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Icíar Bollaín bei den Dreharbeiten von „Yuli“ mit Edlison Manuel Olbera Núñez und Keyvin Martínez.
Foto: Presse

„Er war ein Tänzer, der nicht tanzen wollte“

20. Dezember 2018

Icíar Bollaín über „Yuli“ – Gespräch zum Film 01/19

Icíar Bollaín, die 1967 in Madrid geboren wurde, begann ihre Karriere 1983 als Schauspielerin. Sie trat in Filmen wie „Aus dem Jenseits“ auf, wandte sich dann aber mehr und mehr der Filmregie zu. Nach Erfolgen mit „Öffne meine Augen“ und „El Olivo – Der Olivenbaum“ hat Bollaín mit „Yuli“ nun ihren neunten Langfilm inszeniert und damit die Autobiografie des kubanischen Tänzers Carlos Acosta verfilmt. Kinostart ist der 17. Januar.

trailer: Frau Bollaín, soviel ich weiß, ist „Yuli“ Ihr erstes Biopic. Was hat Sie an der Geschichte interessiert?

Icíar Bollaín: Das stimmt nicht ganz, „Katmandú, un espejo en el cielo“ aus dem Jahr 2011 war auch schon ein Biopic, aber das ist einer meiner weniger bekannten Filme. Der Film war inspiriert vom Leben einer katalanischen Lehrerin, Victòria Subirana. Also ist „Yuli“ eigentlich schon meine zweite biografische Geschichte. Ich wurde auf das Thema durch meinen Drehbuchautoren Paul Laverty aufmerksam. Die britische Produktionsfirma war auf Paul zugegangen, und er hatte mich als Regisseurin vorgeschlagen. Nach unserer Zusammenarbeit an „El Olivo – Der Olivenbaum“ wollten wir gerne wieder zusammenarbeiten. Carlos Acostas Geschichte ist meiner Meinung nach sehr faszinierend und bemerkenswert. Er war immerhin ein Tänzer, der nicht tanzen wollte. Für ihn war es nicht die Erfüllung eines Lebenstraumes, sondern das genaue Gegenteil! Und trotzdem hat er es am Ende geschafft und ist zu einem der besten Tänzer seiner Generation geworden. Was unter diesen Umständen umso erstaunlicher ist. Auch die Geschichte mit seinem unerbittlichen Vater hat es in sich. Carlos hat seine Autobiografie seinem Vater gewidmet, es gibt sicherlich einen Platz in seinem Herzen für ihn, aber ihre Beziehung war nicht immer einfach. Außerdem liefert die Geschichte einen anderen Blick auf Kuba, keinen politisch motivierten, sondern einen familiären. Es gab also für mich eine ganze Menge unterschiedlicher Aspekte in dieser Story zu entdecken, und Carlos ist eine sehr charismatische Person.

Carlos ist aufgrund seiner ursprünglichen Abneigung gegenüber dem Ballett alles andere als ein klassischer Held einer solchen Geschichte. Kann man heutzutage, nach all seinen Erfolgen in seinem Beruf, diese Abneigung noch immer spüren?

Nein, ganz im Gegenteil! Er war auch ganz begeistert, einen Film über sein Leben zu drehen. Er hat auch immer gesagt, dass das Schreiben seiner Autobiografie eine Art Therapie für ihn war, bei der er mit seiner Vergangenheit ins Reine kam. Es gab ein paar Versuche, sein Buch zu verfilmen, bis wir schließlich ins Spiel kamen. Als Paul Laverty zu Recherchezwecken in Kuba war und Carlos mit seiner Tanzkompanie beim Arbeiten und den Proben beobachtete, entschloss er sich, das ebenfalls in den Film einfließen zu lassen. Wir fragten Carlos daraufhin, ob er etwas dagegen hätte, selbst im Film aufzutreten. Er war zunächst skeptisch, weil er befürchtete, diesen Film über sich dadurch zu ruinieren, weil er sich nicht für einen Schauspieler hält. Aber er ist ein Mann, der die Herausforderungen liebt, deswegen hat er sich dann doch darauf eingelassen.

