
Ava
Frankreich 2017, Laufzeit: 105 Min., FSK 12
Regie: Léa Mysius
Darsteller: Noée Abita, Laure Calamy, Juan Cano
>> ava-film.de
Humorvoll anarchisches Spielfilmdebüt
Jugendliche Revolte
„Ava“ von Léa Mysius
Sie hat die Augen mit einem Schal verbunden. Vorsichtig balanciert sie auf einer Mauer, die das Dach eines zweistöckigen Wohnhauses einrahmt. Mit einem Stock ertastet sie den Abgrund vor sich. Diejenige, die dort so kühn und waghalsig balanciert, ist Ava, ein pubertierendes Mädchen. Ihr Balanceakt ist akrobatisch. Es ist aber auch ein Balanceakt zwischen Kindheit und Erwachsensein. Und eine Balance zwischen Mut und Verzweiflung.
Die 13-jährige Ava (Noée Abita) verbringt die Sommerferien mit ihrer Mutter Maude (Laure Calamy) und ihrer kleinen Schwester, die noch ein Baby ist, am Meer. Während sich die alleinerziehende Mutter einen neuen Lover anlacht, hängt Ava gelangweilt am Strand ab. Mitunter passt sie auch widerwillig auf ihre kleine Schwester auf. Für Ava ist das wirklich nicht der Urlaub, den sie sich gewünscht hat. Aber es hängt außerdem ein sehr großer Schatten – und das ganz im eigentlichen Wortsinn – über den Tagen am Meer: Ava hat eine Augenkrankheit, und der letzte Besuch beim Augenarzt brachte keine guten Nachrichten. Bei Dämmerung und Dunkelheit ist Avas Sicht zunehmend schlecht, der Blick wird zunehmend von Schatten am Rande des Sichtfeldes eingeschränkt, wie bei der sogenannten Irisblende, der Kreisblende am Ende eines alten Stummfilms. In nicht allzu langer Zeit wird sie nachtblind sein, und schon bald darauf könnte sie komplett erblinden. Das Schlimmste daran, sagt Ava: „Ich habe nur das Hässliche gesehen.“
Damit meint sie in ihrer Wut ihre peinliche Mutter, die ständig mit ihr über Sexualität sprechen will. Sie meint ihre nervige Schwester, für die sie den Babysitter spielen muss. Sie meint aber auch die berittenen Polizisten am Strand, die den Herumtreiber Juan einkassieren. Dessen Hund hat es Ava angetan, und mit dem Mut der Verzweiflung, die die Einsamkeit ihrer Situation ihr verleiht, entführt sie den Hund. Als Juan wiederum von Leuten aus dem Dorf attackiert wird, geht sie mit dem Hund, den sie Lupo getauft hat, zu Juans Unterschlupf in einem alten Weltkriegsbunker am Strand, um ihm zu helfen. Zwischen den beiden entwickelt sich eine zögerliche Freundschaft, die schon bald enger wird, als sie gemeinsam die Kraft des Widerstands und den Geschmack der Freiheit von den gesellschaftlichen Zwängen erleben. Sie werden ein jugendliches Bonnie & Clyde-Paar.
Das Spielfilmdebüt der 29 Jahre jungen französischen Regisseurin Léa Mysius ist in helles Licht getaucht. Gedreht wurde auf analogem 35mm-Filmmaterial, um diese strahlende Farbigkeit zu betonen, von der Ava fürchten muss, dass sie ihr bald abhanden kommt. Sie kommt auch dem Film zunehmend abhanden: Parallel zur Verschlechterung von Avas Augen spielt der Film immer mehr im Dämmerlicht. Zugleich wird er erzählerisch immer freier. Denn so wie Ada mit dem Balanceakt auf dem Dach versucht, ihre anderen Sinne auf die zu erwartende Erblindung vorzubereiten, indem sie sie schärft und ihren Körper mehr und mehr erforscht, so erkämpft sie sich zunehmend die Freiheiten in der Gesellschaft – und jenseits davon. Das Spielerische, das diese Szenen begleitet, erinnert an die humorvoll-anarchistischeren Momente der Nouvelle Vague. Es ist die Revolte eines Teenagers gegen die Welt der Erwachsenen. Die Schauspiel-Debütantin Noée Abita, beim Dreh war sie siebzehn Jahre alt, füllt die Freiheit der Regie mit einer latent aggressiven Keckheit, die beeindruckt.
„Ava“ ist ein jugendlicher Befreiungsschlag, der ein großes Drama mit Humor und viel Fantasie erzählt. Wenn Ava und Juan nackt und in Kriegsbemalung Strandbesucher jagen, dann werden Assoziationen vom archaischen Kampf bis zum dezent militanten Hippie-Traum abgerufen. Dass sich der Widerstand der beiden auch gegen die Polizei richtet, die den Roma Juan drangsaliert, ist eine zusätzliche Ebene des Films, die jüngere xenophobe Entwicklungen nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa aufgreift. Aber auch da verliert der Film dank der resoluten Protagonistin nie seinen entwaffnenden Charme. Ein rundum beeindruckendes Debüt.
Cannes 2017: Prix SADC – Preis der frz. DrehbuchautorInnen
(Christian Meyer-Pröpstl)

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