Chris Taylor von Grizzly Bear veröffentlicht mit „Dreams come true“ unter dem Namen Cant sein erstes Soloalbum. Das ignoriert natürlich erfolgreich die Grenzen zwischen elektronisch und akustisch, zwischen Pop und Experiment. Trotz des Indie-Gestus und des Singer/Songwriter-Status seiner Stücke entfaltet seine Musik auch immer wieder funky Momente. Mitunter ganz groß (Warp). Das Berliner Duo Tarwater macht seit fünfzehn Jahren Inditronics. Musikalisch vermitteln sie zwischen Krautrock und der Electronica der Gegenwart. Bei aller Kleinteiligkeit wirkt die Musik minimalistisch, der Sprechgesang verströmt somnanbule Atmosphäre. Auch mit dem elften Album „Inside the Ships“ ändert sich da wenig – was kein Schaden ist (Bureau B). Die Compilation „Golden Beirut – New Sounds from Lebanon“ widmet sich weder folkloristischen Strömungen noch dem in der arabischen Welt ungemein erfolgreichen Mainstreampop Libanons, sondern dem Underground. Zu hören gibt es sowohl rauen als auch soften Indierock, Hip-Hop, Electroclash oder Indiefolk. Einiges davon könnten auch in den USA, England oder Deutschland entstanden sein, anderes experimentiert mit orientalischen Einflüssen. Ein spannender Einblick in diese pulsierende Kulturmetropole des Nahen Ostens (Out There).
Auch das dritte Album des Brasilianers Gui Boratto – kurz „III“ betitelt – erscheint wieder bei dem Kölner Label Kompakt: Klar produzierter Techhouse mit wilden Soundmodulationen. Boratto hat zwar einen Hang zur Melancholie, bringt auf seinem Album aber einige scharfkantige Clubtracks (Kompakt). Für 2011 wurde bereits der Summer of Cumbia ausgerufen. El Hijo de la Cumbia könnte das noch hinbekommen. Sein Cumbia Electrónica auf „Freestyle De Ritmos ...“ ist clubtauglich und verbindet Flöten, Accordeon und die typischen Percussions mit einer looporientierten Produktion, die jeden Club zum Kochen bringt (Ya Basta). Den Wu Tang Clan gibt es trotz langjähriger Gerüchte um Streitereien immer noch. Beweis ist das sechste Studioalbum „Legendary Weapons“, das sich wieder ganz dem Martial Arts-Thema der frühen Tage widmet. Ob die vielköpfige Crew tatsächlich gemeinsam im Studio stand, ist nicht übermittelt. Fest steht, dass alle bedeutenden Mitglieder inklusive Chefproduzent RZA beteiligt sind und die Soulsamples und die Beats wieder gut abgehangen klingen (E1). Die Ahnenreihe des Hip- Hop erforscht die Compilation „Early Rappers. Hipper than hop – the ancestors of Rap“. Von Blues und Swing über Soul und Funk werden die in der Tradition der Griots stehenden Staffelläufer der afroamerikanischen Oral History angeführt, von Lightnin' Slim und Cab Calloway über Bo Diddley und Andre Williams zu den Last Poets und U-Roy (Trikont).
Vor einigen Monaten kam eine Dokumentation über das deutsche Jazz-Label ECM in die Kinos. Dort sah man ECM-Chef Manfred Eicher und die Künstler, wie sie an ihren glasklaren Klangaufnahmen – auch jenseits des Jazz – tüftelten. Die CD „Music for the Film Sounds and Silence“ versammelt nun Stücke der Pianisten Keith Jarrett und Nik Börtsch, des Oud-Spielers Anouar Brahem und des Komponisten Arvo Pärt u.a. Das Vegetable Orchestra macht tatsächlich Musik aus Gemüse. Obst wurde auf dem Album „Onionoise“ wohl nicht verwendet, klassische Instrumente schon gar nicht. Stattdessen bastelte man Rettichflöten, Kürbistrommeln und raspelte rhythmisch Kraut. Das Ergebnis klingt zwar auch mal nach Krautrock, ebenso oft aber wird daraus Techno oder Free Jazz (Transacoustic Research).
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