War es auch für Sie eine besondere Herausforderung, mit Carlos Acosta an der Verfilmung seines Lebens zu arbeiten?

Natürlich ist es eine besondere Herausforderung, wenn man die Geschichte eines Menschen verfilmt, der noch am Leben ist. Wenn derjenige dann sogar noch selbst im Film auftritt, ist es sogar eine doppelte Herausforderung. Aber Carlos hat uns bereits im Anfangsstadium vertraut, denn er liebte das Drehbuch und hat sich schon bald in nichts mehr eingemischt. Er hat beim Casting und einigen weiteren Entscheidungen seine Meinung eingebracht, aber auch schon schnell klargemacht, dass sein Talent im Tanzen liegt, und unseres im Filmemachen. Er mochte auch unsere vorangegangenen Arbeiten, insbesondere „El Olivo – Der Olivenbaum“, und hat uns deswegen einfach machen lassen. Als wir die Kinder- und Jugendszenen drehten, war Acosta auf Tournee. Er hat das alles erst gesehen, als es schon fertig war.

„Yuli“ hat eine wunderbare Kameraarbeit und toll choreografierte Tanzszenen. Konnten Sie sich dabei künstlerisch auch einbringen oder überließen sie das Ihren jeweiligen künstlerischen Mitarbeitern?

Ich bin schon in all das mit involviert gewesen. Mein Chefkameramann, Alex Catalán, ist einer der besten in Spanien, und er hatte eine Menge guter Ideen, die wir dann aber gemeinsam durchsprachen. Die Art, wie wir die Tanzszenen drehten, erwies sich im Vorfeld als größeres Problem, über das wir uns lange austauschten. Wenn man diese in Naheinstellungen dreht, was einem ein Film eigentlich nahelegt, dann kann man die Bewegungen nicht darstellen. Wenn man eine weiter gefasste Einstellung wählt und den ganzen Körper zeigt, dann kommt man sich wie im Theater vor, nicht wie im Film. Deswegen haben wir uns dazu entschlossen, die Kamera auf der Bühne zu platzieren, um die Bewegungen einzufangen und trotzdem einen filmischen Zugang zu den Bildern zu erhalten. Die Choreografien hätte Carlos gerne selbst gemacht, aber dafür war er einfach zu beschäftigt, das hätte er zeitlich nicht leisten können. Deswegen suchten wir nach jemandem, dem er vertrauen konnte und mit dem er bereits gearbeitet hatte. Wir fanden diese Person in María Rovira, einer katalanischen Choreografin, die in ihren Arbeiten einen sehr narrativen Stil pflegt. Wir wollten niemanden, der abstrakt arbeitet, weil wir Ereignisse in den Tänzen nacherzählen wollten. Rovira schuf die Bewegungen und den Tanz, und ich war immer dabei, um sicherzustellen, dass die Dinge aus dem Drehbuch umgesetzt würden. Das war für mich eine fantastische Erfahrung, weil ich noch nie mit Choreografen zusammengearbeitet und noch nie Tänze gefilmt hatte.

Wie wichtig war Ihnen im Zusammenhang mit Acostas Vergangenheit der Begriff der Wahrheit, der auch einmal im Film selbst thematisiert wird?

Das ist ein sehr interessanter Aspekt. Wenn wir aus unserem Leben erzählen, wählen wir immer ganz genau aus, was wir erzählen wollen. So hat es natürlich auch Carlos in seiner Autobiografie getan. Alles, was wir erzählen, hat sich so ereignet, aber wir entscheiden uns, diese Dinge zu erzählen und andere wegzulassen. Wenn man eine Autobiografie dann verfilmt, muss man das Ganze noch einmal filtern und eine weitere Auswahl treffen, weil ein Leben viel zu lang ist, um es in zwei Stunden Film zu erzählen. Es stimmt, dass Carlos‘ Vater von Sklaven der Acosta-Farm abstammte, aber es stimmt nicht, dass ihn sein Vater mit zu der Farm nahm, um ihm diese zu zeigen. Aber trotzdem gab es in seinem Wesen einen Sinn für Rasse, einen Sinn für Kampf und Durchsetzungsvermögen, der auf seine Wurzeln zurückzuführen ist. Und diese Denkansätze hat Carlos‘ Vater an seinen Sohn weitergegeben. Und dann gibt es im Film auch noch den Themenkomplex der Identität: Denn Carlos wird von anderen Darstellern gespielt, dann spielt er sich selbst und in den Tanzszenen spielt er dann auch noch seinen eigenen Vater. Das ist meiner Meinung nach alles sehr komplex und interessant.

