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Die Tanzprojekte von Pottporus e.V. spielen mit dem Moment der Überraschung
Filmstills: Oscar Loeser /Schnittbüro

Hip-Hop ist ein wildes Tier

13. April 2017

Film „Impuls“ in der Eve Bar des Schauspielhaus Bochum im Rahmen von „TANZ BOCHUM, TANZ!“

Sieben Jahre ist sie her, die RUHR.2010. Sieben Jahre später trägt die Stadt Essen erneut den Titel einer Hauptstadt, dieses Mal ist sie grüne Hauptstadt. Erneut wurde diese Auszeichnung stellvertretend für das Ruhrgebiet und all jene Regionen eingefahren, die den Strukturwandel zu einem Großteil erfolgreich bewältigt haben. Und noch kann hier optimistisch in die Ferne geblickt werden, während man sich große oder zumindest dauerhafte Veränderungen erhofft.

Mit Bekanntwerden der grünen Auszeichnung an die Stadt wurden ebenso schnell die skeptischen oder gar hämischen Stimmen laut. Denn wie grün und nachhaltig kann ein Ort sein, durch dessen Mitte eine dreispurige Autobahn verläuft? Noch ganze acht Monate des gelebten Bio-Siegels hat Essen als offizieller Träger des Titels „European Green Capital“ vor sich, die Spuren des Kulturhauptstadtjahres sind jedoch deutlich schwerer zu lesen.

Die Tanzprojekte leben von der Widerspenstigkeit der einzelnen Stile

Zweifelsohne machte das Ruhrgebiet auch vor und nach seiner Nominierung von sich reden; allein das Ausstechen von regionalen und nationalen Bewerbern wie Köln, Regensburg, Bremen, Lübeck und Potsdam war – je nach Perspektive – Skandal oder Triumph. Doch am Ende des Tages stellt sich gleichermaßen die Frage, was es brachte, dieses Jahr der allgegenwärtigen Kultur.

Während sich das knapp 18km entfernte Essen heute einem grünen Bewusstsein verschrieben hat, blickt das Tanzfestival „TANZ BOCHUM, TANZ!“ sieben Jahre später zurück auf den Wandel, den RUHR.2010 der Region brachte. Der Fachmann spricht hier von Festivalisierung und ihren Folgen, die zumeist dann kritische Züge annehmen, wenn sich finanzielle Förderung, Dauer und überregionale Aufmerksamkeit dem Ende neigen.

Im Falle von Pottporus e.V. / Renegade hingegen fungierte RUHR.2010 nicht nur als Motor für Produktionen und Kooperationen, sondern verschaffte dem Wort-Tanz-Bild-Klang-Kollektiv zusätzlich eine Bühne, die diesem nicht zuletzt zu internationaler Präsenz verhalf. Als Pionier der ersten Stunde verstand das Schauspielhaus Bochum das Potenzial der Tanzproduktionen, die erst durch jene impulsive Mischung aus Street-Art-Elementen und klassischen Kunstformen wirken. Seit 2010 / 2011 mischt das Projekt „Renegade in Residence“ den Spielplan des Schauspielhauses mit seinen Fusionen aus Hip-Hop, Breakdance und klassischem Tanz auf – eine Entwicklung, die zu Beginn von RUHR.2010 oder gar 2007, im Jahr der Gründung von Pottporus, nicht abzusehen war.

Malou Airaudo während der Proben zu „Irgendwo“

Den Weg, den das tanzende Ruhrgebiet – und vor allem nicht-professionell bzw. elitär ausgebildete Künstler – ging, um zu Renegade, dem „Jungen Pottporus“ oder dem Tanzlabor zu gelangen, zeichnet der Film „Impuls“ von Oscar Loeser nach, der an diesem Abend des 12.4. in der Eve Bar des Schauspielhauses gezeigt wird. Sieben Jahre nach dem Kulturhauptstadtjahr, aber vor allem im Rahmen des Tanzfestivals „TANZ BOCHUM, TANZ“ hat der dokumentarisch angelegte Streifen eine unbedingte Berechtigung im Programm, ist er doch mehr als nur eine Momentaufnahme der damaligen Protagonisten, Tänzer und Organisatoren.

In den knapp 40 Minuten wird vor allem der Kampf deutlich, den die urbane Tanzkultur auch im Ruhrgebiet zu kämpfen hatte; da können noch so viele Backsteinwände voll von Graffiti sein, diese Gegend wird niemals zu New York. Noch nicht einmal zur Bronx. Und doch stellt sich dem Betrachter anhand der Interviews, Probe- und Landschaftsaufnahmen recht schnell die Frage, warum genau dem Ruhrgebiet das Zeug zum Hip-Hop – und gerade zum experimentellen Hip-Hop, der die Begegnung mit anderen Kunstformen wie etwa Tanz sucht – fehlen sollte. 

Dass es Renegade ins Schauspielhaus geschafft haben, ist dennoch ein kleines Wunder, schließlich spricht nicht zuletzt Bettina Milz, Referatsleiterin für Theater und Musik in der Staatskanzlei des Landes NRW, in Loesers Film davon, dass der Hip-Hop im Moment der Aufführung auf staatlichen Bühnen gar domestiziert werde. Domestizieren, das klingt nach Unterwerfung, danach, dass einer – vermutlich die Hochkultur – stärker wäre als der andere, der widerum wild und ungezähmt ist. Dabei ist gerade diese Verschmelzung, diese Verwässerung von Stilen und künstlerischen Auffassungen doch ein prägnantes Merkmal des Lebens innerhalb einer Stadt. Darüber hinaus gibt Loesers Film zugleich zu verstehen, dass Hip-Hop, Breakdance und all die sub-urbanen Formen von Ausdruck und Widerstand jenes wilde Tier bleiben müssen, das sie offensichtlich sind.

Illegal und kostenlos: Urbane Kreativität sucht und findet eigene Wege

Ob gezähmt oder nicht, Renegade und Pottporus sind ihren Weg vom Underdog ins Rampenlicht gegangen. Die Brüche, mit denen das Kollektiv arbeitet, bedingen den Moment der Überraschung, des Neuen. Besonders deutlich wird dies in der Performance „Irgendwo“ unter der Regie von Malou Airaudo, die deutschlandweit gefeiert wurde. Auch hier gelingt es Oscar Loeser mit „Impuls“, mehr festzuhalten als nur Erinnerungen aus der Welt vor sieben Jahren. Sein Film ist keinesfalls als Randnotiz im Spielplan des Tanzfestivals 2017 zu lesen. Unaufgeregt und ehrlich versteht es „Impuls“, die entscheidenden und doch scheinbar alltäglichen Situationen von Proben über Gespräche bis hin zu Aufführungen einzufangen und an die Kraft einer Idee zu erinnern, die einst vom Rest eines ganzen Landes als mindestens größenwahnsinnig eingestuft wurde. 

 

TANZ BOCHUM, TANZ! 7 Jahre Renegade in Residence – Tanzfestival | www.schauspielhausbochum.de

Pottporus e.V. | www.pottporus.de

 

Barbara Slotta

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