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Helmut Kellershohn
Foto: Presse

„Logik der Rechtspopulisten: Entmündigung des Volkes“

30. August 2018

Historiker Helmut Kellershohn über Herkunft und Ziel rechter Rhetorik – Thema 09/18 Rechtsblind

trailer: Herr Kellershohn, wie lässt sich rechte Rhetorik definieren?
Helmut Kellershohn:Man könnte sagen, dass es eine Art Koordinatensystem gibt. Zum einen mit der Unten-Oben-Achse auf der Vertikalen, die von einem Gegensatz von Volk und Elite ausgeht, und andererseits mit der Außen-Innen-Achse auf der Horizontalen, die den Gegensatz von Deutsch und Nicht-Deutsch anspricht. Dabei werden auf beiden Achsen spezielle Differenzierungen vorgenommen. Die Kategorie Nicht-Deutsch wird allen denjenigen zugeordnet, die keine deutsche Staatsbürgerschaft haben oder, im Jargon der Neonazis, sogenannte „Pass-Deutsche“ sind. Nicht-Deutsch oder, besser gesagt, undeutsch sind zudem alle diejenigen, die verdächtigt werden, „national unzuverlässig“ zu sein. Das sind zum einen die „globalistischen Eliten“, zum anderen diejenigen, denen unterstellt wird, gewissen Leistungskriterien nicht zu entsprechen. Nach diesem Verständnis gehören zum deutschen Volk nur die Arbeitswilligen, Fleißigen und „Anständigen“. Das ist in etwa das Grundgerüst der rechten Rhetorik – eine Rhetorik der Ausgrenzung und der Verdächtigung.

Hat diese Rhetorik ihren Ursprung im Dritten Reich?
Die Idee, dass das deutsche Volk eine Abstammungsgemeinschaft und Generationen übergreifende „Zeugungs“-Gemeinschaft sei, geht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Einerseits bis zur Romantik, andererseits bis zur völkischen Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts. In der völkischen Bewegung gab es beispielsweise die zentrale Parole „Deutschland für die Deutschen“. Diese taucht heute bei der AfD wieder auf, wenn es heißt: Deutschland ist unser Land, nicht für die Anderen, die Fremden und Ausländer. Auch ein heute wiederkehrender Begriff wie „Umvolkung“ stammt schon aus den 1920er Jahren. Die rechte Rhetorik hat also eine lange Tradition, aus der sich dann auch der Nationalsozialismus bedient hat.

Was will rechte Rhetorik bewirken?
Der Kerngedanke der rechten Rhetorik ist, dass das Volk wichtiger ist als das Individuum. Es gibt eine hierarchische Unterscheidung zwischen dem Volk als Ganzem und den einzelnen Teilen des Volkes. Damit ist der Anspruch verbunden, dass sich die einzelnen Individuen dem Volkswillen unterordnen. Dem Einzelnen wird im Gegenzug ein Gewinn suggeriert, nämlich dass er Stärke und Sicherheit – „Identität“ – durch die Identifikation mit dem Volk erlangt. Wird das von Menschen akzeptiert, dann stehen sie weitgehend unter dem Einfluss völkischen Denkens.

Jetzt könnte jemand behaupten, ein solcher Gemeinschaftssinn sei nichts Schlimmes. Was ist das Gefährliche an dieser Rhetorik?
Historisch sollte dies eigentlich zur Genüge bekannt sein. Wer diese Rhetorik nutzt, verfolgt natürlich bestimmte politische Interessen. Diese Interessen werden aber als Ausdruck des Volkswillens verkauft. Von dem die Rechtspopulisten vorgeben, ihn zu kennen. Dabei ist der Volkswille eine metaphysische Größe. Bei Abstimmungen würde sich immer nur eine bestimmte Mehrheit ergeben, beispielsweise 51 Prozent, aber diese wären nicht identisch mit dem Volkswillen, sondern eben nur eine Mehrheit. Nach der Logik der Rechtspopulisten braucht es aber eigentlich keine Abstimmungen, da sie den Volkswillen ja bereits kennen. Es läuft also letztendlich auf eine Entmündigung des so angepriesenen Volkes hinaus, dem die eigenen politischen Interessen untergeschoben werden. Der Erfahrung nach sind diese Interessen nationalistisch, expansiv und mit Gewalt und Kriegen verbunden.

Wieso gewinnt eine solche Rhetorik wieder an Aufschwung, und was trägt die AfD dazu bei?
Dass sich dieses völkische Denken wieder erneuert, hat natürlich bestimmte Hintergründe. Auf der einen Seite die Euro- und Finanzkrise, auf der anderen Seite die Zuwanderung durch Flüchtlinge. Diese zwei Ereignisse haben bei vielen Menschen zu einer Verunsicherung und Abwehrreaktion geführt, die sie für die AfD - Rhetorik empfänglich gemacht haben. Es geht nun der AfD darum, die Sagbarkeits-Grenzen nach rechts zu verschieben. Das heißt, dass Begriffe entweder in ihrer Bedeutung verändert werden, oder aber, dass Gegenbegriffe entwickelt werden. Denn Worte verändern die Wahrnehmung bestimmter Ereignisse. Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob ich Zuwanderung von Flüchtlingen als einen bedrohlichen „Umvolkungs“-Vorgang betrachte oder als Ausdruck von Katastrophen in bestimmten Weltregionen, die Hilfe erforderlich machen.

Was kann getan werden, um dem rhetorischen Tabubruch entgegenzuwirken?
Als Erstes muss deutlich gemacht werden, an welche Traditionen rechte Rhetorik andockt, dass damit eine Verharmlosung der völkischen oder gar nationalsozialistischen Terminologie stattfindet. Es muss Aufklärung geleistet werden, wenn sich Björn Höcke in seinen Reden Hitlerischer Denkfiguren bedient. Als Zweites muss der Finger auf die nicht vorhandenen Konzepte der AfD zu relevanten Zukunftsfragen, wie Rente und Digitalisierung, gelegt werden. Der dritte Punkt ist, dass die Widersprüche und Gegensätze in der AfD aufgezeigt werden müssen: Auf der einen Seite gibt es den völkisch-nationalistischen Flügel und auf der anderen Seite die Neoliberalen, zwischen denen ein Richtungsstreit stattfindet. Der vierte und wichtigste Punkt ist, dass die anderen Parteien, beispielsweise die Linke, auf sich selbst schauen. Sie müssen ihre eigenen politischen Vorstellungen überdenken und schärfen, um vor allem die Wählergruppe zurück zu gewinnen, die aus Protest die AfD wählt.


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