Carla Simón ist es wieder gelungen: Nach ihrem preisgekrönten Film „Alcarràs – Die letzte Ernte“ (Goldener Bär, Berlinale 2022) hat sie mit „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“ erneut ein vielschichtiges Familiendrama geschaffen. Darin reist die 18-jährige Marina (Llúcia Garcia) Anfang der 2000er von Barcelona nach Galicien, um die Familie ihres früh an Aids verstorbenen Vaters kennenzulernen. Für ein Stipendium benötigt sie die Sterbeurkunde ihres Vaters, doch dieser ist darin als kinderlos vermerkt – ein Fehler? Begleitet wird Marina auf der Reise vom Tagebuch ihrer ebenfalls an Aids verstorbenen Mutter. Die beschreibt darin neben Drogenexzessen auch die leidenschaftliche Beziehung zu Marinas Vater in den 1980er Jahren. Mit dieser zweiten Zeitebene erzählt Simón neben einem Familiendrama zugleich ein Stück spanische Geschichte: „Romería“ ist nicht nur ein Porträt der Region Galicien, sondern auch ein Einblick in eine Gesellschaft im Umbruch nach dem Ende der Diktatur von Francisco Franco. In sommerlich-flirrenden Bildern fängt Simón die Sehnsucht und den Schmerz von Marinas Eltern ein. Marina hingegen kämpft mit der Kälte und dem Schweigen, die die Exzesse ihres Vaters in der Familie hinterlassen haben. Nach und nach lernt sie immer neue Tanten und Onkel kennen, trifft auf immer neue Geschichten und Sichtweisen – bis sie am Ende ihre Großeltern (José Ángel Egido und Marina Troncoso) kennenlernt und auf den Ursprung des Schweigens stößt. Wie schon in „Alcarràs“ ist eine der größten Stärken von „Romería“ der unaufgeregte Erzählstil, der den Film fast wie eine Dokumentation wirken lässt. Doch im Gegensatz zu „Alcarràs“ gibt Simón diesem Realismus hier einen magischen Touch: Im zweiten Teil vermischen sich die beiden Erzählebenen, Marina wird zu ihrer Mutter, ihr Cousin Suso (Mitch Martín) zu ihrem Vater. Das Ergebnis: Nicht nur ein Familien-, sondern ein Coming-of-Age-Drama, das die Sehnsucht und Flüchtigkeit des Erwachsenwerdens einfängt.
Frankreich in den 80er Jahren, ein tödliches Virus sucht die Menschheit heim. Als die dreizehnjährige Alpha (Mélissa Boros) mit einem geritzten Tattoo von einer Party nach Hause kommt, ist ihre Mutter (Golshifteh Farahani) zutiefst besorgt. Dann taucht Alphas Onkel Amin (Tahar Rahim) auf – ein Junkie. Julia Ducournau („Raw“, „Titane“) entführt uns erneut durch erhaben abstrahierte Abgründe, ohne aber diesmal ins Genre abzudriften: Mit poetischer Wucht, schmerzhafter Körperlichkeit und visueller Brillanz – die Infizierten verwandeln sich zu marmorierten Geschöpfen – erzählt die Regisseurin in „Alpha“ von einer alles zersetzenden Mutterliebe. Eine packende Odyssee durch Angst, Verlust, Trauma, Ohnmacht und Ausgrenzung, durchlebt aus dem Blickwinkel einer verirrten Jugendlichen.
Außerdem neu in den Ruhr-Kinos: die Liebesgeschichte „Als wäre es leicht“ von Milan Skrobanek, das Portrait „Siri Hustvedt – Dance Around The Self“ von Sabine Lidl, das Vater-Tochter-Drama „A Missing Part“ von Guillaume Senez, die fragwürdig-schwarze Beicht-Komödie „Das Drama – Noch mal auf Anfang“ von Kristoffer Borgli, die harmlose Segeltörn-Doku „Segeljungs – Mit null Ahnung um die Welt“ von Tim Hund und Tobias Steinigeweg, die x-te Hugo-Adaption „Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean“ von Eric Besnard und, bereits ab Mittwoch, der Animationskracher „Der Super Mario Galaxy Film“ von Aaron Horvath, Michael Jelenic.
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