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Um die Ecke gedacht
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Endlich auch mal Augen zu

30. August 2018

Schöner leben mit Scheuklappen – Thema 09/18 Rechtsblind

Ich rede nicht gerne über Übergewicht. Das könnte daran liegen, dass ich welches habe. Formel-1-Fans reden nicht gern über Schadstoffausstoß, düngende Hobbygärtner nicht gern über die Grundwasserqualität, Stadtverwaltungen nicht gern über strukturellen Rassismus und der Verfassungsschutz nicht gern über Faschisten. Bin das nur ich, oder ist hier etwa ein Muster erkennbar?

Tja, so ein blinder Fleck hat halt seine Vorteile. Paradiesische Ruhe und Selbstgefälligkeit zum Beispiel, zumindest so lange einem kein Besserwisser ans Bein pisst. Aber wie macht man das, rechts blind? Mir steht es leider nicht so gut. Immer ein Auge zuzukneifen verursacht Kopfschmerzen, und einseitige Falten. Eine Kontaktlinse weglassen bringt auch nichts. Ich hole mir jetzt endlich eine Augenklappe. Das mit dem Rezept wird nicht ganz einfach, der modische Aspekt ist vertrackt. Was soll es sein, so eine postmoderne schwarze am Gummiband? Dreieckig, in Rita-Ora-Pilotenform, mit Glitzerstift und Swarovskisteinen veredelt? Oder die eher die alternative Lösung: ein Baumwollballen mit zwei hautfarbenen Klebestreifen befestigt?

Ja, manchmal wäre ich gern auf dem rechten Auge blind. Wie erholsam. Was ich alles nicht mehr ertragen müsste, weil ich es nicht mehr wahrnähme. Die Facebookgruppe meiner Stadt etwa, wo es kürzlich noch um sowas wie Podologentipps und Gassigänge ging, und wo jetzt Menschen als Abschaum bezeichnet und im Reichsbürgerjargon abgewertet werden – unwidersprochen, als wäre es das Normalste der Welt. Wäre ich auf dem rechten Auge blind, würde ich auch nicht sehen müssen, dass die Einschläge immer näher kommen – wie AFD-Mitglieder Führungsstellen im Kulturbetrieb erhalten und dass der nette Künstler im Atelier nebenan allabendlich mediale Menschenhetze betreibt. Wie Freunde diffuse Ängste haben und trotzdem süchtig alle Nachrichten lesen, die sie noch ängstlicher machen. Wie einer Mutter mit Baby auf dem Arm im Bus der Sitzplatz verweigert wird, weil sie ein Kopftuch trägt. Da hilft auch verwundertes Augenreiben nicht mehr.

Vielleicht sollten wir alle viel mehr auf dem rechten Auge blind sein, angesichts dessen, was die Kognitionspsychologie Verfügbarkeitsheuristik nennt: Je öfter man von einem Thema hört, desto mehr prägt es sich ein – deshalb bemühen sich ja rechte Kräfte derart, Schreckensbilder wie Strafdelikte von Flüchtlingen oder kriminelle Clans immer wieder und wieder in die Medien zu bringen. Scheiß auf Fakten, Scheiß auf Differenzierung, je öfter ich das höre, desto mehr glaube ich es. Die gefühlte Bedrohung wächst und wächst. Deshalb: Ab und zu könnte es mal gut tun, das rechte Auge zuzumachen. Um mal durchzuatmen. Damit die Angst, die verkürzten Darstellungen und die Hetze nicht unsere Tagesordnung bestimmen. Damit uns die Meinungsmacher nicht das immer gleiche laut tönende Lied aufdrängen: Flüchtling, Terrorismus und Kriminalität-hä-hä-hääät, Goldstück, Fachkraft, deutsche Identitä-hä-hä-hääät, zwodreivier. Von diesen ganzen Wiederholungen wird man ja blöde. Hören wir da grad mal einen Moment weg, und entwickeln eigene Ideen und Utopien. Machen den Weg frei für ausgewogene Informationen und Reflexion als Methode.

Es ist nicht per se falsch, auch mal blinde Flecken zu haben. Es kommt halt aufs Timing an. Und darauf, sich dann den Freiraum zu nehmen, selbst zu denken, zu hoffen und zu fühlen. Ist das Gedröhn fort, kommt der Mensch zum Vorschein. Wenn man ab und zu ganz in Ruhe für sich selbst innendrin den Weltfrieden getanzt hat, weiß man auch draußen eine gute Haltung zu bewahren: Rücken gerade, fester Stand, Lächeln im Gesicht, Arme ausgebreitet. Dann kann man auch die Augen wieder öffnen. Und im besonnenen Ton all der Desinformation und den festgefahrenen Positionen den Kampf ansagen. Wie schon der gute alte Schiller sagte: Strebe nach Ruhe, aber durch das Gleichgewicht, nicht durch den Stillstand deiner Tätigkeit.


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Melanie Redlberger

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