
trailer: Herr Loske, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entdecken derzeit scheinbar ständig neue Technologien, um Umweltprobleme aller Art zu lösen. Ist dieser Technikoptimismus angebracht?
Reinhard Loske: Ohne eine gewisse Portion Technikoptimismus geht es nicht! Aber natürlich muss berücksichtigt werden, wie nachhaltig die jeweilige Technologie ist, wie menschenfreundlich und wie lebensdienlich. Wie können wir sie gesellschaftlich begleiten, gestalten und steuern? Das sind zentrale Aspekte. Aber Sie haben natürlich recht, in manchen Bereichen gibt es positive Entwicklungen.
Auf der anderen Seite sehen wir in Deutschland, wie schlimm es um die Natur steht. Die Rheinschifffahrt liegt am Boden, Waldbrände verursachen Millionenschäden und Rekordtemperaturen haben für Tausende Todesfälle in diesem Jahr gesorgt. Trotzdem hat man das Gefühl, die Politik agiere träge. Wann wird sie Naturschutz zur Priorität machen?
Ich sitze hier in der Eifel, in einem Seitental der Ahr, und habe vor fünf Jahren das extreme Hochwasser im Keller gehabt – und zuletzt gab es Rauchschwaden und einen Ascheregen, weil das Hohe Venn und der Hürtgenwald gebrannt haben. Wir spüren also, dass die Einschläge näher kommen und die Wetterextrema in Folge des Klimawandels zunehmen. Trotzdem droht die Politik in das falsche „Wirtschaft oder Umwelt“-Deutungsmuster von vor 30 Jahren zurückzufallen. Das sehen wir besonders krass in den USA mit der umwelt- und naturschutzfeindlichen Politik von Trump und Co, aber auch die EU nimmt derzeit Schritt für Schritt ihren Green Deal zurück. Und in Deutschland werden Wirtschaft und Umweltschutz gegeneinander ausgespielt, obwohl die Kosten unterlassenen ökologischen Handelns mittlerweile durch die Decke gehen.
„Es geht viel, es gibt viel und es gibt viele“
Woher kommt das? Immerhin gibt es inzwischen viele Unternehmen, die sich zur Nachhaltigkeit bekennen.
Ich würde eher sagen, dass Unternehmen, die Nachhaltigkeit systematisch in ihr Handeln zu integrieren versuchen, noch in der Minderheit sind. Leider! Gleichzeitig erkennt die Politik nicht, was für eine riesige Chance die ökologische Frage bietet, die nicht nur Innovationsmotor und Jobmaschine sein kann, sondern auch der Kitt für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Auf beiden Seiten sehe ich noch viel Luft nach oben. Nichtsdestotrotz gibt es wirklich tolle Unternehmen, die sich auf den Weg zum ökologischen Wandel gemacht haben, und die brauchen dringend verlässliche politische Rahmenbedingungen und nicht ständige Veränderungen, sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene.
Was bedeutet das für die Bürger?
Die finanziellen Einbußen haben wir ja schon angesprochen, aber die Wetterextreme gehen auch uns Menschen an die Substanz. Für die Wirtschaft bedeutet das, dass die ökonomische Leistungsfähigkeit jener Arbeitnehmer sinkt, die zum Beispiel unter großer Hitze arbeiten müssen. Die Ökonomie kann eben nicht singulär betrachtet werden, sondern immer eingebettet in Natur und Gesellschaft. Es wird wieder so getan, als wenn es ein Ranking gäbe: Das Wichtigste ist die Ökonomie, dann kommen die sozialen Interessen, dann die Ökologie. Die Realität wird uns als Lehrmeisterin dafür hart bestrafen, wenn wir diesen Gedanken aufrechterhalten.
„Unternehmen brauchen dringend verlässliche politische Rahmenbedingungen“
Man hat den Eindruck, dass der zivile Protest relativ leise stattfindet. Woran liegt das?
Ich denke nicht, dass schon alle die Tatsachen anerkennen. Gerade in den populistischen und extremistischen Bewegungen findet Faktenverleugnung in einem Ausmaß statt, das ich vor fünf Jahren noch nicht für möglich gehalten hätte. Die Ursachen von Leugnung und Verdrängung liegen meines Erachtens auch in einer Art Überforderungsgefühl. An dieser Stelle sind auch die Medien in der Pflicht, ein wenig Zuversicht zu stiften und zu betonen, dass wir in bestimmten Bereichen schon weiter sind, als die Bürgerinnen und Bürger glauben. Es geht viel, es gibt viel, und es gibt viele, die in die richtige Richtung gehen wollen, und die haben es verdient, förderliche politische Rahmenbedingungen zu bekommen. Wichtig ist aber auch, nicht nur auf die Technik zu schielen, sondern Naturschutz immer auch größer zu sehen, im Bereich der Landnutzung oder dem Schutz von Gewässern und Wäldern.
Ist das nicht auch eine Frage politischen und gesellschaftlichen Bewusstseins?
