Was bei Rainald Goetz' „Abfall für alle“ noch seine Spannung aus dem Übergang der alltäglichen Erfahrungswelt des Tagebuchschreibers in den öffentlichen Raum erhielt, ist bei modernen DichterInnenwettstreits fast tautologisch im Ritus aufgelöst: Kein Slam-Text ohne exhibitionistische Etikette. Kein Publikum, dass nicht nach dieser subjektiven Erfahrungswelt giert. Kein Event, wo der selbstvergessene Fun-Faktor nicht Konsens ist. Was Goetz der Literatur ästhetisch auf die Fahnen schrieb, bekam auch beim jüngsten Megaslam der WestStadtStory unbekümmert Geltung: Die ungeschliffene Banalität des Alltags – eben Abfall für alle: Jay Nightwind entlädt den alltäglichen Frust, der an der überfüllten Supermarktschlange explodiert; Björn Gögge kotzte sich über das neoliberale Uni-System aus und in Micha-El Goehres harmlosem Nonsens-Spaß schwang ein übler Sexismus mit.
Bei der WestStadtStory wird der ,Abfall für alle' Institution: Ein Moderatorenduo, das Aquas unsäglichen Song „Barby Girl“ als schräge Ouvertüre des Abends persifliert, ein obligatorisches Pferderennen mit Sektenpotential und ein Quiz-Happening, bei dem DJ Bobo-CD's, Bischofs-Quartett-Kartenspiele und altfriesische Kochbücher (der Abfall zum mitnehmen) gewonnen werden – die WestStadtStory ist die Trash-Zelle der Slam-Landschaft. Umso selbstverständlicher konnte der Mega-Slammer des Abends präsentiert werden: der „Metal-Beauftragte“ Micha-El Goehre trat in seinen Slam-Auftritten jeweils gegen ein siebenköpfiges Bühnenkollektiv an und stand bis auf zwei Ausnahmen (die Texte von Jay und Coo) in der Gunst des jungen Publikums.
Zwischen Popkultur-Nonsens und Mario-Barth-Sexismus
Wo soviel Popkultur munter recycelt wird, schlägt selbst das als Mainstream vermarktete Metall-Weltbild wieder in unangepassten Trash um. So schildert Micha-El-Goehre die Probleme, die sich für einen Metaller ergeben, wenn er sich fortpflanzt: Das gute-Nacht-Lied wird mit einem „yeah, scream for me“ gegrölt, die bunte Kinderstube mit Metal-Band-Postern verziert und auf den Zeugnissen werden drei Sechsen erwartet. El-Goehres Slam-Texte oszillieren an diesem Abend zwischen wildem Nonsens-Exzess und ironisch angekündigtem „Liebesscheiß“: In besten Momenten erinnern die Zeilen an die Trennungs-Lakonie der Pop-Romane von Benjamin Stuckrad-Barre bis Nick Hornby. Für einen üblen Beigeschmack sorgen jedoch die sexistischen Untertöne, mit denen kokettiert wird – etwa: „ Dein Hintern ist eine Verfilmung wert, aber nicht im Breitbildformat.“ Und wenn das lyrische Ich versichert, die Begehrte ganz unverbindlich besteigen zu wollen, stellt sich die Frage: Ist das noch Poetry Slam oder schon Mario Barth? Interessant ist, wie Jasmin in ihrem Slam-Text von einem „Blondfluch“ redet und den ganz alltäglichen Sexismus aus anderer, weiblicher Perspektive schildert – und doch in der ironischen Akzeptanz verharrt. Wie ein deplatzierter Paukenschlag wirkte dagegen Coos Slam-Vortrag über die Fälle von Vergewaltigung und den (wenn überhaupt) milden Strafen für die Täter. Ihre Performance ist dagegen unliterarisch. Nüchtern wird das Beklagte vorgetragen: Der Abfall einer sexistischen Welt. Auch für alle?
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.
Wortgewaltig
Jean-Philippe Kindler in Hattingen
„Literatur kann Menschen mobilisieren“
Marock Bierlej über Selfpublishing, den Rausch und Alternativen zum Lesen – Literatur 01/19
Vulgär mit Verstand
Felicitas Friedrich eröffnet am 19.07.2018 die trailer-Wortschatzbühne auf Bochum Total mit geistreichem Poetry Slam
Dates im Sandwich-Toaster
Lesebühne „Wir müssen rEDEN“ am 19.7. im Bochumer Café Eden – Literatur 07/17
Menschen, Leute, Emotionen
Patrick Salmen liest aus „Genauer betrachtet sind Menschen auch nur Leute“ im Bahnhof Langendreer – literatur 05/17
Wenn ich groß bin, werde ich Fisch
„Biodiversity Science Slam“ am 12.12. im Bochumer Blue Square – spezial 12/16
Ficks und Flops
NRW-Slam-Finale 2016 am 15.10. im Schauspielhaus Bochum
Auskotzen für eine bessere Welt
„Grenzen-los“-Slam am 29.9. in der Essener Kreuzeskirche – Poetry 09/16
Von Krimis, Western und Slam-Poetry
Literarisches aus Bochum, Essen und Gelsenkirchen – Lesezeichen 10/16
Wider die Tchiboisierung des Lebens
Patrick Salmen zündet Slam-Feuerwerk im Essener Grend – Poetry 09/16
Rote Ruhr und Kulturkanal Herne
Literarisch-Historisches aus Herne, Mülheim und Sterkrade – Lesezeichen 09/16
Poetisch durchgeschleust
Jule Weber gewinnt Slam-Duell auf dem Kulturkanal – Literatur 08/16
Ein Meister des Taktgefühls
Martin Mosebachs Roman „Die Richtige“ – Textwelten 05/25
Die Unschärfe der Jugend
Diskussion über junge Literatur im Essener KWI – Literatur 04/25
Die Kunst der zärtlichen Geste
„Edith“ von Catharina Valckx – Vorlesung 04/25
Unglückliche Ehen
„Coast Road“ von Alan Murrin – Literatur 04/25
Über Weltschmerz sprechen
„Alles, was wir tragen können“ von Helen Docherty – Vorlesung 04/25
Erinnerungskultur
Gegen Vergessen und für Empathie – ComicKultur 04/25
„Die großen Stiftungen scheinen es nicht zu kapieren“
Gerd Herholz über sein Buch „Gespenster GmbH. Interventionen aus dem Ruhrgebiet“ – Interview 04/25
Ein wunderbarer Sound
Natalia Ginzburgs Roman „Alle unsere Gestern“ – Textwelten 04/25
Verlustschmerz verstehen
„Als der Wald erwachte“ von Emma Karinsdotter und Martin Widmark – Vorlesung 03/25
Cool – cooler – Aal
„Egal, sagt Aal“ von Julia Regett – Vorlesung 03/25
Aus dem belagerten Sarajevo
„Nachtgäste“ von Nenad Veličković – Literatur 03/25
Der legendäre Anruf
Ismail Kadares Recherche über Stalin und Boris Pasternak – Textwelten 03/25
Die Geschichte der Frau
Ein Schwung neuer feministischer Comics – ComicKultur 03/25