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Christian Schwochow am Set von „Deutschstunde“ mit Levi Eisenblätter und Ulrich Noethen.
Foto: Presse

„Der Film brauchte eine Bildgewalt“

25. September 2019

Christian Schwochow über „Deutschstunde“ – Gespräch zum Film 10/19

Nach seinem Regiestudium an der Filmakademie Baden-Württemberg ist der 1978 auf Rügen geborene Christian Schwochow zu einem der erfolgreichsten deutschen Filmemacher herangereift. Auf sein Spielfilmdebüt „Novemberkind“ folgten „Die Unsichtbare“, „Westen“ und der Fernsehfilm „Bornholmer Straße“. Nach der Ken-Follett-Verfilmung „Die Pfeiler der Macht“ und dem Kinofilm „Paula“ drehte er die preisgekrönte Serie „Bad Banks“. Nun hat Schwochow den Siegfried-Lenz-Roman „Deutschstunde“ verfilmt, der am 3. Oktober in den Kinos startet.

trailer: Herr Schwochow, Siegfried Lenz war in den letzten Jahren nur für Fernsehfilme gefragt. War es schwierig, eine Kinoadaption auf die Beine zu stellen?
Christian Schwochow: Das war eine Bedingung von mir! Ich wollte den Roman seit über zehn Jahren verfilmen und habe mit den Produzenten Jutta Lieck-Klenke und Dietrich Kluge, die ansonsten überwiegend Fernsehfilme machen, vor fünf Jahren verabredet, dass wir „Deutschstunde“ verfilmen, aber unbedingt als Kinofilm. Der Film brauchte eine Bildgewalt, aber auch eine Tongewalt, die man im Fernsehen gar nicht so erzählen kann. Die beiden waren einverstanden. Ganz unbescheiden will ich sagen, dass ich in den letzten Jahren fleißig war und die Sachen auch recht erfolgreich waren. Mit Wild Bunch hatten wir schnell einen Verleih und das ZDF hat sich als Fernsehsender beteiligt. So war sehr schnell klar, dass wir den Film problemlos finanziert bekommen.

Deutschstunde“ ist ein Schlüsselwerk von Siegfried Lenz. Können Sie sich erinnern, wann Sie zum ersten Mal damit in Kontakt gekommen sind?
Ja, das weiß ich noch ziemlich genau. Ich bin nicht mit dem Roman aufgewachsen, habe Abitur in Hannover gemacht und hatte davor in Ost-Berlin gewohnt – da bin ich nirgendwo mit Lenz in Berührung gekommen. Ich habe aber, seit ich Schüler war, immer Bücher gekauft – auf Flohmärkten, Antiquariaten, und ich nehme auch bis heute Bücher überall mit. Ich bin gerne umgeben von Büchern der Weltliteratur. Ich hatte schon länger eine kleine Siegfried-Lenz-Bibliothek und habe dann irgendwann angefangen, die zu lesen. Vor ca. zehn bis elf Jahren habe ich zunächst „Heimatmuseum“, dann „Die Schweigeminute“ und schließlich „Deutschstunde“ gelesen. Das war der Roman, der mich von Lenz‘ Werken am meisten umgehauen hat. Über den Krieg zu erzählen mit einer Abwesenheit von Adolf-Hitler-Bildern, ohne SA und Wehrmacht, ohne Panzer – das war ein neuer Blick für mich. Es hat mich schon extrem gefesselt, wie er es schafft, die Bedrohungen und Schrecken des Krieges zum einen in Metaphern und Bilder zu übersetzen – statt Goebbels schreien hier die Möwen – und zum anderen die Leiden einer Diktatur in die kleinsten Zwischenräume zweier ursprünglich befreundeter Familien zu tragen. Diese Bildhaftigkeit musste ich unbedingt auf die Kinoleinwand bringen. Wir leben in einer Zeit, in der wieder eine Sehnsucht nach Diktatur aufkommt. Die war vielleicht immer da, kann aber heute laut geäußert werden. Was die AfD in ihrem Programm fordert, sind wieder ganz klare Denkverbote. Wir nehmen das mittlerweile schon als selbstverständlich wahr, dass es die gibt und dass sie so laut und breit in Erscheinung treten. Was in den letzten vier, fünf Jahren passiert ist, in denen wir diesen Film gemacht haben, finde ich schon extrem erschreckend. Wir müssen aufpassen, das wirklich ernst nehmen und dem Ganzen auf den Grund gehen. Deswegen musste ich diesen Film unbedingt machen.

