
Köln 75
Deutschland, Polen, Belgien 2025, Laufzeit: 110 Min., FSK 12
Regie: Ido Fluk
Darsteller: Mala Emde, John Magaro, Michael Chernus
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Dramedy über ein einzigartiges Konzert im Köln der 70er-Jahre
Prinzip Improvisation
„Köln 75“ von Ido Fluk
Der Vergleich zu Beginn des Films irritiert: hier Keith Jarrett auf der Bühne, dort Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle. Man hätte gerne Jarrett 1975 auf der Bühne der Kölner Oper erlebt, hören wir eine Erzählerstimme, wo das meistverkaufte Jazz-Solo-Album der Geschichte – „The Köln Concert“ – aufgenommen wurde. Mindestens genauso gerne hätte man Michelangelo beobachtet, wie er auf einem wackeligen Holzgerüst steht und die Fresken malt. Nicht nur ist der Vergleich etwas gewagt. Der Film zeige zudem weder das Eine noch das Andere, so der Kommentar aus dem Off, sondern das Gerüst.
Für das Gerüst – nicht Michelangelos Holzgerüst für die Fresken, sondern das Gerüst von Keith Jarretts Köln Concert – ist eine junge Frau verantwortlich: Vera Brandes stammt aus konservativem Haus, gehobene Mittelschicht. Schon mit 15 Jahren beginnt sie, Jazzkonzerte zu veranstalten, als sie mit ihrer sehr selbstbewussten und ziemlich frechen Art den deutlich älteren Saxophonisten Ronnie Scott kennenlernt. In der Schule meist übermüdet, veranstaltet sie von nun an unter dem Banner „New Jazz in Cologne“ zahlreiche Konzerte, reist noch minderjährig zu den vom deutschen Jazz-Papst Joachim-Ernst Berendt gegründeten Berliner Jazztagen, wo sie Miles Davis und auch Keith Jarrett live erlebt. Daraufhin ergreift sie ihre Chance, ein Konzert mit dem ungewöhnlichen Pianisten, der zuvor u.a. auf mehreren Live-Alben von Davis zu hören war, zu organisieren. Die großen Hürden, den Musiker zu diesem Konzert zu bewegen, die Kölner Oper davon zu überzeugen, nach der Freitagabendaufführung von Alban Bergs „Lulu“ den Saal noch einmal um 23 Uhr für ein Jazzkonzert zu vermieten und die dafür nötigen 10.000 DM aufzutreiben, waren im Nachhinein noch die geringsten Probleme, die die zu dem Zeitpunkt 18-jährige Brandes zu bewältigen hatte. Denn nach einer Nachtfahrt von Lausanne nach Köln in einem R4 ist Jarrett nicht nur übermüdet, sondern auch von starken Rückenschmerzen gepeinigt. Der Pianist hat sowieso schon wenig Lust, an diesem verregneten Januarabend in Köln auf die Bühne zu treten. Als dann anstelle des bestellten Bösendorfer Imperial-Flügels ein nicht nur generell zu leiser, sondern auch defekter und verstimmter Probeflügel auf der Bühne steht, ist für Jarrett klar, dass er nicht spielen wird. Selbst wenn es das letzte Klavier auf der Welt sei, so Manfred Eicher (Alexander Scheer), sein Labelchef von ECM, würde er darauf nicht spielen. Von der geplanten Aufnahme für eine Schallplattenveröffentlichung will Jarrett schon gar nichts wissen.
Auch wenn man durch das allseits bekannte Doppelalbum natürlich weiß, dass die Geschichte am Ende gut ausgegangen ist: Ido Fluks Umsetzung seines eigenen Drehbuchs baut zum Finale hin große Spannung auf. Zu Beginn aber skizziert der Film die gesellschaftliche Stimmung Mitte der 1970er-Jahre sehr genau: das gebrochene Verhältnis einer ganzen Generation zu den Eltern, vor allem den Vätern, die noch zur verhärmten Kriegsgeneration zählen; das Aufbegehren der jungen Menschen, insbesondere der jungen Frauen, im Zuge des Feminismus; den Einfluss der Rockmusik, hier am Beispiel der Kölner Bands Floh de Cologne und ihrem theatral umgesetzten „Fließbandbaby“ und vor allem der wichtigsten Kölner Band überhaupt – Can (die hier sinnigerweise mit ihrer Filmmusik als Musik im Film vorkommen). Vera Brandes steht für die junge Generation und für den Feminismus, nicht aber für die Rockmusik. Sie hat sich komplett dem Jazz verschrieben, für den sie große Risiken in Kauf nimmt. Es macht großen Spaß, Mala Emde als Brandes mit viel Verve durch die Szenerie wirbeln zu sehen. Brandes wird als (beinahe scheiternde) Heldin gefeiert – eine junge Frau, die sich gegen eine Männerwelt und die ältere Generation behauptet. Das inszeniert der Film mit guten Punchlines und gezielten Gags vor der in Bezug auf Mode und Mobiliar dankbaren historischen Kulisse der 1970er Jahre. Und zwischendrin gibt es auch noch launige Nachhilfe in Jazzgeschichte.
Den Artikel zur Publikumspremiere im Kölner Cinenova finden Sie hier
(Christian Meyer-Pröpstl)

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