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Rolf Escher, Café in Genf, 1990, Tuschfederzeichnung, 35 x 55 cm
© Künstler

Fremde, vertraute Orte

30. September 2026

Rolf Escher im Schlieker-Haus in Bochum – kunst & gut 10/26

Zum zweiten Mal nach 2010 ist Rolf Escher im Schlieker-Haus zu Gast. Nach wie vor ist der Essener Künstler aktiv und reisefreudig, und fast zeitgleich zur Eröffnung mit seinen Kaffeehaus-Bildern hat er seinen 90. Geburtstag gefeiert. Das Fest fand im barocken Erbdrostenhof in Münster statt, und das passt zu seinem Werk: In seinen Feder- und Bleistiftzeichnungen, Aquarellen, Radierungen und Lithographien zeigt er besondere, historische Orte, die er selbst, teils wiederholt, besucht hat. Seine Bilder widmen sich öffentlicher Architektur, ihrer Nutzung und dem Bewahren des Alten im Fortschritt. Sie berichten von Kulturen und Traditionen und ihren Überbleibseln und Spuren. Vorgetragen in einem versierten, wie leichthin notierten Realismus, der sich flüchtig und innehaltend auf das Wesentliche konzentriert, stellt sich noch der Ton alter, überlieferter Geschichten ein. Kaum jemand ist in diesen Räumen und Sälen zu sehen, sie sind meist menschenleer, mit dem Vorteil, dass sie nun umso klarer zu durchschauen und in ihrer Konstruktion zu verstehen sind. Neben die Dokumentation tritt das atmosphärische Durchdringen der Orte.

Geboren in Hagen, hat Rolf Escher an der Kunstakademie Düsseldorf studiert, später unterrichtete er lange als Professor an der Fachhochschule in Münster. Heute gehört er zu den bedeutenden grafischen Künstlern in Deutschland. Sein Werk bleibt sich über die Jahrzehnte hinweg treu. Escher sucht nach auratischer Einzigkeit und dem Genius loci, den er zunächst im Skizzenblock festhält. Dazu hat er eine Vorliebe für bestimmte Sujets, die über die Jahre eine typologische Zusammenstellung ermöglicht, besonders für Bibliotheken und Wunderkammern überall in Europa.

Rolf Escher, Zeitungsständer im Café Tomaselli, Salzburg 1996, Farblithographie, 48 x 31 cm, © Künstler

Im Schlieker-Haus in Bochum-Querenburg sind nun überwiegend, die Interieurs von Kaffeehäusern zu sehen, darunter einige ikonische, berühmte. Menschen tauchen auch hier nicht auf, es sei denn, Rolf Escher hat einzelne Personen als Porträts, sitzend an einem Tisch, eingefügt. Doch auch an den stillsten Orten scheint ein Flüstern und Stühlerücken zu hören zu sein. Dabei ist Escher ein genauer Beobachter, der noch in die Raumecken und die Wände entlang schweift. Er ertastet virtuos die Fläche und setzt das ganze Repertoire der Zeichnung und der Druckgraphik ein. Er verdichtet und arbeitet mit dem Kontrast von hell und dunkel. Er erzeugt mit Verwischungen nasse Böden und aktiviert den weißen Papiergrund. Mittels Ausradierungen legt er das Blattweiß wieder frei und dieses reflektiert nun wie im Tageslicht. Schatten entsteht durch feine Kreuzlinien, und in den Parallellinien der Striche öffnet sich der Raum hin zur Ausdehnung in die Tiefe des Saales. Mit einem surrealen Ton belebt, treten wir selbst ins Kaffeehaus ein, nehmen Platz oder blicken aus der Distanz auf die urbanen Orte. Ereignisse werden lebendig, berichten von ihren besten Jahren, von Vergänglichkeit und der Hoffnung auf ein erneutes friedliches Miteinander. Rolf Escher hält Zeiten fest, als die Zeiten stillstanden – völlig entschleunigt und ein Trost in unserer schnellen, unruhigen Gegenwart.

Rolf Escher – Erinnerungsort Kaffeehaus | bis 25.10. | Schlieker-Haus Bochum | 0234 978 95 11

Thomas Hirsch

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