Stand denn jemals zur Diskussion, den Stoff in eine andere Zeit zu verlagern, wie beispielsweise zuletzt bei der Horváth-Verfilmung „Jugend ohne Gott“?
Wir haben darüber nicht nachgedacht. Das wäre mir zu „trendy“ gewesen, weil das derzeit beispielsweise auch viel von Netflix gemacht wird. Ich wollte lieber etwas Anderes machen und das Historisierende noch weiter aus dem Stoff herausnehmen, als es im Roman bereits der Fall war. Berlin ist bei uns nicht Berlin, sondern nur die Hauptstadt. Die Landschaft ist in unserem Film noch karger als im Roman. Es tauchen nur ganz wenige Häuser und nur ganz wenige Menschen auf. Ich glaube auch, dass gerade in der Figur des Siggi eine modernere Sichtweise auf den Zweiten Weltkrieg und die Folgejahre geworfen wird. Unser Siggi ist anders traumatisiert, anders verletzt, und hat deswegen auch eine andere Härte. Ich hatte immer das Gefühl, ihn so charakterisieren zu müssen wie jemanden, der sich später vielleicht der RAF angeschlossen hätte. Ich glaube, dass das Thema von Wiederholung von Geschichte schon sehr stark ist, deswegen brauchte ich keine Übersetzung in das heute, weil ich das Gefühl hatte, die Zeichen kann man schon sehr gut verstehen. Wir müssen aufpassen, dass Figuren wie der Jepsen und mit ihm diese Strukturen nicht wiederkommen.

Wie in vielen Ihrer Filme hat auch hier wieder Ihre Mutter Heide das Drehbuch geschrieben. Wer entdeckt denn zuerst einen Stoff und reißt den anderen dann mit seiner Leidenschaft mit?
Das ist immer unterschiedlich. „Deutschstunde“ hatte ich, wie gesagt, vor gut zehn Jahren gelesen. Ungefähr zur gleichen Zeit, als ich gerade „Novemberkind“ in den Kinos hatte, habe ich dann die beiden Produzenten Lieck-Klenke und Kluge kennengelernt. Die fragten mich, was mich mal interessieren würde, und ich erzählte ihnen vom letzten Buch, das ich gelesen und das mich umgehauen hatte: „Deutschstunde“. Dann schauten sich die beiden an und sagten mir, sie arbeiteten gerade daran, die Rechte für das Buch zu bekommen. Einige Jahre später, nachdem ich „Der Turm“ abgedreht hatte, meldeten sich die beiden wieder bei mir und fragten mich, ob ich „Deutschstunde“ noch immer machen wollte. Nachdem ich zugesagt hatte und die Frage aufkam, wer das Drehbuch schreiben solle, wollte ich das Angebot zunächst meiner Mutter machen und sie fragen, ob sie damit etwas anfangen kann. Und sie konnte das sofort. Das ist nicht immer so, es kommt schon mal vor, dass wir getrennte Wege gehen, dass sie an etwas arbeitet, das nicht so mein Thema ist, oder ich auch das Gefühl habe, dass es manchmal ganz guttut, mit jemand anderem zu arbeiten. Das ist unterschiedlich, aber hier haben wir sehr schnell gemerkt, dass wir das zusammen machen müssen, was sich ja auch sehr gut eingelöst hat. Und so ist das unser sechster gemeinsamer Film geworden.