Ich selbst bin ein Kind vom Lande und habe mich sehr früh für ökologische Themen interessiert. Mit 18 Jahren habe ich mit Freunden zusammen einen Naturschutzverein gegründet. Damals in den 70er und 80er Jahren haben wir immer unterschieden zwischen technischem Umweltschutz und Naturschutz. Letzterer ist auf einer bestimmten Ebene für eine breitere Bevölkerung anschlussfähig, weil die Liebe zur Natur und die Freude an schönen Landschaften greifbar ist. Man sehnt sich nach Naherholungsgebieten und nach Flüssen, die voller Leben sind. Doch die Politik versagt hier. Wir wissen doch, dass wir mehr Wasser in der Landschaft und den Städten zurückhalten müssen – Stichwort „Schwammstädte“ – und dass wir mehr Bodenschutz und mehr Humusbildung und Landnutzungsformen brauchen, die nicht den Boden auslaugen. Trotzdem hält die Agrarpolitik an einem falsch verstandenen Ökonomismus fest, am Prinzip „Masse statt Klasse“. Ähnlich verhält es sich im urbanen Raum mit der sogenannten grünen und blauen Infrastruktur: Themen wie Flächenentsiegelung, das Pflanzen von Schatten spendenden Bäumen, die Renanturierung von Gewässern und die Förderung der biologischen Vielfalt kommen eindeutig zu kurz, obwohl sie die Lebensqualität steigern würden. Bund und Länder müssen die Städte und Gemeinden dazu ermutigen, die grünen und blauen Infrastrukturen auszubauen – und sie finanziell darin zu unterstützen. Der Vorschlag von Bundesumweltminister Carsten Schneider, Klimaschutz, Klimaanpassung und Naturschutz zu einer Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern zu machen, weist da in die richtige Richtung.
„Faktenverleugnung in einem Ausmaß, das ich nicht für möglich gehalten hätte“
In den Wahlkämpfen ist das nur selten Thema …
Ja, ich wundere mich auch, warum es nur so wenige Politikerinnen und Politiker gibt, die das zu ihrem Schwerpunkt machen. Es ist essenziell für unser Gemeinwesen, dass wir die Natur als Lebensgrundlage schützen. Ich bin selber lange in der Politik gewesen, habe von der Kommunalpolitik über die Bundespolitik bis hin zum Landesminister viel gemacht, und ich würde mir heute manchmal Leute wünschen, die den Klima- und Naturschutzschutzgedanken stärker verkörpern, und zwar über Legislaturperioden hinaus, weg von der hechelnden Kurzatmigkeit der Politik.
Welche Möglichkeiten gäbe es noch, die Gesellschaft zu mobilisieren?
Wichtig wäre, die langfristigen Ziele so zu implementieren, dass man sie dem politischen Tagesstreit ein wenig entzieht. Eine Möglichkeit ist natürlich, den Umwelt- und den Tierschutz stärker in der Verfassung zu verankern. Bislang existiert beides nur als Staatsziel, aber das reicht noch nicht aus. Ich bin der Überzeugung, dass wir beides als Grundrecht und Grundpflicht gleichermaßen festschreiben sollten. Dann könnte man auch ein zusätzliches Gremium einrichten, ein ökologisches Oberhaus oder eine Zukunftskammer, auch wenn der Boden für diese Idee im Moment wahrscheinlich nicht besonders fruchtbar ist. Was Bürgerinnen und Bürger aber schon jetzt machen können, ist einen Blick auf die langfristige Agenda der verschiedenen Parteien zu werfen und diese auch zu unterstützen, wenn mal etwas nicht so gut läuft, anstatt sofort zu schimpfen.
„Weg von der hechelnden Kurzatmigkeit der Politik“
Was macht Ihnen Hoffnung – und was Angst?
Angst ist vielleicht etwas übertrieben, aber meine Skepsis speist sich aus der Ignoranz und vor allen Dingen aus der Ignoranz der politischen und ökonomischen Verantwortungsträger. Und was mir Hoffnung macht, ist das Wissen, das man zusammen sehr wohl etwas erreichen kann. Ich glaube nicht so sehr, dass der Flaschenhals bei der Bewältigung der diversen Umweltkrisen die technischen Möglichkeiten sind, auch wenn wir bei der Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz sehr vorsichtig sein sollten. Die Gefahr eines Missbrauchs ist dort riesig. Aber ich glaube schon, dass wir grundsätzlich die technischen Möglichkeiten haben für eine gute Landnutzung, die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen, eine gesicherte und gute Energieversorgung, intelligente Verkehrssysteme und für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft. Kurzum: Technik ist wichtig, aber nicht alles. Es geht auch um weniger ressourcenverzehrende Lebensstile, die Konzentration auf das Wesentliche und um einen Kulturwandel, der anerkennt, dass die alte philosophische Idee des „rechten Maßes“ nach wie vor aktuell ist, vielleicht aktueller denn je.
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Teil 2: Leitartikel – Politik ist nicht getrieben, sie lässt sich einspannen
„Für die Parteien steht viel auf dem Spiel“
Teil 2: Interview – Politologin Dorothée de Nève über Identität und Konsens in der Politik
Helfen statt Ausgrenzen
Teil 2: Lokale Initiativen – Das Interkulturelle Zentrum in Köln-Nippes
Die Demokratie endet mit einem Wimmern
Teil 3: Leitartikel – Politik muss begreifen: Die Bevölkerung ist systemrelevant
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Digitale Bürgerbeteiligung – Europa-Vorbild Spanien
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