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An drei Tagen trafen im Mülheimer Ringlokschuppen knapp 70 Kunstschaffende aufeinander
Fotos: Barbara Slotta

Sie nennen es Liebe, wir nennen es Arbeit

27. Februar 2017

Kongress „Wem gehört die Kunst?“ in Mülheim – kunst 02/17

Es ist ohne Zweifel ein besonderer Kongress, den das Bündnis aus Netzwerk X, den Urbanen Künsten Ruhr und dem Ringlokschuppen Ruhr da auf die Beine gestellt hat; zum Einen, weil die Frage, die im Raum steht, selten ausgesprochen wird – ja, beinahe so etwas wie ein Tabu ist – und zum Anderen, weil dieser Kongress zu diesem Thema hier statt findet: In Mülheim an der Ruhr. Nicht in Berlin, nicht in Hamburg, Düsseldorf, München oder Frankfurt, den arty towns der deutschen Kunstszene.

Knapp 70 nationale und internationale Kunstschaffende haben sich unter dem Titel „Wem gehört die Kunst? – Support your (g)local artist“ an drei Tagen im Ringlokschuppen versammelt. Das breit gefächerte Programm vom 24. bis zum 26.2. sieht neben Diskussionsrunden und Vorträgen auch Performances und Workshops vor, in denen Künstler eigene Arbeiten vorstellen und gemeinsam Zugänge und Begrifflichkeiten erarbeiten. Jenseits aller Fragen, die sich stellen, sobald es um Besitzansprüche, Nutzen und öffentliche Gelder geht, trumpft der Kongress jedoch mit einer weiteren, besonderen Karte: Der Vergütung.

Ein Video begleitete die Lecture-Performance „Gorilla Mädchen“ der Künstlerin Rosh Zeeba

Denn die Teilnahme wird belohnt – im buchstäblichen Sinne. Damit ist der Kongress jedoch noch lange kein Wochenendurlaub, sondern für viele Künstler eine seltene, gesicherte Insel im Alltag. Gerade die breite Masse innerhalb der Kunstszene leidet unter dem Bild jener Menschen, die sie angeblich zu Hauf bevölkern: Menschen mit Geld oder Geltungsdrang, Menschen, deren Überheblichkeit grenzenlos ist oder die sich gerne in ihrem gesellschaftlichen Opferstatus suhlen und den armen Künstler nur geben. Die Realität ist – wie so oft – eine andere und kennt oftmals als einzigen Trost die Tatsache, dass die eigene Kunst zumindest keine Kosten verursacht.

Es geschieht selten genug, dass so offen über Geld gesprochen wird, da erscheint es einmal mehr verkehrt, etwas so Gewöhnliches wie Geld auch noch in Verbindung zur schönen, ästhetischen Kunst zu setzen, die doch der Unterhaltung und der Muße dient. Doch gerade der Kultursektor kennt keine andere, bessere Form der Sicherheit als schwarze Zahlen. Die beinahe schizophrene Situation, in der sich viele Kunstschaffende wiederfinden, ist auf die kaum kommunizierte Kluft zwischen individueller Innensicht und gesellschaftlicher Außensicht zurück zu führen. Denn in keinem anderen Sektor wird „Arbeit“ so oft mit „Liebe“ übersetzt: Wer Theater spielt, tut es etwa nicht, um Geld zu verdienen, sondern weil es ihm gefällt. Für alle, die malen, zeichnen, fotografieren oder Filme drehen, gilt dasselbe. Es ist beinahe so, als negiere die Ausführung eines künstlerischen Berufes die Notwendigkeit von Geld.

Im Abschlussplenum verfassten die Teilnehmer gemeinsam ein demokratisches Manifest

In einer Welt, die also geprägt ist von Projektanträgen, unbezahlten Workshops, dem Kampf um Fördermittel und gesellschaftliche Anerkennung, wagt sich der Mülheimer Kongress an Themen heran, die weit über die Begriffe von Besitz, Anspruchstellern oder dem künstlerischen Eigentum hinaus reichen: Hier geht es um die Rolle und Möglichkeiten von Kunstschaffenden in einem System, dem sie selbst zugehören und das doch untereinander Konkurrenz schafft anstatt zu einen oder zu stützen. Wo Geld entweder selbstverständlich ist oder kaum vorhanden, steigt der Preis und sinkt der Wert des Einzelnen. Die Fragen jedoch bleiben: Was darf Kunst kosten? Was kann sie kosten – und was kann sie überhaupt noch erreichen? Wie viel Ästhetik verträgt das Nützliche und wofür brauchen wir sie eigentlich, die Kunst? Ist sie, so wie es gern gesagt wird, zu ihrem eigene Wohle nutzlos – oder gar eine selbstlose Illusion?

Es sind theoretische Fragen, die in Mülheim jedoch mehr als theoretische Bedeutungen erlangen und auch von den Hintergründen der verschiedenen Vortragenden profitieren. Die Europäische Gemeinschaft für Kulturelle Angelegenheiten (EGfKA) macht mit ihrem Vortrag „Wer (ge)braucht die Kunst? – Theaterarbeit als Sorgearbeit“ ein eindeutiges Statement in Richtung Solidarisierung; schließlich berichten sie auch von eigenen Erfahrungen bei der Zusammenarbeit mit griechischen Theatern in Athen. Auch die politische Dimension, die Kunst neben Ästhetik einnehmen kann, wird hier einmal mehr deutlich, so auch beim Workshop der Londoner Precarious Workers Brigade, die sich gezielt mit kritischen Arbeitsbedingungen im Schnittbereich Bildung und Kultur befasst.

Die Europäische Gemeinschaft für Kulturelle Angelegenheiten (EGfKA) fragte nach Gebrauch und Funktion von Theater

Wer am Abend des 26.2. hoffte, die Frage „Wem gehört die Kunst“ beantworten zu können, verlässt Mülheim enttäuscht – und hat zugleich den Kongress nicht verstanden. Denn die Beantwortung dieser Frage ist gleichzusetzen mit der Lösung eines Rätsels gesellschaftlicher Natur: Sie fragt nach allem, was wir derzeit kennen, und verlangt von uns, es zu vergessen, es neu zu erdenken, ganz im Sinne einer Revolution. Sie fragt auch nach Zeit und Geduld. Denn damit sie, die notwendige Revolution, eintritt, braucht es mindestens einen, wenn nicht zwei oder gleich mehrere Folgekongresse. Und: Sie braucht ein Manifest, um nicht zur schnöden Reform zu verkommen. 

Ein eben solches verfasst das Plenum im Ringlokschuppen abschließend per demokratischer Abstimmung. So gehen drei Tage voller Diskussionen und Austausch zu Ende, ohne dabei jedoch die Zukunft außer Acht zu lassen. Zielgerichtet blickend auf das, was kommen mag, beweist das versammelte Plenum, dass auch in dunklen Zeiten von Trump, Brexit und radikaler Globalisierung einander mehr eint als zu unterscheiden scheint – und bis zum nächsten Kongress ist es nur eine Frage der Zeit. 

 

Wem gehört die Kunst? – Support your (g)local artist | www.wemgehörtdiekunst.de

Netzwerk X. Netzwerk für Kunst und Soziales | www.netzwerk-x.org

Urbane Künste Ruhr | www.urbanekuensteruhr.de 

Ringlokschuppen Ruhr | www.ringlokschuppen.ruhr

 

Barbara Slotta

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