Der Film ist sehr ruhig und visuell, einige der Kameraeinstellungen wirken wie gemalt. Haben Sie dieses Konzept zusammen mit ihrem Kameramann Frank Lamm erarbeitet?
Das war, ähnlich wie beim Drehbuch, ein ganz langer Prozess. Das große Glück ist, dass Frank Lamm seit fünfzehn Jahren, seit meinem ersten Film an der Filmhochschule, jeden Film mit mir zusammen gemacht hat. Er bekommt immer schon sehr früh Drehbücher von mir zu lesen. Schon ein Jahr vor dem eigentlichen Drehbeginn war Frank Lamm schon bei Drehbuchbesprechungen mit dabei, die wir zu dritt mit Heide geführt haben. Das Bild wurde also schon beim Drehbuchschreiben immer mitgedacht. Damals wurden schon Bildmetaphern entwickelt. Hier wollten wir gar nicht unbedingt Gemälde erzählen, aber wir wollten, dass die Natur eine Hauptfigur wird. Deswegen mussten wir ihr viel Raum geben, was wir übrigens auch auf der Tonebene machen. Der Film hat ein wahnsinnig komplexes Konzept, das geht bis in die Ausstattung. Wir haben immer überlegt, welche Assoziationen von Krieg können wir schaffen, ohne dass wir ihn eins zu eins darstellen. So kamen wir zu den Tierkadavern, wenn wir über Tote nachdachten. Wie erzählt man Tod aus der Sicht Siggis, der ja die Leichen des Krieges nie gesehen hat? Oder die Schienen, die ins Watt führen. Die haben wir extra dort ausgelegt, weil ich ein Bild brauchte für den Zug, der ins Nirgendwo fährt, von dem man aber auch weiß, dass er irgendwann im Konzentrationslager ankommt. Diese Bilder haben wir gemeinsam in einem sehr langen Prozess erarbeitet.

Ihr Film lebt auch vom Duell zweier großer Schauspieler, Noethen und Moretti. Hätten Sie den Film auch mit weniger hochkarätigen Darstellern gedreht?
Das ist eine schwierige Frage, denn ich hatte die beiden schon in einer sehr frühen Phase bereits im Kopf. Mit Uli hatte ich bereits „Die Unsichtbare“ gedreht, und mit Tobias war ich bei „Bad Banks“ zusammengekommen. Beide hatten sich gewünscht, wieder mit mir zusammenzuarbeiten. Die Frage hatte sich mir nicht gestellt, weil ich beiden das Drehbuch am selben Tag geschickt habe und beide innerhalb von 24 Stunden zugesagt hatten. Ich glaube nicht, dass ich den Film abgesagt hätte, wenn einer oder beide den Film abgesagt hätten. Aber ich hätte dann wirklich von Null anfangen müssen, was ich mir gar nicht ausmalen will. Die beiden hatten noch nie zusammen vor der Kamera gestanden, was es nur sehr selten gibt, denn die guten Schauspieler drehen so viel, dass sie sich oftmals irgendwo begegnen. Und es war ganz toll, wie die beiden nun hier wie zwei Urgewalten aufeinander geknallt sind und das sehr genossen haben, miteinander zu spielen.

Bad Banks“ ist eine der aufsehenerregendsten Serien derzeit. Glauben Sie auch, dass in Deutschland fürs Fernsehen derzeit spannendere Produktionen möglich sind als fürs Kino?
Es ist zumindest mit der Serie eine neue Erzählform in Deutschland hinzugekommen. Ich möchte das gar nicht gegeneinander aufwiegen, aber es ist tatsächlich momentan zu beobachten, dass im Fernsehen radikalere Erzählformen stattfinden als im Kino. Ich glaube aber auch, dass sich das wieder ändern kann. Denn ich merke, dass viele Kollegen, die wie ich Erfahrungen mit Serien gesammelt haben, nun wieder eine Sehnsucht haben, einen Kinofilm zu machen. Deswegen glaube ich auch, dass wir in unserer aktuellen Situation wieder politisches Kino machen müssen, weil wir als Künstler eine Meinung und Haltung zeigen müssen. Ich glaube fest daran, dass Kino und Theater wieder ein Ort für Debatten werden, aber das geht nur, wenn wir gute Filme machen. Das ist die einzige Chance. Ich glaube, dass Fernsehen und Kino in Zukunft gemeinsam nebeneinander bestehen werden. Ich habe die Hoffnung, dass das sehr mittelmäßige Fernsehprogramm immer mehr zurückgehen wird, weil sich die Zuschauer daran gewöhnen, dass auch in Deutschland wirklich tolle Sachen gemacht werden. Endlich gibt man jungen Kreativen extrem viel Raum, weil gerade eine Goldgräberstimmung herrscht. Es gibt sehr vieles, was noch nicht ausprobiert wurde, deswegen sind die Zeiten im Fernsehen wirklich ganz toll. Aber eine Serie zu machen ist sehr lange Arbeit, und was mich betrifft, wird es mir nie ersetzen, für die große Leinwand zu arbeiten.

Interview: Frank Brenner

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