Wie würden Sie Pedro Acostas Hartnäckigkeit bewerten, Carlos zu seiner Tanzkarriere zu zwingen?

Das ist natürlich etwas, mit dem ich mich nicht im Geringsten identifizieren kann! Aber es ist ein Verhalten, das aus Pedros Generation und seiner eigenen Erziehung hervorgegangen ist. Schläge und harte körperliche Gewalt gehörten bei ihm einfach dazu. Ich selbst wurde in meiner Jugend zu überhaupt nichts gedrängt, stattdessen bei meinen Wünschen von meinen Eltern unterstützt. Andererseits kann ich auch verstehen, dass man, wenn man so weit kommen möchte wie Carlos Acosta, sich selbst ständig vorantreiben oder eben von anderen angetrieben werden muss. Denn es ist wirklich schwer, das zu erreichen, was Carlos erreicht hat. Das verlangt enorme Opfer und endlose Stunden des Trainings.

Paul Laverty ist nicht nur Ihr Drehbuchautor, sondern auch Ihr Partner im Leben. Hat er immer die Idee zu einem neuen Projekt oder entwickeln Sie so etwas auch gemeinsam?

Nein, das geht immer von ihm aus. Es wäre auch nicht denkbar, dass ich ihm vorgebe, über welches Thema er etwas zu schreiben hat. Er braucht eine Inspiration und eine Idee, um diese dann in ein Drehbuch umzusetzen. In diesem Fall sind wir nach der ersten Idee gemeinsam zu Recherchen nach Kuba geflogen. Er ist länger als ich vor Ort geblieben, weil er auch einige Interviews mit Carlos geführt hat, um dessen Persönlichkeit besser zu verstehen. Dann hat er sich an den ersten Entwurf gemacht, den wir anschließend gemeinsam durchgesprochen haben. Zu diesem Zeitpunkt lasse ich dann meine Ideen und Meinungen hören, aber das Schreiben selbst macht Paul alleine.

Wurden die Szenen in der verlassenen Ballettschule an Originallocations gedreht?

Ja, diesen Ort gibt es schon seit den frühen 1960er Jahren. Damals wurde in Havanna eine Ballettschule gebaut, die nie genutzt wurde. Es gibt einen sehenswerten Dokumentarfilm darüber, „Unfinished Spaces“ von Benjamin Murray und Alysa Nahmias, der die Hintergründe darüber sehr spannend aufbereitet.

Sie scheinen Ihre Schauspielkarriere mittlerweile komplett aufgegeben zu haben. War es immer Ihr Traum, Filmregisseurin zu werden?

Das ist auch immer eine Frage der Zeit. Ich habe eine Familie, und wenn ich einen Film als Regisseurin drehe, ist das sehr zeitaufwändig. „Yuli“ hat mich drei Jahre lang beschäftigt. Ich bin noch immer Schauspielerin, wenn ich meine eigenen Filme drehe, weil ich mich sehr intensiv in den Castingprozess einbringe. Ich fungiere dabei gerne als Anspielpartner für die Darsteller, die ich auswähle. Ich bin also gar nicht so weit vom Schauspielen entfernt, auch wenn ich nicht mehr auf der Leinwand zu sehen bin. Weil ich mich auch beim Inszenieren sehr intensiv auf die Schauspieler einlasse, vermisse ich dahingehend eigentlich nichts. Aber wenn mir mal wieder eine gute Rolle angeboten würde, würde ich definitiv nicht ablehnen.

Interview: Frank Brenner

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