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Nicolás Giacobone
Foto: Pascual Sisto

Die Grenzen der Moral

04. März 2020

Buchvorstellungen im März – Wortwahl 03/20

Ende Juni 1983 fand Konzeptkünstlerin Sophie Calle ein Adressbuch auf den Straßen Paris‘ und gab es natürlich seinem Besitzer – einem Pierre D. – zurück. Aber nicht ohne vorher alle Seiten zu kopieren. Sie traf sich mit den Kontakten, um anhand dieser Gespräche ein Bild von Pierre D. zu zeichnen; ihre Texte wurden als Kolumne in einer französischen Tageszeitung abgedruckt. Nach und nach entsteht ein Bild von Pierre, geprägt weniger von Tatsachen als vielmehr von Eindrücken, Anekdoten und Ambivalenzen. Einen Monat lang folgt man Calle auf ihren Recherchen zu dem Menschen Pierre. Trotz aller romantischen Erzählungen schwingt auch die Frage der Moral mit, die nicht diskutiert wird, sondern allein bei der Leserschaft bleibt: Darf Kunst ungefragt, in das Leben eines Fremden eindringen? In „Das Adressbuch“ (Suhrkamp) wird Calles Kolumne, die damals einen Skandal auslöste, erneut gedruckt – ergänzt mit stimmungsvollen schwarz-weißen Fotografien.

Die Frage nach Moral findet sich auch im ersten Roman von Nicolás Giacobone „Das geschwärzte Notizbuch“ (Wilhelm Heyne Verlag) wieder: Regisseur Santiago Salvatierra will das Drehbuch schreiben, welches die Filmgeschichte weltweit verändern soll. Dafür entführte er den Autor Pablo und sperrte ihn in seinen Keller. Zusammen arbeiten der Regisseur und sein Gefangener täglich an dem Werk. Die Romanhandlung beginnt nachdem Pablo heimlich anfängt in einem Notizbuch seine Gedanken aufzuschreiben. Dies prägt auch den Stil des Romans: Es findet weniger ein strukturiertes Erzählen statt sondern vielmehr ein Fließen von Überlegungen. Zudem merkt man die Film-Prägung Nicolás Giacobones, dem Drehbuchautor unter anderem von „Birdman“: Sein Schreiben ist sehr bildhaft, beim Lesen entstehen Schnitte zwischen den einzelnen Szenen vor dem inneren Auge. Zudem ist das Werk durchzogen von popkulturellen Filmreferenzen und Überlegungen zur Filmbranche allgemein. Überraschenderweise sind die Erzählungen eines eingesperrten Drehbuchautors weniger düster als zu erwarten ist. Die Geschichte eines egozentrischen Regisseurs und dem Genie hinter ihm ist fesselnd und auf ungewöhnliche Weise brillant. Im letzten Drittel verliert der Roman ein wenig an seiner Wucht, um dann mit seinem Ende wieder herauszuragen.

Katja Egler

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