
„Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten.“(Aldous Huxley)
Während ich diese Zeilen schreibe, findet die Frankfurter Buchmesse statt, eine der wichtigsten internationalen Veranstaltungen der Buch- und Verlagsbranche. Wenn Sie diese Zeilen lesen, werden die Hallen geschlossen und das große Literaturspektakel vorüber sein. Was zählt eigentlich zur Literatur? Wie sehr sich die Vorstellungen davon wandeln, zeigt der Umgang mit Comics. Für meine Eltern galten sie als Schund. Als Kinder durften wir uns keine kaufen und lasen deshalb heimlich ausgeliehene Hefte. Wehe, man wurde in der Schule mit einem Comic erwischt! Auf der Frankfurter Buchmesse hingegen erhielten Comics im Jahr 2000 mit dem Schwerpunkt „Faszination Comic“ erstmals eine eigene Bühne. Seitdem bevölkern Fans in fantasievollen Kostümen als Comic- und Mangafiguren alljährlich das Messegelände. Zehn Jahre, nachdem Comics zu Literatur geadelt wurden, kamen Games und Musik hinzu. Immer sind auch die Stars und Sternchen der Branche dabei. Standen früher vor allem Schriftsteller:innen im Rampenlicht, gesellen sich heute immer mehr auch Schauspieler:innen, Musiker:innen, Politiker:innen, Sportler:innen oder Tiktok-Influencer:innen dazu. Sie alle schreiben Bücher.
Mit einem Comic erwischt!
Während meine Eltern Comics verabscheuten, fand ich sie als Mutter wunderbar. Mein Kind wurde zum Vielleser mit Walt Disneys „Lustiges Taschenbuch“ und Jeff Kinneys „Gregs Tagebuch“,einer Mischung aus kurzen Texten und comicartigen Zeichnungen. Es ist weniger entscheidend, ob Kinder zum „klassischen“ Buch oder zum Comic greifen. Wichtig ist, dass sie überhaupt lesen und Freude daran entwickeln. Ein Comicroman ist deshalb keine Literatur zweiter Klasse, sondern kann eine Brücke sein – vom ersten Lesevergnügen zu längeren und anspruchsvolleren Büchern. Längst richten sich Comics nicht mehr nur an Kinder und Jugendliche. Auch für Erwachsene gibt es ein breites Angebot an oft anspruchsvoll erzählten Graphic Novels, die historische, autobiografische und gesellschaftliche Themen behandeln.
Mit Freude lesen
Wie soll man angesichts von mehr als 52.000 neuen Buchtiteln, die allein 2025 in Deutschland erschienen, wissen, was man lesen soll? Zwar ist die Zahl der Erstauflagen deutlich gesunken, 2019 waren es noch über 70.000, doch noch immer kommen rechnerisch jeden Tag rund 144 neue Bücher auf den Markt. Hier können Buchhandlungen, Bibliotheken, Literaturkritiker:innen und Preise Orientierung bieten. Längst bestimmen auch Bestsellerlisten, TV-Sendungen wie „Das Literarische Quartett“, Podcasts, soziale Medien und Booktok mit, welche Titel Aufmerksamkeit erhalten. Zunehmend steuern Algorithmen die Empfehlungen – nicht nach literarischer Qualität, sondern vor allem nach Klickzahlen, Verkaufsinteressen und unserem Verhalten. So entscheiden sie mit, welche Titel sichtbar und zu Bestsellern werden und welche unbeachtet bleiben. Doch ist ein Bestseller automatisch ein wertvolles Buch? Wer sitzt in der Jury, die über einen Literaturpreis entscheidet? Muss mir ein Titel gefallen, nur weil Thea Dorn ihn gut findet? „Es ist ein großer Unterschied, ob ich lese zum Genuss und Belebung oder zur Erkenntnis und Belehrung“, meinte Goethe. Ist es das wirklich? Geht es nicht vielmehr darum, Lesen als eine Bereicherung zu empfinden und Freude daran zu haben, egal, was man liest? Das richtige Buch ist oft jenes, das uns im richtigen Augenblick begegnet – sei es ein aktueller Gesellschaftsroman, eine Graphic Novel, oder ein Klassiker wie „Brave New World“.
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Wutbildung
Intro – Belesene Gesellschaft
„Bücherlesen ähnelt einer demokratischen Verständigung“
Teil 1: Interview – Literaturkritikerin Insa Wilke über klassische und neue Literaturkritik
Literatur ohne Bindestrich
Teil 1: Lokale Initiativen – Das Festival Literaturdistrikt in Essen
Druck lass nach
Teil 2: Leitartikel – Das Ende der Literatur wie wir sie kennen?
„Mit der heißen Nadel gestrickt“
Teil 2: Interview – Lektorin und Schriftstellerin Nina Weber gibt Einblicke in die Literaturbranche
Für eine Stadt, die schreibt und liest
Teil 2: Lokale Initiativen – Der Verein Literaturszene Köln
Bildschirm vs. Buch
Teil 3: Leitartikel – Über Lesekompetenzen in Smartphone-Zeiten
Lesen als Bürgerrecht
Gegen die Lesekrise – Europa-Vorbild Spanien
Bestseller im Liveticker
Literatur und Bildung als Events der Leistungsgesellschaft – Glosse
Die Natur nimmt sich Zeit – die wir nicht haben
Teil 1: Leitartikel – Über Naturschutz, Wirtschaft und politische Kurzsichtigkeit
Von Vorwand zu Vorwand
Teil 2: Leitartikel – Politik ist nicht getrieben, sie lässt sich einspannen
Die Demokratie endet mit einem Wimmern
Teil 3: Leitartikel – Politik muss begreifen: Die Bevölkerung ist systemrelevant
Das Spiel mit der Geschichte
Teil 1: Leitartikel – Was Videospiele über Gesellschaften erzählen
Virtuelle Resonanz
Teil 2: Leitartikel – Videospiele in der Psychotherapie
Um die Existenz spielen
Teil 3: Leitartikel – Was Videospiele mit der Wirklichkeit zu tun haben
Zweifel der Gesellschaft
Teil 1: Leitartikel – Erinnerungskultur muss sich von Ritualen verabschieden
Mehr als einem lieb sein kann
Teil 2: Leitartikel – NS-Erbe: Das Arbeitsrecht unterdrückt politischen Widerstand von Beschäftigten
Unser gemeinsames Einwanderungsland
Teil 3: Leitartikel – Wie wir eine freiere Zukunft gestalten können
Dubidu
Teil 1: Leitartikel – Reiz und Risiken niederschwelliger Verständigung
Benimm dich!
Teil 2: Leitartikel – Eine Gesellschaft kann nur frei sein, wenn sich ihre Mitglieder an Regeln halten
Alles Lüge!
Teil 3: Leitartikel – Duz-Kultur und falsches Wir-Gefühl verschleiern Interessenkonflikte auf der Arbeit
Klassenkampf von oben
Teil 1: Leitartikel – CDU und SPD wenden sich gemeinsam gegen arbeitende Menschen
Erst das Vergnügen
Teil 2: Leitartikel – Industriearbeit ist ein Auslaufmodell