volk und auf allen Seiten. Wichtig ist es erst einmal, einen Zugang zu einer vielleicht unbekannten Geschichte zu finden.
Die Geschichte der Pontosgriechen und generell der Griechen Kleinasiens ist ein wichtiges, oft ignoriertes Thema. Auch im europäischen Geschichtsverständnis geht die Kleinasiatische Katastrophe von 1922 praktisch unter. Auch meine Urgroßeltern flüchteten vom Pontos, in der Nähe Sampsountas, um von dort aus mit dem Schiff zur Insel Lefkada zu fahren. Von dort aus ging es an den Hafen Thessalonikis und dann weiter in den makedonischen Norden Griechenlands nach Kilkis zum Dorf Fanari, das nach dem Stadtteil, in dem sich das Patriarchat Konstantinopels befindet, benannt ist. Noch heute leben meine Verwandten dort. Sollte es nicht der Anspruch sein, seine eigene Geschichte aufrecht zu erhalten?
Genau dies hat sich Bärbel Maria Laftsidis-Krüger zur Aufgabe gemacht, Autorin des halb-biografischen Romans „Vom Pontos in den Pott“. Im Jugendzentrum Falkenheim in Bochum stellte die Autorin ihr neues, selbst-publiziertes Buch vor. Die Veranstaltung wurde vom Griechischen Erziehungs- und Bildungsverein Bochum organisiert.
Laftsidis-Krügers Roman beginnt im Jahr 1860 und deckt elliptisch die folgenden 100 Jahre ab. Wie es der Titel des Buches schon sagt, geht es nicht nur um die Flucht aus Kleinasien, sondern auch um die Auswanderung der „Gastarbeiter“ nach Deutschland ins Ruhrgebiet bis nach Wanne-Eickel und manchmal auch bis unter Tage in den Bergbau.
Der Roman handelt vom Zusammenleben von Griechen und Türken, von der Flucht im Jahr 1922, von Ankunft und Leben in Thessaloniki und schließlich von der Auswanderung nach Deutschland in den 60er Jahren. Bewusst werden fiktionale Versatzstücke in die Geschichte eingebaut – auch eine Liebesgeschichte fehlt nicht. Die Familiengeschichte basiert auf den Erzählungen des Vaters der Autorin, der leider die Publikation und Vorstellung des Buches nicht mehr miterleben konnte. Bewusst lässt die Autorin Schlachtbeschreibungen, Kriege und vor allem ein schuldzuweisendes Urteil aus. So fehlen die Metaxas-Diktaktur, der griechisch-italienische Krieg, die deutsche Besatzung und der griechische Bürgerkrieg. Aber dazu gibt es auch andere Autoren.
Die Idee ist lobenswert, da es wahrscheinlich der erste in Deutschland geschriebene Versuch eines belletristischen Ansatzes des Stoffes ist, also eine Kombination aus dokumentarischer Familiengeschichte und fiktionalisierter Prosa. Ein gigantisches Thema, denn es ist nicht einfach, einhundert Jahre griechische Geschichte auf 450 Seiten mit konstantem literarischen Niveau zu verdichten. Welche Informationen gehören hinein, welche lässt man weg, wo liegt der Fokus, was möchte man dem Leser übermitteln? Laftsidis-Krüger erreicht durch die Auslassung ‚schwerer‘ Themen eine prosaische Leichtigkeit mit einfachen Charakteren, erklärenden Dialogen und Beziehungskonstellationen, die sich aber so angenehm in die komplexe Struktur einbetten lassen. Dadurch wirken einige wichtige Themen oberflächlich und historisch unreflektiert, während andere Beschreibungen äußerst offenbar authentisch und sorgfältig recherchiert sind. Eins ist klar: Die Autorin liebt Griechenland und ist fasziniert von ihrer Familiengeschichte. So wird ein großer Abschnitt griechischer Geschichte verarbeitet, der als Überblick vor allem für jüngere Generationen oder ein deutsches Publikum dient.
Nach der Lesung gab es Live-Musik von Iannis Ikonomou und dem fantastischen Bouzouki-Spieler Vangelis Dalatsis, der ganz zufällig meine Lieblings-Rembetika des großen Markos Vamvakaris spielte. Gerade diese Klänge verweisen auf Kleinasien, wo sie sich zu einer Musik des Untergrunds entwickelten, die nicht nur die Heimat besang, sondern auch Politik, Frauen, Drogen, Verbrechen und Gefängnis. Während der Diktatur verbot Ioannis Metaxas diese Musik. Einige Musiker landeten im Exil. Mittlerweile ist der Rembetiko Teil der griechischen Populärkultur. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.
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