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Brachten den feministischen Protest auf die Bühne: Die Schauspielerinnen Schönfeld, Kleinpaß und Lantin (v.l.n.r.)
Foto: Lukas Zaner

Gendergebrabbel und Revolutionsrhetorik

19. März 2016

„Pussy Riots. Lesung mit aufständischen Frauen“ am 18.3. im Schauspiel Essen – Literatur 03/16

Die Fahrgäste haben auf ihren Smartphones bereits auf Rec gedrückt. Sie filmen, wie Figuren in quietschbunten Sturmhauben, hellen Strumpfhosen und Doc Martens bunte Bonbons in die Menge werfen und ihr politisches Anliegen verbreiten. Das dröhnt musikalisch aus den mitgebrachten Boxen: „Tötet die Sexisten!“. Wie man erfährt, das erste Lied der Punkrock-Aktivistinnen „Pussy Riot“, das auch bei dieser Tour durch die Stadt nicht fehlen darf. Doch die Aktion endet, wie so viele zuvor, je mit einer Verhaftung durch die russische Polizei.

Eine Aktion zwischen avantgardistischem Happening und zivilem Ungehorsam. Eine neue Protestkultur wollte man, einen „Punk-Feminismus“. Was die feministischen Aktivistinnen von „Pussy Riot“ von ihrem regierungskritischem Kampf gegen das patriarchalische System unter Putin dokumentiert haben, ist an diesem Abend oft das Material, das die Schauspielerinnen Floriane Kleinpaß, Lisan Lantin und Stephanie Schönfeld in der Heldenbar vortragen.

 

„Every kiss begins with a riot“

 

Im Rahmen der TUP-Festtage, die in diesem Jahr unter dem Motto „Unbeschreiblich weiblich“ laufen, lesen die die drei im Essener Grillo-Theater Texte aufmuckender Frauen aus verschiedenen Jahrhunderten. Auf der Bühne steht ein Haufen Autoreifen. Barrikaden? Denn um nicht weniger als um Bambule gegen das Patriarchat geht es etwa in „Anleitung für eine Revolution“. In dem Buch, aus dem an diesem Abend einige Abschnitte gelesen werden, schildert das frühere Pussy-Riot-Mitglied Nadja Tolokonnikowa ihren feministischen Kampf – nicht ohne zuweilen aphoristische Rhetorik: „Every kiss begins with a riot.“ Erzählt wird auch von der staatlichen Repression im autoritären Putin-Staat: „Aufgrund meiner Nicht-Teilnahme an einem Schönheitswettbewerb hat mir das Gericht eine vorzeitige Entlassung verweigert.“

 

Der Kampf gegen einen solchen Zwang, sich Schönheitsidealen und Rollenmustern zu fügen, wird in anderen Texten an diesem Abend auch theoretisch hinterfragt, etwa in Simone de Beauvoirs Klassiker „Das andere Geschlecht“: „Gibt es überhaupt Frau? Was ist eine Frau?“ Wozu die existenzialistische Philosophin damals den Anstoß gab, wird auch in aktuellen Diskursen aufgegriffen.

 

„Bitch-Stöhn-Konzert-Kunde“

 

„Jetzt machen Sie doch mal mit. Wir machen uns alle zum Affen“, fordern schließlich die Schauspielerinnen auf der Bühne das Publikum auf, in der angekündigten „Bitch-Stöhn-Konzert-Kunde“ miteinzustimmen. Nach der ironisch gebrochenen Gender-Devise, eine echte „Bitch“ zu sein, wird das Stöhnen von Tennis-Spielerinnen nachgeahmt: Vom Serena-Williams-Starter über den Steffi-Graf-Gnadenstoß („reflektiert den wiederkehrenden Pimmel“) bis zum Anna-Kurnikowa-Klassiker („die bitchigste Variante“). Revolutionsrhetorik verpufft hier zuweilen in selbstgefälliges Gendergebrabbel, irgendwo zwischen punkigem Spaßkrawall und systemkritischer Aktion. Das untermauert auch die spannende Lesung: Ein kurzweiliger Bühnenauftritt und progressive Texte gegen den, wie es Nadja Tolokonnikowa nennt, „verfickten Phallozentrismus“.

 

Applaus in der vollen Heldenbar. Aber für den politischen Gehalt oder die freche Performance? Wenn man will, stellte sich diese Frage ja schon bei den Aktivistinnen von Pussy Riot.

Benjamin Trilling

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